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Festivalleiterin Tricia Tuttle im Interview: „Die Berlinale wird unter meiner Leitung niemals ein Land boykottieren“

2026-02-01
In leben Vom Andreas Busche

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Frau Tuttle, Ihre zweite Berlinale als Festivalleiterin steht an. Was haben Sie aus dem ersten Jahr gelernt?
Zum Glück kann ich sagen, dass viel von dem, was ich mir letztes Jahr vorgenommen habe, schon ganz gut funktioniert hat. Ganz generell strebe ich ja eine Evolution an und keine Revolution mit drastischen Änderungen über Nacht. Eines meiner größten Anliegen war und ist es, noch stärker ein jüngeres Publikum für die Berlinale zu gewinnen.

Wie gehen Sie das an?
Wir haben nun Cine25 ins Leben gerufen. 18- bis 25-Jährige können sich auf unserer Website in eine Mailingliste eintragen, und wir schalten dann ein Kontingent von reduzierten Tickets frei. Ein weiteres Anliegen von mir war, eine Infrastruktur zu schaffen, in der verschiedene Publikumsgruppen zusammenkommen können und eine kommunikative Atmosphäre entsteht. Das ist uns im vergangenen Jahr schon ganz gut gelungen.

Sie sprechen vom Berlinale HUB auf dem Marlene-Dietrich-Platz, wo Talkrunden veranstaltet wurden und akkreditierte Besucher miteinander ins Gespräch kommen konnten.
Genau. Natürlich sind die Filme bei der Berlinale das Allerwichtigste, aber wenn das öffentliche Publikum, die Presse und die Menschen aus der Filmbranche nie wirklich miteinander in Kontakt kommen, ist es kein richtiges Festival. Es geht auch um die Momente zwischen den Filmen.

Die positiven Auswirkungen, die TikTok auf Musik- und Buchverkäufe hat, erhoffen wir uns auch für die Berlinale und das Kino generell.

Tricia Tuttle

Und die Gen Z ist für das Kino noch nicht verloren?
Ich glaube nicht. Wir sehen in vielen Ländern, dass nach der Pandemie eher ältere Menschen nicht mehr in die Kinos zurückgekommen sind, die jüngeren aber schon – und zwar besonders im Arthouse- und Independent-Bereich. Die 18- bis 35-Jährigen begeistern sich auch zunehmend für ältere Filme, die sie über Retrospektiven in Kinos oder auf Social Media entdecken, zum Beispiel auf der Plattform „Letterboxd“, wo unter anderem Filmtagebücher geteilt und Filme bewertet werden. Da wächst eine neue Generation von Cineasten heran.

Zur Person

© Tagesspiegel/Nassim Rad

Tricia Tuttle, 1970 in North Carolina geboren, zog 1997 nach Großbritannien und leitete von 2018 bis 2022 das London Film Festival. Zuvor arbeitete sie unter anderem für das British Film Institute und organisierte das BFI Gay and Lesbian Filmfestival. Seit April 2024 ist sie Intendantin der Berlinale.

Es gibt allerdings auch die weitverbreitete Befürchtung, dass Social Media, insbesondere TikTok, es jungen Menschen immer schwerer macht, sich ohne Ablenkung auf einen Langfilm einzulassen. Seit dem vergangenen Jahr ist TikTok ein Partner der Berlinale. Passt das zusammen?
Das ist eine komplexe Sache. Natürlich stehen das Kino und die sozialen Medien in gewisser Weise im Wettbewerb um die Zeit des Publikums. Aber ich bin überzeugt, dass man, wenn man junge Menschen erreichen will, eben dorthin gehen muss, wo sie sind, anstatt einfach auf den alten Kanälen weiterzusenden, an die wir uns gewöhnt haben. Die positiven Auswirkungen, die TikTok auf Musik- und Buchverkäufe hat, sind gut dokumentiert, und das erhoffen wir uns natürlich auch für die Berlinale und das Kino generell. 

Sie haben also keine Angst, dass die Meme-Kultur in den sozialen Medien dem Spirit eines Filmfestivals entgegensteht?
Wir können nicht verändern, in welche Richtung die Welt sich dreht. Und so bleiben zwei Möglichkeiten: so zu tun, als würden wir das alles nicht bemerken, oder ein Teil davon zu werden. Ich sehe auch ganz tolle Dinge bei Social Media. Charli XCX postet zum Beispiel einmal im Monat, welche Filme sie gesehen hat, und das sind sehr interessante Listen mit Filmen von Ingmar Bergman bis M. Night Shyamalan. Damit erreicht sie extrem viele Menschen.

