Einen Menschen mit vielen großen Herzen – gibt’s so etwas überhaupt? Es gab ihn. Am Donnerstag ist unser lieber Kollege Lothar Heinke im Alter von 91 Jahren gestorben. Mit ihm verliert Berlin ein Original, der Tagesspiegel einen seiner besten Reporter, und die Menschen um ihn herum einen Mann, wie es ihn nur einmal geben kann – schon weil er Geschichten so lebendig erzählen, empathisch aufschreiben und detailreich erinnern konnte wie kein anderer.
Nichts mochte Lothar Heinke so sehr wie andere Leute. Ganz nah kam er schon zu DDR-Zeiten vielen Prominenten und Normalen, die er alle mit der gleichen Neugier traf und mit der gleichen Nachsicht beschrieb. Mit bis in die Zwischenräume der Zeilen treffenden Worten, mit seinem stets verschmitzten Lächeln und seiner gut gelaunten Freundlichkeit streichelte er so lange über die Knorrigkeit insbesondere der Berlinerinnen und Berliner, bis ihnen nichts anderes mehr übrigblieb, als ihre tief liegende Herzlichkeit zum Vorschein zu bringen. Als Freund der Menschen war Lothar ein Vorbild. Ein schlechtes Wort über jemand anderen war für ihn verlorene Zeit; er verlor nicht eins.
Verschiedene Systeme, ein gutes Leben
Ein gutes, glückserfülltes Leben haben – wer möchte das nicht? Er hatte es. Vier Gesellschaftsordnungen erlebte er mit: Den Nationalsozialismus, der ihn zum gefolgsamen Pimpf erziehen wollte und dessen entfesselter Krieg ihn beinahe das Leben kostete in den Kellern, in denen Berlin sich in den Bombennächten zusammenkauerte. Die Sowjetische Besatzungszone, in der er sich als Junge in der Altmark durchschlug, während seine Mutter auf den Feldern das Korn einholte. Die DDR, in der er schon in der Schule aneckte, weil er lieber an Gott glaubte als an den Sozialismus, und in der er eine Lehre als Schriftsetzer begann.
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Schließlich das über Nacht neue Deutschland, das nach dem Taumel des Mauerfalls doch nicht über seine innerlichen Begrenzungen hinwegkam. Lothar Heinke nahm die Stürme aller Zeiten gelassen hin. Er hatte Freude an der Arbeit und in seiner Freizeit, am Dasein und seinen Episoden, an allen Menschen um ihn herum. Er lebte sich aus, machte seine Umgebung zu einer freundlichen Welt. Schon allein, weil er seinen Humor pflegte mit feinem Sinn.
„Ein Schwein sprang in der Beusterstraße in das Schlafzimmer einer im Parterre liegenden Wohnung, rannte durch dieselbe und kam aus der Küche wieder heraus. Verletzt wurde niemand, auch das Schwein hatte Schwein.“ Der erste Text von Lothar Heinke, geschrieben 1953 in der Altmark-Ausgabe der „Liberal-Demokratischen Zeitung“, brachte auch dem jungen Autor Glück. Er fand den Beruf, den er liebte, und hatte Glück in der Liebe. Mit Schreibmaschine unter den Fingern und Zigarette im Mund lernte er, soweit das in der DDR möglich war, die Welt kennen. Und die verschiedenen Welten vieler Menschen. Und ja, auch manche Frau.
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Über ein Volontariat in Halle (Saale) kam Lothar Heinke schließlich zum „Morgen“ nach Berlin. Mit Hingabe schrieb er die Zeitung voll, in der einen Morgen später auf dem Markt der Hering eingewickelt wurde. Manche seiner Worte überdauerten im Gedächtnis der Leserinnen und Leser, einige stehen zum Glück unvergessen im Internet.
Die DDR war unser Kiez.
Lothar Heinke Journalist
So wie sein treffendes Bild von dem untergegangenen Land, das er viel später einmal im Tagesspiegel so beschrieb: „Erst nach der Wende wurde – nicht nur beim Blick in ein Reisebüro – jedem klar, dass ihm die Politik der ewig rechthaberischen Partei im abgeschotteten Terrarium DDR Weitsicht, wahre Weltanschauung, Erlebnisse, Abenteuer und die Erfahrungen der Schönheit des Fremden und Fernen vorenthalten hatte. Die DDR war unser Kiez.“
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Lothar Heinke fühlte sich selbst im eingeengten Alltag in aller Bescheidenheit durchaus wohl. Als frei denkender Mensch aber auch immer irgendwie nicht; zu oft diktierte die Schere im Kopf den Stift in der Hand. Aber ging es nicht fast allen so zwischen Ostsee und Erzgebirge? Lothar Heinke konnte es immerhin ausdrücken, manchmal mit einer kleinen Leerstelle im geschriebenen Text oder einer Pause mit seiner weichen Erzählstimme. Immer aber traute er sich das früher nicht – was er sich später immer wieder leise vorwarf. Ehrlich zu sich selbst war er.
