Das gibt es jetzt auch nicht so häufig, dass der Tourstart einer Musicalproduktion mit einem Podiumsgespräch beworben wird. Genauer: einem Podiumsgespräch im Berliner Admiralspalast, in dem es nicht nur um die Motivation der Musicalmacher geht, sondern um die Frage, welche Bedeutung Zivilcourage und demokratische Verantwortung heute haben.
Das Datum für das Gespräch über das Musical „Die weiße Rose“, eine preisgekrönte Produktion des Festspielhauses Neuschwanstein, ist mit Bedacht gewählt: Der 8. Mai 1945 markiert mit der deutschen Kapitulation das Ende des nationalsozialistischen Terrors in Europa.
Jenes mörderischen Terrors, dem 1943 auch Hans und Sophie Scholl zum Opfer fielen. Die Geschwister sind die bekanntesten Mitglieder der „Weißen Rose“, einer studentischen Widerstandsgruppe in München, die bis zu ihrer Verhaftung etwa mit dem Verteilen von Flugblättern gegen das nationalsozialistische Regime arbeitete.
Das Musical
„Die weiße Rose“ von Vera Bolten und Alex Melcher über die Münchner Widerstandsgruppe feierte im Juni 2025 im Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen Premiere und wurde in sieben Kategorien mit dem Deutschen Musical Theater Preis ausgezeichnet.
Die Deutschlandtour, zu der auch jeweils Vorstellungen für Schulen gehören, beginnt vom 10.-13. Juni im Berliner Admiralspalast und führt weiter nach Düsseldorf, München, Füssen, Stuttgart und Köln.
Zum Auftakt der Runde, die Tagesspiegel-Herausgeber Lorenz Maroldt moderiert, gibt es erst mal einen Beitrag aus dem „heute-journal“ des ZDFs zu sehen, der das Musical vorstellt. Versehen mit der Frage, ob es angemessen sei, die Geschichte der „Weißen Rose“ mit den Mitteln des Musicals – Schauspiel, Gesang, Tanz – populär aufzubreiten. Eine Frage, die sich die Musicalmacher Vera Bolten (Text, Regie) und Alex Melcher (Musik) so nicht gestellt haben, wie sie erzählen.
Ihre Bedenken, die in einen sechsjährigen Recherche- und Entstehungsprozess mündeten, galten eher dem Respekt vor den sechs Mitgliedern der Widerstandsgruppe, von denen sie im Musical erzählen. „Ich wollte ihnen unbedingt gerecht werden“, sagt Bolten.

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Später liest sie einen Text der naturbegeisterten Sophie Scholl vor, der als direkte Vorlage für einen Song diente, den deren Darstellerin Friederike Zeidler dann zu Klavierbegleitung singt. Sicher gebe es im Musical Szenen, die nicht wortwörtlich überliefert seien, sagt Bolten. „Aber hinzuerfunden haben wir nichts.“ Alles andere hätte sicher auch der „Weißen Rose Stiftung“ missfallen, die den Entstehungsprozess der Produktion begleitet hat.
Dass sich „Die weiße Rose“ nicht nur als Musicalunterhaltung, sondern auch als populäres Vehikel der politischen Bildung – gerade auch für Schüler und Schülerinnen – oder besser: als modernisierte Form von Erinnerungskultur versteht, wird in jedem Satz der Musicalmacher deutlich.
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach diskutiert mit
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hat gar den Landesparteitag seiner Partei verlassen und Schauspieler Daniel Donskoy ist aus London angereist, um die Produktion, die auf dem Plakat den Zusatz „Ein Musical über Umdenken, Verantwortung und Mut“ trägt, mit ihren Wortbeiträgen zu flankieren. Der Hamburger Gymnasiallehrer Bernd Ruffer, der die Unterrichtsmaterialien zum Musical entwickelt hat, und der ebenfalls aus Hamburg angereiste Abiturient Thorben Bauer komplettierten die Runde
Besonders Bauer ist davon überzeugt, dass ein emotionsgeladenes Musical wie „Die weiße Rose“ mehr über Geschichte vermitteln kann als der Schulunterricht, bei dem – wie Bernd Ruffer sagt – manchmal ohnehin nur eine Doppelstunde für das Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus vorgesehen ist.
Wir sind mittendrin – in einem weltweiten Rechtsruck, einer Erosion der politischen und ökonomischen Verhältnisse.
Daniel Donskoy, Schauspieler
Besonders Donskoy, der als einstiger Gastgeber einer WDR‑Talkshow über modernes jüdisches Leben in Deutschland reichlich antisemitische Anfeindungen einsammeln musste, macht sich wenig Illusionen über die von rechts kommenden Gefahren für die Demokratie.
Auf die Frage von Moderator Maroldt, was man vom Satz „Wehret den Anfängen“ lernen könne, sagt er: „Es gibt keine Anfänge. Wir sind mittendrin – in einem weltweiten Rechtsruck, einer Erosion der politischen und ökonomischen Verhältnisse.“
SPD-Mann Steffen Krach hat dem von Fragestellern geäußerten Befund, dass das Fehlen eines „Wir-Gefühls“ und dem mangelnden gesellschaftlichen Zusammenhalt von den demokratischen Parteien zu wenig entgegengesetzt würden, wenig entgegenzusetzen. Er betont die Verantwortung der Politik für die Erhaltung von Jugendklubs, Bildungs- und Kultureinrichtungen.
Die Bedeutung der Kultur beschwört auch Daniel Donskoy: „Irgendwann sind Theater, wo man live Schauspieler erlebt und für zwei Stunden die Handys ausstellen muss, der letzte Ort, an dem wir nicht von Algorithmen bespielt werden.“ Ein techno-autoritäres Regime, das sich Hans und Sophie Scholl noch nicht vorstellen konnten.