Ein halbes Jahr nach einem Brandanschlag auf die Stromversorgung des Berliner Technologieparks Adlershof hat die Polizei eine Razzia gegen Verdächtige durchgeführt. In Berlin liefen am Dienstagmorgen mehrere Durchsuchungen von Wohnungen, Büros und Aufenthaltsorten der Beschuldigten aus der linksextremistischen Szene. Das erfuhr der Tagesspiegel aus Sicherheitskreisen.

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Die Ermittlungen richten sich gegen vier Personen im Alter von inzwischen 28, 31, 35 und 36 Jahren. Nach dpa-Informationen handelt es sich um zwei Männer und zwei Frauen. Den namentlich bekannten Beschuldigten wird vorgeworfen, durch eine Brandlegung am 9. September 2025 an zwei Strommasten einen Stromausfall in den Berliner Stadtteilen Alt-Johannistal, Altglienicke, Adlershof, Grünau, Oberschönweide, Spindlersfeld und Teilen der Brandenburger Gemeinde Schönefeld verursacht zu haben. Das teilte die Polizei in einer gemeinsamen Mitteilung mit der Staatsanwaltschaft mit.
Festgenommen wurden die Verdächtigen aber nicht. Haftbefehle können nur bei dringendem Tatverdacht und entsprechenden Beweisen erlassen werden.
Den Durchsuchungen gingen nach Tagesspiegel-Informationen aus Sicherheitskreisen umfangreiche verdeckte Ermittlungen voraus. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin erwirkte demnach 19 Durchsuchungsbeschlüsse für 17 Örtlichkeiten. Neben Berlin gab es Durchsuchungen in Brandenburg, Hamburg und Düsseldorf. Haftbefehle gegen die vorerst vier Beschuldigten liegen aber bisher nicht vor.
Die Durchsuchungen betrafen laut Polizei Wohnungen und andere Objekte in den Bezirken Mitte, Neukölln, Treptow-Köpenick, Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow. Je eine Wohnung wurde in Düsseldorf und Kyritz, zwei weitere Wohnungen wurden in Hamburg durchsucht. Wie die Polizei auf X mitteilte, waren rund 500 Einsatzkräfte beteiligt, auch in anderen Bundesländern.
© Dominik Mai
Einsatz in der Reichenberger Straße
Laut Sicherheitsbehörden lief der Einsatz unter anderem in der „Anarchistischen Bibliothek Kalabal!k“ an der Reichenberger Straße in Kreuzberg. Wie ein Tagesspiegel-Reporter vor Ort berichtete, schirmten mehrere Polizisten die Bibliothek ab, acht Polizeiwagen standen rund um den Eingang. Immer wieder wurden Sachen herausgetragen und in einem der Fahrzeuge verstaut.
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Die Einrichtung versteht sich eigenen Angaben zufolge „als Werkzeug, um anarchistische Ideen zu verbreiten und die herrschende soziale Ordnung, die uns umgibt, anzugreifen“. Innenstaatssekretär Christian Hochgrebe (SPD) identifizierte sie als „Anlaufpunkt für das autonome Anarchospektrum“, neben Filmvorführungen und Diskussionen gebe es dort auch nicht-öffentliche Treffen des gewaltorientierten Linksextremismus. Schon 2018 und 2020 wurde das Objekt durchsucht, damals im Zusammenhang mit Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017.
© Dominik Mai
© Dominik Mai
Auch in der Schererstraße 8 in Wedding rückten Beamte am Dienstagmorgen an. Das Haus gehört zu den wenigen ehemaligen besetzten Häusern in dem Stadtteil, die bis heute bestehen. Während der Hausbesetzerbewegung in den 1980er Jahren lag der Schwerpunkt zwar in Kreuzberg, doch auch in Wedding entstanden einzelne Projekte. Neben der „PA58“ im Soldiner Kiez und der „Groni 50“ im Osramkiez zählt die „Scherer 8“ zu den bis heute existierenden, inzwischen legalisierten Wohnprojekten.
© Dominique Hensel
„Die Polizei ist kurz nach 6 Uhr gekommen, mit drei Mannschaftswagen“, erzählt der Besitzer des kleinen Spätkaufs im Erdgeschoss der Schererstraße 8. Er selbst hatte seinen Laden um 5.30 Uhr geöffnet, als kurz darauf die Beamten zu Fuß zum Haus kamen.
Razzia löst spontanen Protest in Wedding aus
„Sie haben sehr viel Zeit gebraucht, um ins Haus zu kommen. Schließlich haben sie mit einem Rammbock die Scheibe des Infoladens eingeschlagen“, sagt der Späti-Besitzer, der anonym bleiben möchte. Sein Geschäft sei nicht durchsucht worden. „Hier sind sie nicht mal reingekommen.“ Mit den Bewohnern habe er ein gutes Verhältnis. „Aber ich weiß, so etwas kann hier passieren. Das Haus ist ja bekannt.“
Bis zum Ende des Einsatzes gegen 10.30 Uhr durchsuchten die Beamten das Gebäude und stellten die Personalien der angetroffenen Personen fest. Auch ein Spürhund war laut Polizei im Einsatz. Zu den Ergebnissen der Maßnahmen war zunächst nichts bekannt.
