Der Zylinder von Marlene Dietrich hat Ausgang. Leicht schräg sitzt er in einer stimmungsvoll beleuchteten Vitrine. Und leicht schräg saß er auch auf dem Kopf der Schauspielerin, als sie 1930 im Film „Morocco“ die berühmte Nachtclub-Szene spielte, in der sie eine Frau auf den Mund küsste.
Wie die Weste und das Zigarettenetui in der Vitrine direkt daneben gehört der Zylinder zur Marlene-Dietrich-Collection der Deutschen Kinemathek. Seit deren Auszug aus dem geschlossenen Filmhaus am Potsdamer Platz ist die Sammlung im Depot verschwunden. Nun haben aber zumindest diese Stücke einen kleinen Auftritt in der Ausstellung „Inventing Queer Cinema“, der ersten am neuen Ort, im deutlich kleineren E-Werk in der Mauerstraße.
Wie fabelhaft Marlene Dietrich, die auch privat gerne Hosen trug und Affären mit Frauen hatte, mit Frack, Fliege und Hut aussah, kann auf der großen Leinwand direkt neben den Vitrinen bewundert werden. Dort ist die „Morocco“-Szene als Teil einer Collage mit queeren Momenten aus Filmen von Ernst Lubitsch, G. W. Pabst oder Leontine Sagan zu sehen.
Die Ausstellung
„Inventing Queer Cinema“, Deutsche Kinemathek, Mauerstraße 79, bis 13. September. Do-So 10-18 Uhr.
Am 17.5. ist der Eintritt zur Feier des Internationalen Museumstages frei.
Entstanden zwischen 1913 und 1933 in Deutschland, belegen sie den von Kinemathek-Leiterin Heleen Gerritsen bei einem Rundgang als „krasse Behauptung“ bezeichneten Ausstellungstitel als durchaus gerechtfertigt, zeigen sie doch, welche Pionierleistungen der LGTBIQ-Repräsentation hierzulande bereits während der Weimarer Republik stattfanden.
Allen voran ist hier sicher Richard Oswalds „Anders als die Anderen“ zu nennen, der 1919 erstmals männliche Homosexualität auf die Leinwand brachte – und ein Plädoyer des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld gegen den Paragrafen 175 in Szene setzte.
© Jonas Walter
Das Werk, dem das Schwule Museum vor einigen Jahren eine eigene Schau widmete, lief bis zu seinem Verbot 1920 sehr erfolgreich in großstädtischen Kinos. Ebenfalls ein Kassenhit war die erste Adaption des Internatsdramas „Mädchen in Uniform“ (1931), die trotz lesbischem Kuss auch in der NS-Zeit aufgeführt werden konnte. Die Ausstellung zeigt unter anderem zwei Kostüme und ein großes Plakat des Films.
Das Herzstück von „Inventing Queer Cinema“ bildet eine Installation übereinander gehängter Bild- und Texttafeln, die den begrenzten Platz in der schmalen, aber hohen Halle geschickt ausnutzt. Dabei geht es wild durch die Jahrzehnte und Genres: Stills aus Monika Treuts skandalisiertem „Verführung: Die grausame Frau“ (1985) oder dem sowjetischen Militärdrama „100 Tage, Genosse Soldat!“ (1990) treffen auf Fakten über die schlechten Einspielergebnisse von Aidsfilmen bis hin zu Szenenbildern aus Coming-of-Age-Filmen der jüngeren Vergangenheit wie dem kenianischen „Rafiki“ oder dem belgischen „Young Hearts“.

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Diese bewusst wuselige Präsentation, der ein konventioneller Zeitstrahl zur Seite gestellt wurde, verweist auf die Gleichzeitigkeit und Verwobenheit der queeren Filmgeschichte. Etwas mehr Raum nehmen in diesem Labyrinth zwei zentrale Figuren der schwulen Nachkriegsfilmgeschichte ein, die beide in (West-)Berlin arbeiteten. Da ist zunächst der im Dezember verstorbene Rosa von Praunheim, dessen „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ 1971 mit einer sechskanaligen Installation gewürdigt wird.
