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Tag 5 bei der Berlinale: Der Bär muss was essen

2026-02-17
In leben Vom Robert Ide

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Man ist, was man isst. In Kinosälen mampfen die Leute inzwischen alles. Bei einem Film über eine queere Chinesin verschlang eine Frau neben mir ihre vegetarische Pizza. Kein Wunder, dass die Berlinale in der „Uber Eats Arena“ gastiert. Hier am gesichts- und geschichtslosen „Uber Platz“ ist genug Raum für Tausende Klappstühle und ein Burgermenü mit XXL-Leinwand. Von der strahlt in satten Farben das Maskottchen des Fesivals: ein Bär aus pinken, roten und blauen Fragmenten. Er sieht ein bisschen aus wie die Leute, die die Kinos in Scharen bevölkern: zerfleddert vom Berliner Winter und den Stürmen der Zeit, aber auch ein wenig erleuchtet.

Claudia Schramke hat das Maskottchen der Berlinale entworfen.

© Robert Ide

„Der ist doch nicht zerfleddert“, sagt Claudia Schramke in ihrer Atelierküche in Wedding. Die Grafikdesignerin hat den neuen Bären entworfen, ein Raubtier aus hunderten bunten Partikeln. „Ein Publikumsfestival setzt sich aus vielen Menschen zusammen“, erzählt die in einen Berlinale-Schal eingemummelte Frau. „Nur wenn wir zusammenkommen, entsteht etwas Größeres und Stärkeres.“ Wir alle sind also der Berliner Bär. Vielleicht sind wir deshalb so hungrig.

Der erste Bär, den Schramke entworfen hat, trug eine Sonnenbrille. Er zierte die Sommer-Berlinale nach dem Corona-Winter; seine Brille bildete ein umgekipptes B. „Das sieht aus wie zwei Pobacken auf einer Kloschüssel“, habe ihr ein Mann hinterher gesagt. Die 40-Jährige muss darüber heute noch lachen. Sie mag das Kodder-Feedback der Berliner und Berlinerinnen; sie ist ja selbst eine. Sie hat auch nichts dagegen, dass der Bär mit Graffitis vollgekleistert wird. „Wenn ich mit ihm fertig bin, muss er draußen alleine klarkommen.“

Grafikdesignerin Claudia Schramke in ihrem Gemeinschaftsatelier in Wedding.

© Robert Ide

Schramke hat früher Wölfe gezeichnet für das kleine „Wolf“-Kino in Neukölln. So rutschte sie in die Filmbranche und gibt nun der Berlinale jedes Jahr ein neues Erkennungszeichen, das keineswegs Logo heißt, sondern logischerweise „Key Visual“. Zum 75. Jubiläum schlug sie 75 verschiedene Bären von 75 verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern vor. Das waren aber selbst der Berlinale zu viele Partikel. Sie entschied sich für Kreise, die an einen alten Countdown von der Filmrolle erinnern sollten. Doch ach, ohne Bär wirkte das Festival von der Rolle.

Robert Ide Robert Ide schreibt unter anderem die Newsletter „Checkpoint“ und „Im Osten“ sowie Kolumnen über Liebe („Ins Herz“) und die Internationalen Filmfestspiele, die Berlinale. Er war lange Chef der Sportredaktion und der Berlin-Brandenburg-Redaktion sowie Geschäftsführender Redakteur. Robert Ide ist Buchautor, Moderator und Experte zur deutschen Einheit.

Hat die Künstlerin, deren Gemeinschaftsatelier in einer alten Feuerwache im Wedding wie ein Rettungsraum für handgemachte Kunst wirkt, eigentlich Angst, dass bald Künstliche Intelligenz die Partikel zusammensetzt? „Es ist eine schwere Zeit für die Kunst, aber ich glaube ganz stark, dass die Menschen beim Anblick einen Unterschied spüren.“ Schramke hat lange studiert, um die Druckfarben – das blaue Cyan, Magenta, Yellow und das tiefschwarze Key – zu immer neuen kunstvollen Farben und Formen zu mischen. Ein Mausklick enthalte nicht genügend Gedanken. Und er koste ja die Welt auch nicht weniger. „Er geht auf Kosten der Gestalterinnen und Gestalter, die ersetzt werden sollen. Und auf Kosten der Umwelt.“ Neben ihrer Arbeit zeichnet Schramke Menschen in Suppenküchen oder wirkt in Jurys für internationale Plakatwettbewerbe mit. Das Leben der zweifachen Mutter setzt sich aus vielen Partikeln zusammen.

Was unterscheidet zeichnerisch den Bären vom Wolf? „Der Bär ist rundlicher.“ Wie so mancher Besucher nach seinem XXL-Menü vor der XXL-Leinwand. Die Berlinale hat immer Bärenhunger.

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