Großmütigkeit, auch im Kleinen
Wenn Lothar in seiner gemütlichen Wohnung in Mitte saß, lachte er mit seiner Frau Andrea und seinen Gästen viel über das Leben da draußen. Vor der Haustür seines DDR-Neubaus an der einstigen Mauerlinie rissen die Touristenströme nicht ab, die zwischen dem ehrwürdigen Brandenburger Tor, dem gesprengten Führerbunker und den hingeklatschten Schnellrestaurants nach dem Geist von Berlin suchen. Er erzählte da lieber von seinen beiden Söhnen und seiner Tochter oder vom nächsten geplanten Ausflug mit seiner Frau. Mit seinem Rollator schauten sie noch vor wenigen Monaten bei der Checkpoint-Revue der Redaktion vorbei. „Will doch mal gucken, wat ihr hier macht.“
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In Gesprächen auf seiner Couch und – nach mehreren Stürzen, die ihn immer wieder zurückwarfen, aber nie innerlich umhauten – an seinem Krankenbett freute er sich bis zum Schluss über hart erkämpfte Punkte des 1. FC Union, dem er schon zu DDR-Zeiten in Oberschöneweide seine anfeuernde Kehle geliehen hatte. Für hinterher künstlich aufgebaute Rivalitäten etwa zu Hertha BSC hatte er nur ein leises Kopfschütteln übrig. Lothar lebte Großmütigkeit, gerade im Kleinen.
Jeden Morgen eine neue Welt, selbst wenn in ihr der „Morgen“ als Zeitung unterging. Die Freiheit des vereinten Berlins genoss Lothar Heinke in vollen Zügen, schreibend zum Glück beim Tagesspiegel. Dabei bedeutete das auch für ihn, erst einmal zu lernen, was man alles machen können darf und wie man das am besten tun soll. Inzwischen ist der Umbruch ein Dauerzustand, braucht es mehr denn je menschlich zugewandte Gespräche und Geschichten. Seinen letzten Text schrieb er vor fünf Jahren: ein kleiner Gruß an den abgerissenen Palast der Republik.
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Sich treu zu bleiben in einer wie irre rotierenden Welt – wie macht man das? Am besten wie Lothar: unverstellt von der Goldelse runtergucken, wie das Regierungsviertel am Wahltag von oben aussieht. Oder Menschen an einer Bockwurstbude interviewen, wie ihnen ihr Leben so schmeckt. Als er einmal nach einem Termin an einer Haltestelle stand und auch der dritte und der vierte überfüllte Bus ohne Halt vorbeifuhren, wartete er großzügig gelaunt auf den fünften. Der Fahrer öffnete die Tür, und Lothar begrüßte ihn freudig: „Schön, dass Sie da sind. Ich hab’ mir schon Sorgen um Sie gemacht.“
Beim Reden sah er einem immer in die Augen. Er las alles, was Buchstaben hatte. Gerne schrieb er Postkarten, machte kleine Geschenke. Die Neugier in ihm mochte nicht versiegen, auch nicht sein lächelnder Blick über den oberen Rand seiner Brille hinweg. Ein kleines Bierchen, ein offenes Gespräch, ein ehrliches Lachen – mehr braucht es doch nicht.
Immer wieder trafen wir uns in der Berlin-Redaktion zu aufwendigen Abschieds- und Jubiläumsfeiern, nur um wenige Tage später Lothar an seinem doch nicht ehemaligen Schreibtisch wiederzusehen. Zu seinem 80. Geburtstag blieb ihm (wie ein altes Manuskript verrät) nur zu wünschen: „Viele Verabschiedungen haben für Dich stattgefunden – aber dies soll keine sein. Sondern eine Einladung, bei uns zu bleiben, solange Du willst. Nur bei Glatteis bleib bitte zu Hause!“
Zu schnell vergeht die Zeit, selbst wenn es 91 Jahre sind. Am besten vergeht sie mit Menschen, die viele große Herzen haben. So jung wie Lothar Heinke möchte man gerne alt werden.