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Deutschland 2.0: Wie die Regierung Behördengänge überflüssig machen will

2026-05-01
In politik Vom Jan Krüßmann

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Noch klingt die Roboterstimme der KI-Assistentin, die beim Ausfüllen des Kindergeldantrags helfen soll, ziemlich blechern: „Studiert Ihr Kind?“, krächzt die künstliche Intelligenz in Gestalt einer braunhaarigen Frau, die auf dem Bildschirm neben Digitalminister Karten Wildberger (CDU) erschienen ist. Sogleich macht sie sich daran, die Nutzerantwort ins Formular einzutragen.

Der Minister beeilt sich zu betonen, dass es sich um einen frühen Prototyp handelt. Vom fertigen Produkt, das nach aktuellem Zeitplan im Jahr 2027 an den Start gehen soll, sei man noch weit entfernt. Ein Jahr alt wird Wildbergers Ministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung in diesen Tagen. Nach der Regierungsbildung wurde es neu gegründet.

Wildberger nimmt das Jubiläum zum Anlass, vorzuführen, was sein Team in diesem ersten Jahr geschafft hat und welche Projekte angestoßen wurden. „Presse-Roadshow“ nennt er das. In diesem Haus braucht alles einen dynamisch klingenden Namen. Im Investmentbanking versteht man darunter eine Werbetour, bei der ein Unternehmen zusammen mit Banken Geld von potenziellen Anlegern einwirbt. Wildberger hat davon nicht so viel: 1,5 Milliarden Euro – nur das Justizministerium hat weniger Mittel zur Verfügung.

Unser Land soll sich wieder einfacher anfühlen.

Digitalminister Karsten Wildberger (CDU)

Besonders im Fokus des Interesses: die Deutschland-App. Sie soll zum zentralen Anlaufpunkt für alle werden, die online Behördengänge erledigen wollen – sei es im Kontakt mit Behörden des Bundes, der Länder oder der Kommunen vor Ort.

Die Deutschland-App soll wie ein digitaler Assistent funktionieren

Die App verfolgt einen neuartigen Ansatz: Statt alle Verwaltungsdienstleistungen einzeln zu integrieren, soll sie funktionieren wie ein digitaler Assistent. Sie durchsucht das Internet nach bestehenden Onlineformularen und füllt diese stellvertretend für den Nutzer aus. Dieser soll so alles an einem Ort erledigen können und sich die Formulare nicht mühsam im Dickicht verschiedener Webseiten zusammensuchen müssen.

Um ein Formular auszufüllen, etwa einen Kindergeldantrag, soll es drei Möglichkeiten geben, zwischen denen flexibel gewechselt werden kann. Ein händisches Ausfüllen der Formularfelder in der App soll ebenso möglich sein wie das Chatten mit einem KI-Assistenten oder das Gespräch mit einem Avatar.

„Mein ganzes Rathaus auf dem Sofa.“ Bis die Deutschland-App so weit ist, dürfte es noch etwas dauern.

© dpa/Soeren Stache

„Unser Land soll sich wieder einfacher anfühlen“, sagt Wildberger. Wie er sich das vorstellt, ist auf dem Bildschirm hinter ihm zu sehen: „Mein ganzes Rathaus auf dem Sofa“ steht in weißen Lettern, dazu ein Bild von einem jungen Mann, Füße auf dem Couchtisch, Handy in der Hand. Es ist eine schöne Vorstellung. Doch der Weg dorthin ist noch weit.

Dass das Ministerium die Entwicklung des Prototyps für die Deutschland-App an SAP und Telekom vergeben hat, sorgte bei vielen Start-ups, die schon länger auf dem Gebiet der Verwaltungsdigitalisierung tätig sind, für Ärger. Sie fürchten, bei der Ausschreibung später im Jahr keine faire Chance zu haben. Außerdem gibt es Zweifel daran, wie gut die Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Ministerien läuft. Auch das Sozialministerium von Bärbel Bas (SPD) plant aktuell ein digitales Antragsportal für Sozialleistungen.

Eine weitere Herausforderung ist die Rückanbindung der Verwaltungsstellen an die App. Wenn diese auf einen digital eingereichten Antrag doch wieder per Brief antworten und Rückfragen klären wollen, dürfte der Frust bei vielen Nutzerinnen und Nutzern groß sein.

Der Personalausweis kommt aufs Handy

Ein anderes Projekt ist schon weiter: Am 2. Januar 2027 startet die neue Brieftasche fürs Handy EUDI-Wallet (kurz für „Europäische digitale Identität“). Seine Arbeit sei getan, wenn es kein Problem mehr sei, dass man die physische Brieftasche mal wieder zu Hause liegen gelassen hat, sagt der Projektleiter.

Erster Schritt ist die Integration des Personalausweises in die Wallet. Einmalig müsse dafür jeder seinen physischen Personalausweis mit dem Handy scannen und die dazugehörige Onlineausweis-PIN eingeben. Dadurch werde in der Wallet ein digitaler Zwilling des Ausweises erzeugt. Mit diesem kann dann fortan etwa das Alter verifiziert werden, wenn im Internet Alkohol gekauft wird. Auch mühsame Identifikationen per Videocall, etwa beim Eröffnen eines Bankkontos, sollen der Vergangenheit angehören.

Perspektivisch sollen weitere Dokumente in die Wallet einziehen: von Geburtsurkunde und Führerschein bis hin zu Konzerttickets. Bis zum Start der App wird vor allem noch an der Sicherheit gefeilt.

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