Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir hat sich am Sonntag um kurz vor Mitternacht zum Sieger der Landtagswahl in Baden-Württemberg erklärt. Zu diesem Zeitpunkt lagen die Grünen rund 27.000 Stimmen vor der CDU, mehr als 99 Prozent der Wahlgebiete waren ausgezählt. Insgesamt hatten rund 5,4 Millionen Menschen in Baden-Württemberg ihre Stimme abgegeben. Ein denkbar knapper Erfolg.
Vorangegangen war ein Rennen, das laut den ersten Prognosen klar zugunsten der Grünen ausgehen würde. Im Laufe des Abends war es dann aber doch knapp geworden. Gerade einmal 0,2 Prozentpunkte trennten Grüne und CDU teilweise voneinander.
Cem Özdemir wird damit auch der neue Ministerpräsident in Baden-Württemberg. CDU-Kandidat Manuel Hagel gratulierte ihm am Abend zum Sieg. Unter Özdemir wird wohl auch die Koalition aus Grünen und CDU fortgesetzt. Ob Hagel eine Rolle in der neuen Regierung übernehmen wird, war am Abend unklar.
Landtagswahl in Baden-Württemberg
„Cem Özdemir hat sich aus einem krassen Rückstand nach vorne gekämpft“, sagte Grünen-Parteichef Felix Banaszak. Er habe gezeigt, dem Amt des Ministerpräsidenten gewachsen zu sein. Bei der Grünen-Wahlparty in Baden-Württemberg brach nach Vorstellung der 18-Uhr-Prognose breiter Jubel aus, genauso wie, als rund eine halbe Stunde später Özdemir zur Bühne schritt.
„Was für ein Wahlkampf, was für eine fulminante Aufholjagd“, sagte Özdemir da. Der 60-Jährige bedankte sich bei seinen Unterstützern, mahnte aber zugleich, den Verlauf des weiteren Abends abzuwarten. „Egal wie es nachher endgültig ausgeht: Das muss eine Partnerschaft auf Augenhöhe werden.“ Rechnerisch hätten Grüne und CDU eine klare Mehrheit.
Die wichtigsten Entwicklungen am Wahlabend
- Nach dem voraussichtlichen Scheitern der FDP an der Fünfprozenthürde hat Landeschef Hans-Ulrich Rülke seinen Rücktritt vom Landesvorsitz angekündigt.
- Nach dem SPD-Verlust hat Spitzenkandidat Andreas Stoch seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef angekündigt.
- Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir signalisiert Kompromissbereitschaft in Richtung CDU bei der Bildung einer neuen Regierung. „Beide Seiten müssen sich wiedererkennen können in der Koalitionsvereinbarung“, sagte er in der ARD.
- Partei kann Ergebnis mehr als verdoppeln: AfD-Chef Tino Chrupalla sieht „Riesenerfolg“ für AfD
- Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ist offen für ein Ministeramt in der neuen Landesregierung.
- Cem Özdemir hat auch seinen eigenen Wahlkreis in Stuttgart deutlich für sich entscheiden können und das Direktmandat für seine Partei in der Landeshauptstadt gewonnen. Die Grünen gewannen alle Direktmandate in Stuttgart.
Die zwei wichtigsten Gründe für den Wahlsieg: Die Grünen wurden in Baden-Württemberg deutlich positiver wahrgenommen als im Bund. 55 Prozent stimmen laut Forschungsgruppe Wahlen eher der Aussage zu, die Grünen stünden im Südwesten für eine andere Politik als im Bund. 36 Prozent stimmen eher dagegen. Spitzenkandidat Cem Özdemir, früher Grünen-Parteichef und Bundeslandwirtschaftsminister, wurde zudem als sympathischer, glaubwürdiger und auch kompetenter als sein CDU-Wettbewerber Manuel Hagel eingeschätzt.
Landtagswahl Baden-Württemberg: Wählerwanderung
Der Wahlverlierer Hagel dankte seinen Wahlkämpfern und Mitarbeitenden. „Ihr wart alle klasse“, sagte Hagel in Stuttgart. Viele Christdemokraten seien mit Anstand über sich hinausgewachsen – eine Spitze an die Grünen, denen die CDU eine Schmutzkampagne vorwirft. Der 37-Jährige dankte auch seiner Familie. „Die letzten Wochen waren für meine Frau, meine Familie und mich persönlich eine enorme Belastung.“ Nun gelte es, die weiteren Hochrechnungen abzuwarten.
Wahlberechtigt waren rund 7,7 Millionen Menschen, darunter erstmals auch 16- und 17-Jährige. In Umfragen lagen die Grünen mit ihrem Spitzenkandidaten Özdemir über Monate hinweg deutlich hinter der CDU. Doch Özdemir konnte den Vorsprung vor Hagel in den vergangenen Tagen kontinuierlich abbauen. In einer letzten Umfrage lagen beide dann gleichauf.
Die Südwestwahl markiert den Start in ein Superwahljahr. Sie ist die erste von fünf Landtagswahlen und hat eine Signalwirkung, die weit über Baden-Württemberg hinausreicht.