Was ist schlimmer: Dass es schwieriger wird, die großen Stars zu interviewen, oder die Tatsache, dass die Gesellschaft den Wert von Kunst und Kultur zunehmend aus den Augen verliert?

Tricia Tuttle

Als Sie als Festivalleiterin angetreten sind, wurden große Hoffnungen in Ihre Perspektive als „Outsiderin“ aus Amerika gesetzt. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Ich denke nicht, dass ich einen radikal anderen Blick auf das Festival mitgebracht habe. Man muss ja ehrlich sagen: Alles wurde schon mal gemacht, alles schon mal ausprobiert. Deshalb geht es mir auch nicht um radikale Veränderungen, aber natürlich habe ich klare Prioritäten. Ich will Buzz kreieren, Atmosphäre schaffen und Filme auswählen, die ein neues Publikum anziehen.

Wie kreiert man Buzz (englisch für Summen/Schwirren: bezeichnet im Marketing das bewusste Erzeugen von Mundpropaganda und hoher Aufmerksamkeit („Hype“) um ein Produkt, eine Marke oder ein Thema, Anm.d.R.)?
Es braucht unzählige Kleinigkeiten. Man muss die richtigen internationalen Journalisten zum Festival kriegen, die nächste Generation von Bloggern und natürlich die entsprechenden Filme. Die Berlinale darf kein in der Zeit festgefrorenes Festival werden, das sich nur an die ältere Mittel- und Oberschicht richtet.

Wird es angesichts schrumpfender Budgets in der Pressebranche schwieriger, Journalisten zur Berlinale zu bekommen?
Wir hören jedenfalls immer öfter, dass die Kollegen Probleme haben, die Texte unterzubringen, die sie gerne schreiben würden. Diese Entwicklung kann man schon seit gut zehn Jahren beobachten, aber sie ist jetzt sehr akut. Der Zugang zu den Stars wird auch deshalb immer umkämpfter, weil große Namen der einzige Weg für freischaffende Journalisten sind, ihre Texte zu verkaufen. Wer über Filmkunst schreibt, ist mit einigen Hürden konfrontiert. Ich sehe darin ein sehr großes Problem, nicht nur für die Journalisten. Man muss sich doch fragen, was schlimmer ist: Dass es schwieriger wird, die großen Stars zu interviewen, oder die Tatsache, dass die Gesellschaft den Wert von Kunst und Kultur zunehmend aus den Augen verliert?

Tricia Tuttle in ihrem Büro am Potsdamer Platz

© Tagesspiegel/Nassim Rad

Ist der diesjährige Eröffnungsfilm „No Good Men“ dahingehend auch ein Statement? Darin gibt es keine Stars – was für einen Eröffnungsfilm sehr untypisch ist.
Die Festivaleröffnung bietet jedes Jahr aufs Neue die Möglichkeit, das Publikum zu überraschen. Es allen recht machen kann man sowieso nie, schon gar nicht am Eröffnungsabend, wo die unterschiedlichsten Stakeholder eingeladen sind. „No Good Men“ ist ein Film von der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat, die Deutschland zu ihrem Zuhause gemacht hat. Allein das ist natürlich ein Statement. Aber vor allem ist es ein großartiger Film, der die Menschen bewegen wird. Und das brauchen wir.

In Deutschland wird gerade viel über die Situation der heimischen Filmindustrie diskutiert. Die Branche klagt, das Fördersystem ist im Umbruch. Wie blicken Sie darauf, auch angesichts der Filme, die Sie für das Festival angeschaut haben?
Wir haben drei deutsche Filme im Wettbewerb, die mich alle sehr begeistert haben, auch in ihrer großen Verschiedenheit. „Etwas ganz Besonderes“ von Eva Trobisch ist ein sehr lyrischer, wunderschön geschriebener Film, der in Deutschland spielt. İlker Çatak nimmt uns in „Gelbe Briefe“ mit sehr komplexem Storytelling mit in die Türkei. Angela Schanelec überzeugt in „Meine Frau weint“ mit Formalismus und Witz. Aber nicht nur im Wettbewerb, sondern auch in anderen Reihen wird deutlich, wie viel kreatives Talent in Deutschland zu finden ist.

Ich glaube, es ist normal, dass ein Festival immer eine komplexe Beziehung zum nationalen Kino hat. Wir haben das erklärte Ziel, die nationalen Talente ins Zentrum des Festivals zu stellen – natürlich im Kontext der internationalen Konkurrenz, neben der sie nicht untergehen dürfen. In diesem Jahr steht das nicht zu befürchten.

Ich bereue keineswegs, dass wir Tilda Swinton geehrt haben.

