Wegen der russischen Aggression an der Ostflanke der Nato benötigt Deutschland mehr Soldaten. Donald Trumps Entscheidung, Tausende US-Soldaten abzuziehen, verschärft das Problem.
Viele Experten sagen, die erforderlichen Zahlen seien nur durch Wiedereinführung der Wehrpflicht zu erreichen. In der öffentlichen Debatte heißt es jedoch oft, die Betroffenen seien mehrheitlich dagegen.
„Nach unserer Befragung trifft das nicht zu“, sagt hingegen Timo Graf. Er ist Militärsoziologe am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam und leitet die jährliche Bevölkerungsbefragung.
Mir ist keine Umfrage bekannt, die unter den Jüngeren eine mehrheitliche Ablehnung belegt.
Timo Graf ist Militärsoziologe am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam. Dort leitet er die jährliche Bevölkerungsbefragung zum verteidigungspolitischen Meinungsbild.
Laut der jüngsten Studie vom April und Mai 2025 halten demnach 42 Prozent der 16- bis 29-Jährigen die Wiedereinführung eines Wehrdienstes für junge Menschen für notwendig. 30 Prozent lehnen sie ab. Ein Viertel ist unentschlossen.
„Mir ist keine Umfrage bekannt, die unter den Jüngeren eine mehrheitliche Ablehnung belegt“, betont Graf. Seit 2022 habe es 18 Umfragen zu Dienstpflicht und Wehrdienst gegeben. In der ZMSBw-Befragung spricht sich eine absolute Mehrheit in der Bevölkerung (53 Prozent) für die Wiedereinführung eines Wehrdienstes für junge Menschen aus. 49 Prozent wünschen eine Pflicht für Frauen und Männer gleichermaßen
„Seit der russischen Vollinvasion der Ukraine sehen wir eine Zeitenwende in den Köpfen“, sagt Graf. „Russland wird von zwei Dritteln der Bevölkerung als Bedrohung für Deutschland wahrgenommen. In der Folge ist die Bereitschaft, die Nato-Ostflanke und die östlichen Verbündeten aktiv zu verteidigen und nicht nur das eigene Land, von rund 30 auf über 50 Prozent gesprungen.“
Bei den Jüngeren und Hauptbetroffenen des neuen Wehrdienstes ist „das Zustimmungsniveau geringer als im Bevölkerungsdurchschnitt. Aber auch dort ist die relative Mehrheit dafür“, sagt der Militärsoziologe. „Unsere Daten geben das nicht her, dass junge Leute nicht bereit sind, sich etwas abzuverlangen und der Gesellschaft zu dienen.“
Positive Erwartungen an den Wehrdienst
„Viele Menschen verbinden positive Erwartungen mit dem Wehrdienst“, sagt Graf. 64 Prozent sagen, dies werde die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung stärken. „Seit 2022 sind klare Mehrheiten in allen Bevölkerungsgruppen dafür, mehr Geld für Verteidigung auszugeben. 83 Prozent haben eine positive Einstellung zur Bundeswehr, stehen also hinter der Truppe.“
Daraus leitet der Militärsoziologe Argumente ab, die auch Gegnern einer Wehrpflicht gefallen könnten. „Wir sehen tatsächlich ein großes Potenzial von Wehrwilligen. Das muss die Bundeswehr erst einmal ausschöpfen“, sagt Graf. Das Ziel der Bundeswehr, in einem ersten Schritt um 15.000 Freiwillige zu wachsen, erscheine machbar.
Die ersten Jahrgänge haben die „Fragebögen inzwischen erhalten und müssen sich nun ernsthaft mit dem Thema Wehrdienst auseinandersetzen“, sagt Graf. Auch die Zahlen der Kriegsdienstverweigerer steigen wieder. Doch „an den Verweigerungen wird der Aufwuchs der Bundeswehr nicht scheitern.“
Sieben Millionen zum Kampf mit der Waffe bereit
Nach den langen Friedensjahren ist die Vorstellung, Deutschland mit der Waffe verteidigen zu müssen, freilich für viele gewöhnungsbedürftig. In der Gesamtbevölkerung sind nach den Erhebungen von Graf 37 Prozent zum Kampf mit der Waffe bereit. 57 Prozent lehnen das ab. Damit liegt Deutschland weit hinter den nordischen und baltischen Ländern.
Doch eine Fixierung auf diese niedrig anmutenden Prozentzahlen „unterminiert das Vertrauen in die Verteidigungsbereitschaft“, warnt Graf. „Es könnte zudem einen Aggressor zu der Annahme verleiten, er habe leichtes Spiel mit Deutschland, und das falsche Signal an Verbündete wie die Litauer senden, die Deutschen würden ihnen bei einem Angriff nicht verlässlich beistehen.“
Für Graf kommt es auf die absoluten Zahlen an. In der Gruppe der physisch wehrfähigen Bürgerinnen und Bürger zwischen 20 und 40 Jahren sind nach seinen Angaben „54 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen bereit, für dieses Land zu kämpfen“. Das entspräche fünf Millionen Soldaten und zwei Millionen Soldatinnen. Und damit „weit mehr als in den Baltischen Staaten, die zwar höhere Prozentsätze an Wehrwilligen, aber viel kleinere Bevölkerungen“ haben.
„An kampfbereiten Bürgerinnen und Bürgern fehlt es absolut nicht. Wir sind stärker, als wir denken – und auch der Gegner denkt“, fasst Graf zusammen. „Die Bundeswehr braucht mehr aktive Soldatinnen und Soldaten, aber keine sieben Millionen. Der Engpass ist noch immer die Ausstattung, die Ausbildung und auch die Administration.“