Es ist kurz vor halb zwölf, als sich vor dem Roten Rathaus etwas mehr als 100 Menschen versammeln – die meisten von ihnen jung, viele im Schüler-Alter. Selbst gemalte Transparente überwiegen. „Kant-Gymnasium verweigert“, steht auf einer Fahne, die ein 18-Jähriger in die Höhe hält. „Ich möchte kein Teil der Kriegsmaschinerie sein“, sagt er. Ein Freund ergänzt: „Wir wollen selbst entscheiden, was wir nach dem Abitur machen sollen.“
Die Zubringerdemo nennt sich „Der Osten verweigert“. Neben einigen Flaggen der Linkspartei-Jugendorganisation Solid dominieren handgeschriebene Transparente das Bild.
Hintergrund der Proteste ist das im Dezember 2025 vom Bundestag verabschiedete Wehrdienstgesetz, das zunächst einen freiwilligen Dienst vorsieht, bei unzureichender Beteiligung aber eine teilweise Wehrpflicht ermöglicht. Gemustert werden sollen alle Männer ab dem Geburtsjahr 2008.
Laut einer Studie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam halten 42 Prozent der 16- bis 29-Jährigen die Wiedereinführung eines Wehrdienstes für notwendig. Nur 30 Prozent lehnen sie ab, ein Viertel ist unentschlossen. Wer heute demonstriert, vertritt also eine Minderheitsposition – zumindest in seiner eigenen Altersgruppe.
Keine Angst vor Putin
Betroffen von der Gesetzesänderung sind nur Jungen und Männer – doch auch zahlreiche Mädchen und junge Frauen demonstrierten. „Auch als Frau finde ich die Wehrpflicht absolut falsch, vor allem die Musterung. Der Mann geht in den Krieg, die Frau bleibt zu Hause – das ist doch sexistisch und altmodisch“, sagt die 17-jährige Hanna. Dass die Gesetzesänderung mit der Bedrohung durch Russland begründet wird, überzeugt sie nicht: „Russland ist eine Bedrohung, aber die führen doch keinen Krieg gegen Deutschland.“ Eine befriedigende Erklärung sei das für sie jedenfalls nicht.
Auch der Fahnenträger vom Kant-Gymnasium winkt ab: „Russland ist keine Bedrohung. Solange wir die Nato haben, wird Russland nicht angreifen.“ Sein Freund zögert: „Naja, eine Bedrohung gibt’s ja schon.“ Ein dritter junger Mann schaltet sich ein und versucht zu differenzieren: „Die meisten hier haben nichts gegen eine Berufsarmee – aber eben freiwillig.“
© Dominik Lenze
Die Sprechchöre fallen weniger differenziert aus. „Erstens scheiße, zweitens teuer: Bundeswehr, du Ungeheuer“, ruft die Gruppe, als der Zug gegen 11.30 Uhr Richtung Brandenburger Tor aufbricht. Später wird „Free Palestine“ gerufen, ein junger Redner im Abiturientenalter spricht von der „gesamten arbeitenden Klasse“, die das Thema Wehrpflicht angehe. Auch die Enteignung des Rüstungskonzerns Rheinmetall wird im Sprechchor gefordert.
Konzert, Kostüme, Klassenkampfparolen
Kurz nach 12 Uhr ist der Platz vor dem Brandenburger Tor bereits gut gefüllt. Die Veranstalter sprechen von 9000 Teilnehmenden, die Polizei von insgesamt 1.200 beim Demonstrationszug, der vom Roten Rathaus zur CDU-Bundeszentrale führt.
Auf dem Lautsprecherwagen gibt der Leipziger Rapper Hexer ein Konzert – er hatte schon zuvor auf einer Demo gegen die Wehrpflicht in Berlin gespielt. Auf jener Veranstaltung war ein Teilnehmer angezeigt worden, weil er ein Transparent mit der Aufschrift „Merz, leck Eier“ hochgehalten hatte. Hexer animiert das Publikum, die Parole nun gemeinsam zu rufen. Der Spruch ist auch auf dieser Demo beliebt – mehrere selbst gemalte Transparente tragen ihn.
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Unter den Demonstrierenden findet sich auch ein junger Mann im Kostüm des Mandalorianers, einer Figur aus dem Star-Wars-Universum. Sein Schild: „Kein Imperialismus“. Selbst ein Polizist schmunzelt über den Auftritt. Doch der verkleidete Sternenkrieger meint es ernst: „Geld sollte in Soziales gehen“, sagt er durch seine Maske.
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Zu den älteren Gästen der Schülerdemo zählt eine Gruppe des Berliner Landesverbands des BSW. Die kommunistische Tageszeitung „Junge Welt“ hat einen kleinen Pavillon aufgebaut, auch eine Fahne der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) ist zu sehen. Laut einer Recherche des Hessischen Rundfunks sollen Funktionäre der linksextremen Nischenpartei in die Organisation der Schülerproteste involviert sein.
„Fürs Militär sind Milliarden da“
Viel Zuspruch erhält die Rede von Gökhan Akgün, Landesvorsitzender der Lehrergewerkschaft GEW. „Unsere Aufgabe ist es nicht, Kinder auf den Krieg vorzubereiten“, sagt er. Junge Leute bräuchten „die Hoffnung auf ein gutes Leben, nicht Angst und Krieg“. Und: An Schulen werde gekürzt, doch „fürs Militär sind Milliarden da“. Die Menge antwortet mit lautem Jubel und Applaus.
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Kurz nach 13 Uhr setzt sich der Demonstrationszug vom Brandenburger Tor aus in Bewegung. Zuvor stimmt eine Rednerin die Menge ein: „Seid laut, damit uns auch der Bundestag hört.“ Dann rufen Hunderte Stimmen gemeinsam: „Hoch die internationale Solidarität.“
Die Schülerstreiks werden auch von einigen rechten Streamern begleitet – darunter derselbe Kampfsportstreamer, der Teilnehmer der Revolutionären 1.-Mai-Demo angegriffen haben soll. Eine Gruppe augenscheinlich sehr junger Antifas klappt Regenschirme vor sein Handy, um ihm die Sicht auf die Demo zu erschweren.
Kritisiert wurde an diesem Tag auch Bundeswehr-Werbung an Schulen. „Da wird uns indoktriniert, dass Nationalstolz gut ist, während sie im selben Atemzug die Sozialhilfen kürzen“, sagt ein Schüler, nach eigenen Angaben aus der Mittelstufe. Eine Freundin steht daneben und nickt: „Is’ so!“ Auf die Frage, ob er Deutschland nicht verteidigen würde, wenn es zum Krieg käme, antwortet er prompt: „Es ist nicht wert, für dieses Land zu sterben. Es gibt zu viele Minderheiten, denen Unrecht getan wird, es gibt zu wenig Geld für Soziales, es gibt einfach zu viele Storys.“
Neben der Sorge vor einer Wehrpflicht zieht sich ein zweites Thema wie ein roter Faden durch Gespräche und Redebeiträge: soziale Kürzungen. „Für die Bundeswehr ist Geld da, aber nicht für Schulen oder Soziales“ – diesen Satz hört man an diesem Freitag vor dem Brandenburger Tor immer wieder. Ein Redner bringt es auf den Punkt: Wenn Krieg ausbräche, „werden nicht die Kinder der Rheinmetall-Chefs sterben“.