Tricia Tuttle

Die Welt ist aktuell sehr düster. Gilt das auch für die diesjährigen Filme?
Ja, auch das Kino ist gerade sehr ernst. Es war uns zwar wichtig, im Programm Kontrapunkte der Leichtigkeit zu setzen, aber auch die Komödien haben in diesem Jahr sehr scharfe Kanten.

In Zeiten des Vibe Shift stehen Werte wie Diversität und Inklusion, die zur DNA der Berlinale gehören wieder unter Druck. Wie reagieren Sie darauf?
Unsere Werte bleiben bestehen, wir feiern die Unterschiede und kämpfen für Teilhabe. Aber natürlich sollen die Filme für sich sprechen, unser Ziel ist es nicht, dem Publikum politische oder gesellschaftliche Botschaften aufzuzwingen. Ich wünsche mir, dass Menschen mit ganz unterschiedlicher Herkunft und Haltung Zugänge zu unserem Programm finden.

Seit dem Kriegsbeginn in Gaza hat das Thema die Berlinale geprägt, es gab Streit und Kontroversen. Waren Sie darauf vorbereitet?
Ich habe drei Wochen nach der umstrittenen Preisverleihung 2024 meinen Posten angetreten und dann ungefähr sechs Monate damit verbracht, die Ereignisse mit dem Team aufzuarbeiten. Wir haben viel geredet, sorgfältig abgewogen und vor allem zugehört – das hat einen großen Unterschied gemacht. Das letzte Jahr war herausfordernd für uns, denn es geht um einen Krieg und Konflikt, der so viele Menschen betrifft, der sie berührt, bewegt und verstört. Wir müssen damit umgehen. Und ich hatte das Gefühl, dass es uns gelungen ist, die hitzigen Gespräche zu entschärfen und das Vertrauen der Filmemacher und der Menschen in Deutschland wieder zu stärken.

Was bedeutet das für dieses Jahr?
Was die Vorbereitungen angeht: Wir unterstützen unsere Moderatoren, um schwierige Gespräche über polarisierende Themen besser zu leiten. Denn unsere Publikumsgespräche wollen wir auf keinen Fall aufgeben, und Meinungsfreiheit ist dabei nicht nur wichtig, sie ist absolut entscheidend. Die Berlinale würde international an Bedeutung verlieren, wenn Menschen das Gefühl hätten, nicht hierherkommen und sich im Rahmen der geltenden Gesetze frei äußern zu können.

Im vergangenen Jahr wurde Tilda Swinton mit dem Ehrenbär ausgezeichnet und hat anschließend bei einer Pressekonferenz ihre Bewunderung für die BDS-Bewegung ausgedrückt, die den israelischen Staat kulturell, politisch und wirtschaftlich boykottiert. Wie denken Sie im Nachhinein darüber?
Ich bereue keineswegs, dass wir Tilda Swinton geehrt haben und sie ihre Meinung äußern konnte. Sie hat das Recht dazu. Ich selbst habe zu BDS eine andere Haltung, aber damit muss man umgehen können. Die Berlinale wird unter meiner Leitung jedenfalls niemals ein Land oder Menschen aufgrund ihrer Nationalität boykottieren. Ich glaube an die Kraft von kulturellem Austausch.

Frau Tuttle, die Berlinale hat mit Armani und Cupra nur noch zwei Hauptsponsoren, gleichzeitig wurde im vergangenen Jahr mit 340.000 verkauften Tickets ein Rekord aufgestellt. Wie blicken Sie in die finanzielle Zukunft des Festivals?
Es erfüllt mich mit Stolz, dass die Berlinale 60 Prozent ihres Budgets selbst erwirtschaften kann, das ist ungewöhnlich für einen Kulturbetrieb und zeigt, wie stark die Marke auch für unsere Sponsoren ist. Wir halten die Ticketpreise stabil oder senken sie zum Teil sogar wie bei Cine25, und das Publikum kommt zum Glück in großer Zahl. Und dennoch haben Sie recht, die Zeiten sind definitiv herausfordernd, für alle Kulturveranstaltungen.

Im Augenblick ist unser Budget ausgeglichen, durch die unermüdliche Arbeit meines Teams, aber auch dank der kontinuierlichen öffentlichen Förderung. Ich habe den Eindruck, dass den Vertretern in Bund und Land der Wert der Berlinale durchaus bewusst ist und dass sich die Investition auch in Zukunft um ein Vielfaches auszahlen wird. Wie allen stehen uns härtere Zeiten bevor. Aber wir werden nicht müde werden, uns für die Kultur in ihrer ganzen Bandbreite einzusetzen. Dafür ist sie viel zu wichtig – und zu schön!

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