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Eine Würdigung des Song Contests : Gäbe es den ESC nicht schon, man müsste ihn erfinden

2026-05-17
In leben Vom Lion Grote

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Eine Würdigung des Song Contests : Gäbe es den ESC nicht schon, man müsste ihn erfinden

Es gibt viele Arten, Europa zu beschreiben. Als Binnenmarkt, als Bürokratiemonster, als Friedensprojekt, als Dauerkrise. Selten aber wirkt Europa so greifbar wie an einem Abend im Mai, wenn irgendwo zwischen Wien, Malmö oder Liverpool eine Sängerin im Paillettenkleid auf die Bühne tritt und drei Minuten lang versucht, einen ganzen Kontinent zu überzeugen.

Der Eurovision Song Contest war nie unpolitisch. Doch in den vergangenen Jahren scheint die Politik endgültig das Rampenlicht übernommen zu haben. Proteste gegen Israels Teilnahme, Demonstrationen und hitzige Debatten überlagern den eigentlichen Wettbewerb. In diesem Jahr boykottieren mit Spanien, den Niederlanden, Irland, Island und Slowenien sogar fünf Länder den Contest wegen Israels Vorgehen in Gaza.

Lion Grote ist stellvertretender Ressortleiter Internationale Politik. Er berichtet für den Tagesspiegel vom ESC aus Wien.

Wieder einmal steht nicht nur die Frage im Raum, wer gewinnt. Sondern ob dieser Wettbewerb überhaupt noch das sein kann, was er einmal war: ein unbeschwerter europäischer Popmoment.

Die Sehnsucht danach ist verständlich. Schließlich wirkt der ESC auf den ersten Blick wie das Gegenteil der politischen Gegenwart. Während Europa über Krieg, Migration, Aufrüstung und gesellschaftliche Spaltung streitet, singt ein schwedischer Elektropop-Act gegen Windmaschinen an. Während draußen demonstriert wird, stimmen drinnen Millionen Zuschauer über Balladen aus Italien oder finnischen Metal ab.

Doch genau darin liegt ein Missverständnis: Der ESC war nie ein unpolitischer Raum. Er konnte es gar nicht sein.

A person speaks during a protest against the participation of Israel at the Eurovision Song Contest in Vienna, Austria, May 12, 2026. REUTERS/Elisabeth Mandl
Auch in Wien gibt es Protest gegen die Teilnahme Israels am ESC.

© REUTERS/ELISABETH MANDL

Ein Wettbewerb, an dem fast ganz Europa teilnimmt, trägt zwangsläufig die Konflikte dieses Kontinents in sich. Schon immer wurde entlang geopolitischer Linien abgestimmt. Später kamen Debatten über LGBTQ-Rechte, Nationalismus oder europäische Identität hinzu.

Heute entzündet sich der Konflikt vor allem an Israels Teilnahme und dem Krieg in Gaza. Für die einen ist ein Boykott Israels moralische Pflicht. Für die anderen wäre ein Ausschluss ein politischer Präzedenzfall, der den Wettbewerb endgültig zerstören würde.

Man muss diese Spannungen nicht kleinreden. Die Proteste sind real. Die Emotionen ebenso. Gerade junge Zuschauer betrachten den ESC längst nicht mehr nur als Musikshow, sondern auch als moralische Bühne. Wer dort auftritt, wer eingeladen wird und wer ausgeschlossen werden soll, wird inzwischen mit derselben Leidenschaft diskutiert wie die Songs selbst.

Der ESC ist einer der letzten verbliebenen Momente, in denen Europa sich begegnet.

Und trotzdem wäre es falsch, daraus den Schluss zu ziehen, der ESC habe seine Existenzberechtigung verloren.

Im Gegenteil: Gerade weil Europa politisch und gesellschaftlich so tief gespalten wirkt, braucht es Orte, an denen dieser Kontinent überhaupt noch gemeinsam sichtbar wird. Der ESC ist einer der letzten verbliebenen Momente, in denen Europa sich gleichzeitig begegnet – nicht als abstrakte Institution, sondern als kultureller Raum.

Wo sonst existiert diese Mischung noch? Wo treffen bulgarische Folklore auf französische Chansons, finnischer Metal auf italienische Balladen und Popsongs auf Isländisch? Wo stimmen Menschen in Portugal über Armenien ab, während in Deutschland plötzlich über moldawische Volksmusik diskutiert wird? Der ESC ist eines der wenigen Formate, in denen Europa sich nicht nur verwaltet, sondern sich selbst anschaut.

Der ESC war und ist auch ein Ort der Begegnung.

© AFP/Max Slovencik

Natürlich ist das oft kitschig. Manchmal peinlich. Regelmäßig vollkommen überdreht. Aber genau darin liegt seine Stärke. Der Wettbewerb zwingt Europa nicht zur Harmonie – er zeigt Unterschiede, Widersprüche und Spannungen offen sichtbar auf. Und er hält trotzdem daran fest, dass all diese Länder für einen Abend Teil derselben Bühne sind.

Vielleicht ist genau das heute die eigentliche Botschaft des ESC: nicht, dass Europa konfliktfrei wäre. Sondern dass dieser Kontinent trotz aller Konflikte noch gemeinsame Räume besitzt.

Denn die Alternative wäre nicht ein „reiner“, unpolitischer Wettbewerb. Die Alternative wäre gar kein gemeinsamer europäischer Raum mehr.

Die Zahlen zeigen ohnehin, wie außergewöhnlich dieses Ereignis geblieben ist. Hunderte Millionen Menschen sehen zu, Songs werden millionenfach gestreamt. Der ESC ist die größte Live-Musikshow der Welt und technologisch ein globaler Maßstab.

Aus nationalen Künstlern werden europäische Ikonen. Bis heute kennen Menschen in ganz Europa „Volare“, „Waterloo“, „Après Toi“ oder „Ein bißchen Frieden“. Kein ein anderes kulturelles Ereignis hat einen vergleichbaren gemeinsamen Soundtrack geschaffen.

Vicky Leandros feierte in Wien ein Comeback auf der ESC-Bühne.

© dpa/Jens Büttner

Man kann das naiv finden. Oder sentimental. Aber in einer Zeit, in der Europa oft nur noch über Krisen definiert wird, wirkt allein die Vorstellung bemerkenswert, dass Menschen von Reykjavík bis Athen denselben Abend teilen.

Der ESC beendet keine Kriege. Er löst keine politischen Konflikte. Aber er erinnert Europa daran, dass dieser Kontinent mehr ist als seine Spaltungen.

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