© Dominique Hensel
Vor dem Haus versammelten sich währenddessen rund 20 bis 30 Menschen. Sie protestierten mit Sprechchören wie „Bullenschweine raus aus den Kiezen“ und hielten Plakate mit Aufschriften wie „Solidarität ist unsere Waffe“ oder „Reichtum abschaffen“ hoch. Aus einem Fenster im ersten Stock drang laute Musik auf die Straße. Nach dem Einsatz begannen mehrere Personen, den Infoladen im Erdgeschoss aufzuräumen und beschädigtes Material zu ordnen. „Wenn die jetzt nichts gefunden haben, wer bezahlt dann die Scheibe?“, fragt der Späti-Besitzer.
© Dominique Hensel
Der „Infoladen“ ist ein Teil des Hausprojekts und zeigt das Engagement zu verschiedenen Stadtthemen wie Obdachlosigkeit. Er befindet sich in einem Ladenlokal im Erdgeschoss.
Nach Angaben der Bewohner leben in dem Haus rund 60 Menschen. Das Projekt organisiert sich selbst, mit regelmäßigem Plenum und gemeinschaftlichen Angeboten wie einer Kiezküche, einer Fahrradwerkstatt und Bandprobenräumen. Das Gebäude wurde 2010 von der Hausgemeinschaft gekauft; später wurde das Dach mithilfe eines Crowdfundings saniert.
Polizei stellt Beweismittel sicher
Laut Polizei konnten bei den Durchsuchungen umfangreiche Beweismittel sichergestellt werden, unter anderem Mobiltelefone, Laptops, Unterlagen und diverse weitere elektronische Geräte. Die sichergestellten Beweismittel werden nun gesichtet und ausgewertet.
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Senatorin Spranger fordert Konsequenzen für Angreifer
Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sagte dem Tagesspiegel: „Die heutigen Durchsuchungen zeigen, dass wir jeden Hinweis mit höchster Priorität verfolgen. Wer unsere kritische Infrastruktur angreift, greift die Sicherheit unserer gesamten Stadt an. Das werden wir nicht hinnehmen.“ Und weiter: „Unsere Sicherheitsbehörden handeln entschlossen und rechtsstaatlich, um die Hintergründe des Angriffs auf das Stromnetz lückenlos aufzuklären und mögliche weitere Gefahren abzuwenden.“
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) teilte am Morgen mit: „Die Sicherheitsbehörden kennen die Protagonisten des harten Kerns. (...) Aber nach wie vor ist es unglaublich schwer, ihnen Brandanschläge wie den in Johannisthal oder Zehlendorf nachzuweisen.“ GdP-Sprecher Benjamin Jendro sagte dazu: „Linksextremismus ist ein demokratiegefährdendes Krebsgeschwür, das sich durch unsere Gesellschaft frisst und leider auch im politischen Raum immer wieder auf Nährboden trifft.“ Die Gefahren durch Linksextremisten würden in Deutschland seit Jahren kleingeredet.
© Dominik Mai
„Wir reden über eine heterogene Szene, die aber international vernetzt ist, gut organisiert und durchaus intelligent vorgeht“, sagte Jendro. „Wir hoffen, dass am Ende des Tages etwas dabei herumkommt, um auch die längst überfällige Einstufung dieser Personen als kriminelle Vereinigung voranzutreiben.“
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zeigte sich zufrieden: „Der Ermittlungsdruck auf die linksextremen Täter der Anschläge in Adlershof und Steglitz-Zehlendorf sowie ihre Hinterleute wurde deutlich erhöht. Die laufenden Durchsuchungen sind Ausdruck dieses konsequenten Vorgehens. Wir bleiben dran bis die Täter gefasst sind.“
Weiterer Brandanschlag Anfang des Jahres
Über mögliche Verbindungen der mutmaßlichen Täter zu sogenannten Vulkangruppen ist bisher nichts bekannt. Diese hatten den zweiten großen Brandanschlag auf Starkstromkabel in Berlin am 3. Januar für sich reklamiert. Der Anschlag hatte einen tagelangen Stromausfall zur Folge. Auch hier wird weiter intensiv nach den Tätern gefahndet.
Nach dem Anschlag im September war in einem Bekennerschreiben im Internet von einem Angriff auf den Technologiepark Adlershof und die dortigen Firmen und Forschungseinrichtungen aus den Bereichen IT, Robotik, Bio- und Nanotechnologie, Raumfahrt sowie Sicherheits- und Rüstungsindustrie die Rede.
Anfangs waren rund 50.000 private und betriebliche Kunden der landeseigenen Stromnetz GmbH von dem Stromausfall betroffen. Bei den Firmen wurden nach Schätzungen Schäden zwischen 30 und 70 Millionen Euro verursacht. (mit dpa)