Gewiss, man kann es verwunderlich finden, wenn der FDP-Vorsitzende Christian Dürr und seine Generalsekretärin Nicole Büttner zurücktreten – und im gleichen Atemzug ihre erneute Kandidatur erklären.
Gewiss, die FDP hat in den vergangenen Jahren schwere Fehler gemacht. Die PR-Strategie Christian Lindners, Opposition in der Ampel-Regierung sein zu wollen, war selbstbezogen und, ja, zu wenig im Interesse des Landes.
Gewiss, nach dem Scheitern der Ampel im Januar 2025 entblößte sich die FDP (Fraktionschef: Dürr), indem sie in großen Teilen mit der AfD für das instinktlose Manöver von Friedrich Merz im Bundestag (namens „Zustrombegrenzungsgesetz“) votierte.
Daniel Friedrich Sturm Daniel Friedrich Sturm leitet das Hauptstadtbüro des Tagesspiegels und gehört der erweiterten Chefredaktion an.
Es gibt also viele Gründe, sich über die FDP zu echauffieren, zu ärgern, zu empören.
Doch es ist ein Jammer, dass die Liberalen zusehends aus den Parlamenten verschwinden. Deutschland stünde heute ohne die FDP schlechter da. Es war die FDP, die als Koalitionspartner den Etatismus von Union und SPD immer wieder eingehegt hat. Es waren die FDP und ihr Außenminister Walter Scheel, die mit Kanzler Willy Brandt und der SPD die wegweisende Ostpolitik betrieben. Es waren die FDP und ihr Außenminister Hans-Dietrich Genscher, die die Vereinigung Deutschlands 1990 mit Helmut Kohl gestalteten.
Viele Bürgerinnen und Bürger wähnten die meist relativ kleine FDP als Funktionspartei, Mehrheitsbeschafferin, „Zünglein an der Waage“, kurzum: als unangemessen mächtig. Dabei verstand es die FDP eben besonders gut, unter Genscher und Otto Graf Lambsdorff trickreich, mit Guido Westerwelle öffentlichkeitswirksam, ihre eigenen Positionen durchzusetzen. Man sollte Parteien und Politikern nicht vorwerfen, Macht ausüben zu wollen.
Lesermeinungen zum Artikel
„Ich denke nicht, dass Deutschland noch eine FDP braucht. Deutschland braucht eine völlig neue Partei mit konservativ-sozialen Wurzeln, die versteht, wie man heute noch soziale Marktwirtschaft betreibt. Unabhängig von den ganzen Lobbyisten und frei von politischer und religiöser Ideologie.“
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Heute ist die FDP machtloser denn je. Im September droht in Sachsen-Anhalt ein Drei-Fraktionen-Landtag ohne FDP und SPD. Doch es fehlt etwas, wenn es im Kühlregal mehr Sorten Skyr-Joghurt gibt als Parteien im Parlament. Deutschland braucht die FDP.
Marie-Agnes Strack-Zimmermanns Kandidatur für den FDP-Vorsitz lässt hoffen. Strack-Zimmermann ist umstritten, streitbar, aber eben kenntlich – und: durch und durch liberal. Übrigens: Ihr Europawahlkampf 2024 mit klaren Positionen (Ukraine!) und ohne Ressentiments war der letzte erfolgreiche Wahlkampf der FDP.