Die deutsche Wirtschaft steckt in einer tiefen Vertrauenskrise. Und genau dieses fehlende Vertrauen – bei Unternehmen ebenso wie bei Bürgerinnen und Bürgern – ist derzeit das zentrale wirtschaftliche Problem und die größte Hürde für Transformation, Erneuerung und künftigen Wohlstand.
Die Bestandsaufnahme fällt ernüchternd aus: Nach der Stagnation im vergangenen Jahr wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr zwar um etwa ein Prozent wachsen. Doch dieses Wachstum ist in hohem Maße staatlich getrieben – durch zusätzliche Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung – und durch statistische Effekte wie eine höhere Zahl von Arbeitstagen.
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Er sagt: Am wichtigsten ist es jetzt, Vertrauen zurückzugewinnen.
Die privaten Investitionen bleiben schwach, der private Konsum enttäuschend, die Exporte stagnieren. Zwar ist die Arbeitslosigkeit weiterhin niedrig und es gibt viele offene Stellen, doch gerade in der Industrie wird die Beschäftigung weiter zurückgehen. Die Zahl der Insolvenzen dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen, insbesondere bei kleinen und mittleren Unternehmen, deren Geschäftsmodelle unter Druck geraten sind. Ihnen fehlen eine entsprechende Nachfrage oder schlicht die Arbeitskräfte.
Wie kommt Deutschland aus dieser Lage heraus? Die wichtigste Antwort lautet: durch die Rückkehr von Vertrauen. Unternehmen investieren nicht, weil sie keine verlässliche Perspektive sehen. Haushalte konsumieren nicht, obwohl die Reallöhne gestiegen sind, weil sie Angst vor der Zukunft haben. Viele Menschen sparen, nicht weil sie müssen, sondern weil sie sich absichern wollen – gegen Unsicherheit, geopolitische Risiken und politische Unklarheit.
Dabei hilft es wenig und ist oft kontraproduktiv, pauschal „die Politik“ zu kritisieren und verantwortlich zu machen. Deutschland ist eine Marktwirtschaft und eine Demokratie – Regierungen können Investitionen nicht befehlen und Innovation nicht verordnen. Viele der heutigen Probleme sind hausgemacht.
Das sichtbarste Beispiel ist die deutsche Automobilindustrie: Diesel-Skandal, übermäßige Abhängigkeit von China, das Verschlafen der Elektromobilität und autonomer Technologien – all das sind Managementfehler, keine politischen Zwänge. Ebenso wenig hat die Bundesregierung die geoökonomischen Konflikte verursacht, den Protektionismus Donald Trumps oder die Konfrontationspolitik Chinas.
Dennoch spielt die Bundesregierung eine entscheidende Rolle: Sie kann Vertrauen schaffen – durch Ehrlichkeit und durch große, mutige Reformen.
Zur Ehrlichkeit gehört zunächst das Eingeständnis: Deutschland stehen weitere magere Jahre bevor, womöglich fünf bis zehn. Der gesellschaftliche Wohlstand wird langsamer wachsen, und ein größerer Teil davon wird für öffentliche Investitionen, Verteidigung, Klimaschutz und Infrastruktur benötigt. Das bedeutet: weniger Spielraum für Konsum, weniger für Sparen, weniger für staatliche Wohltaten.
Alle Parteien der Regierung müssen bereit sein, rote Linien zu überschreiten und Tabus aufzugeben.
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung
Auch der Staat selbst wird effizienter werden und Leistungen überprüfen müssen. Und Ehrlichkeit bedeutet auch, dass Unternehmensführungen Verantwortung für das eigene Versagen übernehmen – statt die Schuld immer bei anderen zu suchen.
Neben Ehrlichkeit braucht es 2026 drei große Reformen, die die Bundesregierung anstoßen sollte.
1. Eine Reform Europas
Nationale Alleingänge schwächen Deutschland. Notwendig sind eine Vertiefung des europäischen Binnenmarkts, mehr gemeinsame Industrie-, Energie-, Innovations- und Finanzpolitik und stärkere europäische Institutionen. Deutschland muss sich in den Dienst Europas stellen, gemeinsam mit Frankreich und den anderen Partnern, statt Europa als Bühne nationaler Interessen zu nutzen.
2. Eine große Steuerreform
Deutschland besteuert Arbeit hoch und Vermögen niedrig – das ist ökonomisch ineffizient. Unternehmen sowie Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen müssen entlastet werden, damit Investitionen und Konsum steigen können. Das erfordert im Gegenzug höhere Belastungen großer Vermögen, insbesondere von Immobilien und Erbschaften, sowie den Abbau zahlreicher steuerlicher Subventionen für Partikularinteressen. Der Staat muss sparen, wo es sinnvoll ist – aber die Spielräume dafür sind kurzfristig begrenzt.
3. Eine Reform des Sozialstaats
Die demografische Entwicklung wird die Kosten für Rente, Gesundheit und Pflege massiv erhöhen. Es ist illusorisch, diese Ausgaben senken zu wollen – realistisch ist nur, ihr Wachstum zu begrenzen. Dafür braucht es eine längere Lebensarbeitszeit, einen späteren Renteneintritt, bessere Beschäftigungschancen für Ältere sowie eine deutlich höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Migranten – zwei der größten Potenziale des deutschen Arbeitsmarkts.
Das Fazit ist klar: Die wichtigste Aufgabe der Bundesregierung 2026 ist es, das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit Deutschlands zurückzugewinnen. Das gelingt nicht durch Schönreden und nicht durch Schuldzuweisungen, sondern durch Ehrlichkeit, Verantwortung und drei mutige Reformen – in Europa, im Steuersystem und beim Sozialstaat. Dafür müssen alle Parteien der Regierung bereit sein, rote Linien zu überschreiten und Tabus aufzugeben. Nur so kann Deutschland wieder wirtschaftlich erfolgreich werden.