Man kann diese neueste Entwicklung auf dem Berliner Zeitungsmarkt natürlich auch als „Frischzellenkur“ verstehen, wie das manche Mediendienste gemacht haben. Oder darin die „Zukunft des Journalismus“ sehen, gar ein „einzigartiges Labor in der deutschen Medienlandschaft“, wie die für diese Entwicklung nicht zuletzt verantwortliche, ehemalige Chefredakteurin der Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“, Miriam Krekel.
Jedenfalls wird die „B. Z.“, die im Axel Springer Verlag erscheint, in Zukunft von der hauseigenen Journalismusschule Axel Springer Academy übernommen und von einem „Kernteam aus erfahrenen Redakteuren und wechselnden Journalistenschülern“ produziert, wie der Axel Springer Verlag am Donnerstag mitteilte. Leiten werde das Ganze eben jene Miriam Krekel, die von 2017 bis 2022 „B.Z.“-Chefredakteurin war und seit 2022 der Axel-Springer-Journalistenschule vorsteht.
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Krekel sagt in der Mitteilung: „Was die Academy kann, ist, alle modernen Formen des Journalismus zu beherrschen und mit einer unbändigen Neugier auszuprobieren, was die Zukunft des Journalismus sein kann und wie wir diese gestalten.“ Und weiter: „Die B.Z. wird die jüngste Medienmarke Deutschlands werden – und das im 150. Jahr ihres Bestehens.“
„Unabhängiges Experimentierfeld“
So wird dieser Move des Hauses Springer handelsüblich schön nach vorn verkauft, unter anderem auch damit, „mit einzigartigen Ideen den digitalen Lokaljournalismus neu prägen“ und ein „unabhängiges Experimentierfeld für ungewöhnliche Ideen“ sein zu wollen.
Man kann diesen Umbau aber auch etwas kritischer betrachten, gerade vor dem Hintergrund des Auflagenrückgangs und Leser- und Leserinnenschwunds, der auch vor der tatsächlich 1877 gegründeten „B.Z.“ nicht haltmacht: Lag die Auflage der Boulevardzeitung Anfang des Jahrtausends noch bei mehr als 200.000 Exemplaren, betrug die verkaufte Auflage im ersten Quartal 2026 laut Zahlen der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) noch knapp 63.000 Stück, 11 Prozent weniger als im Vorjahr.
Man muss diesen Kurswechsel also auch als Verschlankung und Sparmaßnahme verstehen. Denn wie groß das „Kernteam der alten B.Z.“ ist, wurde nicht gesagt, aber laut Informationen der Nachrichtenagentur dpa ist eben mit all dem auch ein Stellenabbau „im niedrigen zweistelligen“ Bereich verbunden. Es gebe Gespräche mit dem Betriebsrat, ein Freiwilligenprogramm solle auch angeboten werden.
Ob all das der „B.Z.“ hilft? Die alten, treu gebliebenen Boulevardzeitungsleser und -leserinnen bei der Stange halten und die jungen Journalisten der Academy eine neue Generation an diese Zeitung führen lassen? Mit „Daten- und investigativen Recherchen sowie innovativen journalistischen Ideen zu AI-unterstütztem hyperlokalen Journalismus“, wie es sich Miriam Krekel vorstellt? Immerhin: Ein Vertrauen in seine Marken hat der Axel Springer Verlag, wie auch immer die inhaltliche Performance dann aussieht.