Peter Görlich klang regelrecht euphorisch, als er sein Herrschaftswissen mit den Mitgliedern von Hertha BSC teilte. Der Geschäftsführer des Fußball-Zweitligisten stand auf der Bühne im City Cube der Messe Berlin und referierte über das Spiel am Tag zuvor. Die eingehende Analyse der Daten habe ergeben, dass Hertha dem Gegner Holstein Kiel in allen Parametern überlegen gewesen sei. „In allen!“
Dass die Mannschaft die Partie gegen Kiel trotzdem 0:1 verloren hatte, war insofern ein schwer erklärlicher Betriebsunfall. Denn Görlich lobte die Variabilität im Spielaufbau, er sprach über neue Bestwerte bei Diagonalbällen, über überspielte Linien und über die Art der Verteidigung. „Wir haben brutal hoch verteidigt“, sagte Herthas Geschäftsführer. „So wollen wir spielen gegen einen tiefstehenden Gegner.“
Offenbar ist das auch für die kommende Saison bei Hertha BSC der Plan. Und offenbar hat dieser Plan die Zukunftsplanungen von Toni Leistner entscheidend durchkreuzt. Während es vor kurzem noch hieß, dass der Verein mit ihm erste Gespräche über einen weiteren Einjahresvertrag geführt habe, hat Hertha am Freitag offiziell verkündet, was schon seit ein paar Tagen gerüchteweise bekannt war: das Ende der Zusammenarbeit.
Fünf Spieler werden verabschiedet
Leistner wird den Klub nach Ablauf dieser Saison verlassen und am Sonntag, vor dem Heimspiel gegen Greuther Fürth (13.30 Uhr, Sky), offiziell verabschiedet – gemeinsam mit Tim Hoffmann, John Anthony Brooks, Diego Demme und Jeremy Dudziak. Auch ihre auslaufenden Verträge werden nicht verlängert. Bis auf Hoffmann, der zum Drittligisten SC Verl wechselt, sind alle älter als 30.
Herthas Trainer Stefan Leitl sprach Leistner einen großen Dank aus. „Er hat für uns als Mannschaft immer alles gegeben“, sagte er, während Benjamin Weber, Herthas Sportdirektor, in der Mitteilung des Vereins wie folgt zititert wurde: „Wir sind Toni für seinen Einsatz und seine Leidenschaft in den vergangenen Jahren für Hertha BSC sehr dankbar.“
Neuer Hauptsponsor für Hertha ?
Der Vertrag von Hertha BSC mit dem aktuellen Hauptsponsor Check Cars 24 läuft noch bis Mitte 2027. Doch schon in der kommenden Saison könnte der Berliner Fußball-Zweitligist den Schriftzug eines neuen Partners auf den Trikots tragen. Der Grund: Check Cars 24 soll einem Bericht der „Sportbild“ zufolge seit Ende des vergangenen Jahres nicht mehr gezahlt haben. Das Unternehmen bestreitet dies und wirft Hertha seinerseits eine Verletzung der vertraglichen Pflichten vor. Der Klub sucht wohl schon einen neuen Sponsor. Als Kandidat gilt die Sparda Bank Berlin, die bereits auf den Trikotärmeln wirbt und mit Hertha unter anderem bei der Refinanzierung der Nordic-Bond-Anleihe zusammenarbeitet.
Möglicherweise wird Leistner in anderer Funktion zu dem Klub zurückkehren, für den er in drei Jahren 83 Pflichtspiele bestritten hat. Eine Tätigkeit als Trainer aber hat er Leitl gegenüber definitiv ausgeschlossen.
Er hat für uns als Mannschaft immer alles gegeben.
Herthas Trainer Stefan Leitl über Toni Leistner
„Enttäuschung pur“, hat Toni Leistner unter den letzten Beitrag geschrieben, den er auf seinem Instagram-Account gepostet hat. Er datiert vom 12. April und bezieht sich auf Herthas Heimniederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern. Zu seinem Abschied bei den Berlinern hat er sich bisher noch nicht öffentlich geäußert. Auch in Herthas Mitteilung wird er nicht zitiert.
Dass ein Verein auflaufende Verträge nicht verlängere, „ist von allen Seiten zu akzeptieren“, sagte Trainer Leitl. Und trotzdem scheint die Entscheidung des Klubs Leistner hart getroffen zu haben. Im Sinne der übergeordneten Spielidee aber ist diese Entscheidung einigermaßen verständlich.
Gegen Kiel haben die Berliner mit der letzten Linie auch deshalb so hoch gestanden, weil Linus Gechter und Marton Dardai recht flink unterwegs sind. Leistner, der im August 36 wird, ist das nicht. Dafür bringt er andere Qualitäten ein: Kopfballstärke, Zweikampfhärte und eine gewisse Unnachgiebigkeit.
All das hat den Berlinern so gut getan, dass Stefan Leitl noch vor drei Wochen überaus wohlwollende Worte über den Routinier im Team gefunden hat. „Toni hat seine Wichtigkeit innerhalb der Mannschaft in diesem Jahr erneut bewiesen“, sagte Herthas Trainer, nachdem die Gerüchte über eine anstehende Vertragsverlängerung aufgekommen waren. „Er ist jemand, der Führung übernehmen kann, der innerhalb der Kabine auch ein Wort hat.“
Nicht von ungefähr haben sie Leistner bei Hertha gleich nach seiner Verpflichtung vor drei Jahren zum Kapitän gemacht – obwohl er sich wegen seiner Vergangenheit beim Lokalrivalen Union anfänglich massiver Anfeindungen durch die Ultras ausgesetzt sah. Das ist längst vergessen. Toni Leistner ist zu einem überzeugten und überzeugenden Herthaner geworden.
Und er hat auch in dieser Saison noch einmal seinen sportlichen Wert bewiesen, nachdem er im vergangenen Sommer von Fabian Reese als Kapitän abgelöst worden war und ihm Trainer Leitl klar kommuniziert hatte, dass er nicht mehr automatisch gesetzt sei. „Er hat das überragend angenommen“, hat Leitl vor kurzem gesagt. „Er war immer da und dementsprechend hat er auch regelmäßig gespielt. Er hat vielleicht mehr Spiele gespielt, als man ihm vor dieser Saison zugetraut hat.“
In den ersten 13 Zweitligapartien stand Leistner stets in der Startelf, nur einmal wurde er ausgewechselt (in Bochum, in der 90. Minute). In den 19 Begegnungen seitdem spielte der Verteidiger dann nur noch siebenmal von Beginn an, und in den jüngsten beiden Spielen kam er sogar keine einzige Minute mehr zum Einsatz.
Gemessen allein an den Ergebnissen ist Hertha mit Leistner im Team immer noch erfolgreicher als ohne ihn. Aber Geschäftsführer Görlich hat bei der Mitgliederversammlung Ende April für den Klub mehr Klarheit in allen Belangen ausgerufen. Das gilt auch für die Spielidee.
So wie gegen Kiel will Hertha auch in der kommenden Saison spielen: mit hoher Intensität, viel Druck auf den Gegner und daher auch mit einer hohen Verteidigung. Das geht mit Toni Leistner nur bedingt. Deshalb geht seine Zeit als Spieler bei Hertha jetzt zu Ende.