Dieses für den WDR gedrehte Auftrags- und Aufklärungswerk brachte dem Regisseur nicht nur den Durchbruch, sondern war auch ein bis heute nachwirkender Urknall-Moment für die schwul-lesbische Emanzipationsbewegung in Westdeutschland. Weil Rosa von Praunheim darauf bestand, dass nach den Vorführungen in den Kinos Gesprächsrunden stattfanden, nahmen dort Dutzende von aktivistischen Gruppen ihren Anfang. Auch die Gründung queerer Filmfestivals wurde davon inspiriert. Eine berühmte Publikumsdiskussion mit dem Regisseur, die im Fernsehen lief, ist ausschnittsweise in der Installation zu sehen.
© Deutsche Kinemathek/Erika Rabau
Die zweite in der Ausstellung breiter gewürdigte Person ist Manfred Salzgeber, der übrigens in „Nicht der Homosexuelle …“ mitwirkte. Als Kinobetreiber und vor allem als erster Leiter des Berlinale-Panoramas gab er queeren Werken und ihren Macher*innen ein Podium und einen Vernetzungsraum. Der von ihm und Wieland Speck erfundene Teddy Award ist der international wichtigste queere Filmpreis.
Als Salzgeber in New York 1985 mit „Buddies“ den ersten Spielfilm zum Thema Aids entdeckte und erfolglos versuchte, ihn deutschen Sendern oder Verleihern zu vermitteln, gründete er kurzerhand einen eigenen Verleih. Er existiert bis heute, knapp 32 Jahre nachdem Manfred Salzgeber an den Folgen von HIV gestorben ist.
Der langjährige Salzgeber-Geschäftsführer Björn Koll hat „Iventing Queer Cinema“ kuratiert und sich damit „einen kleinen Lebenstraum erfüllt“, wie er beim Rundgang durch die Ausstellung sagt. Neben vielen Fotos gibt es eine Videobox, in der man sich Gespräche von Salzgeber mit Weggefährten ansehen kann.
© Jonas Walter
Erstmals werden zudem Bestände aus dem Archiv des Salzgeber-Verleihs gezeigt, die sich vor allem im zweiten Ausstellungsteil entdecken lassen. Dieser befindet sich im Schaltraum des Umspannwerks – jetzt liebevoll als „Schatzkammer“ bezeichnet. Man erreicht ihn per Aufzug und steht vor einem imposanten Steuerpult, dessen patinaüberzogener Industriecharme einen hübschen Kontrast zu den darüber drapierten Stoffen bildet.
Zu sehen sind diverse Requisiten, etwa eine Kette und eine Sonnenbrille aus Wieland Specks Ost-West-Liebesgeschichte „Westler“ oder ein Hörner-Hut aus Ulrike Ottingers „Freak Orlando“ sowie verschiedene Utensilien aus Manfred Salzgebers Besitz wie sein Adressbuch, Festivalpässe oder Werbematerial für Filme seines Verleihs. Blickfang in der Mitte ist ein gelber Anzug von Rosa von Praunheim, mit dem er an Aids-Tote erinnerte.
Die Ausstellung wirft viele spannende Schlaglichter auf die queere Filmgeschichte, konzentriert sich dabei allerdings stark auf Berlin und Europa. Fast völlig ausgeblendet bleiben Hollywood sowie das New Queer Cinema, was größtenteils rechtliche Gründe hat, wie Björn Koll sagt. So vermisst man zwar einige wichtige Stimmen wie Todd Haynes, Gregg Araki oder die Wachowski-Geschwister, allerdings hätte die Kinemathek dafür ohnehin nicht den Platz.
Äußerst umfangreich ist dafür mit 97 Werken das begleitende Filmprogramm, das im hauseigenen Studiokino läuft. Zudem wird es ein breites Angebot von Gesprächsformaten geben. Dass die Deutsche Kinemathek ihre Räume und Archive zum Neustart im E-Werk für die wieder stärker in Bedrängnis geratene queere Community öffnet, ist ein starkes Zeichen – und wird auch Besucher*innen jenseits davon bereichern.