Der Grabstein, den ihm „seine Freunde“ gewidmet haben, würdigt ihn in großen Lettern als Kammergerichtsrat, als könnten bürgerliche Ehren das elende syphilitische Ende überstrahlen, das ihn 1822 mit nur 46 Jahren ereilte.
Hier, am Mehringdamm, ist ohnehin E.T.W. Hoffmann, wie er mit korrekten Initialen hieß, zur Ruhe gebettet, und nicht jener in ewiger Unruhe verharrende E.T.A. Hoffmann, der in Verehrung für Mozart seinen dritten Vornamen Wilhelm gegen Amadeus tauschte.
Diese Buchstabenfolge trug Ernst Theodor Wilhelm Amadeus Hoffmanns Namen hinaus in alle Welt, auch wenn von den vielen Talenten, die der gebürtige Königsberger besaß, das des Schriftstellers am lebendigsten geblieben ist.
Wer allerdings kann sagen, wie der angeblich reich mit Insignien seiner unbändigen Fantasie ausgestattete Sandstein, den der irritierte Kirchenvorstand der Jerusalems-Gemeinde 1902 gegen einen schlichteren Granit austauschen ließ, einmal im Detail aussah? Nur ein kleiner Schmetterling als Wiedergeburtssymbol ist geblieben. Zumindest der Text, in dem ihm die Freunde, unter ihnen Baron Friedrich de la Motte Fouqué und der Schauspieler Ludwig Devrient, bestätigten, „ausgezeichnet im Amte, als Dichter, als Tonkünstler, als Maler“ gewesen zu sein, dürfte erhalten geblieben sein.
Schiffbruch mit Orchester
Dabei bewegte er sich als Komponist, als der er sich in erster Linie verstand, in den romantischen Konventionen seiner Zeit. Als Kapellmeister, der 1808 am Bamberger Hoftheater anheuerte, kämpfte er mit maroden Finanzstrukturen und erlitt schon bei seinem dirigentischen Debüt mit Henri-Montan Bertons Singspiel „Aline“ angesichts eines unfähigen Orchesters Schiffbruch.
Der Zeichner kam bei allem Genie nicht über Gelegenheitsarbeiten hinaus, und so war es kein Wunder, dass er sich auf das verlegte, was ihm am leichtesten von der Hand ging und ihm den meisten Ruhm einbrachte: das Schreiben.
Zum Weiterlesen
E.T.A. Hoffmanns Werke sind in einer unüberschaubaren Zahl von Ausgaben lieferbar. Neben den im Text erwähnten Büchern ist Rüdiger Safranskis 2022 in einer Neuauflage erschienene Biografie „Das Leben eines skeptischen Phantasten“ (Hanser, 541 S., 32 €) zu empfehlen.
Der Musikkritiker war zu Lebzeiten angesehener als der Musiker, und der Erzähler, der sich in dem Kapellmeister Johannes Kreisler aus dem Roman „Lebensansichten des Katers Murr“ ein Alter Ego schuf, stiftete ein klingendes Erbe, das von Robert Schumanns „Kreisleriana“ über „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach bis zu Paul Hindemiths Oper „Cardillac“ nach der Serienmördernovelle „Das Fräulein von Scuderi“ reicht.
Lange bevor das Adjektiv „kafkaesk“ zum Allerweltswort entwertet wurde, trat das Hoffmanneske seinen Siegeszug quer durch Europa an. Vor allem in Frankreich wusste man die Schatten- und Spiegelfiguren des „Gespenster-Hoffmann“ zu schätzen. Die 20-bändige Ausgabe, die von 1830 bis 1833 in Paris erschien, machte es möglich. Der große Charles Baudelaire verehrte ihn ebenso wie der nicht ganz so große Gérard de Nerval; in Théophile Gautier löste er sogar den Wunsch zum eigenen Schreiben aus.
Nachbarschaft mit Dietmar Kamper
Das alles ist lange her, doch E.T.A. Hoffmann hat bisher in jeder Generation neue Bewunderer angezogen. Im Mittagslicht der dritten Abteilung des Friedhofs der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde, wo er gleich neben dem Schriftsteller Reinhard Lettau und dem früh verstorbenen FU-Philosophen Dietmar Kamper liegt, hat jemand einen handgefalteten blauen Stern aufs Grab gelegt. Bis zum Rand mit Tau vollgesogen, liegt er, vom Frost wohl neuerlich erstarrt, als Gruß eines unbekannten Lesers zum 250. Geburtstag am 24. Januar 2026.
Dietmar Kamper hat nie eigens über Hoffmann geschrieben, aber er bewegte sich in einem Feld, in dem der Sinn für die Motive eines frühromantischen Denkens, das in seinen prononcierten Unschärfen der restlosen Weltbeherrschung der Moderne zuwiderlief, stark ausgeprägt war. Wenn er für sein Buch „Hieroglyphen der Zeit“ (1988) den Untertitel „Texte vom Fremdwerden der Welt“ wählte, so steckt darin eine Erfahrung, auf die auch Hoffmann im Schwindel vor den Abgründen des subjektiven Bewusstseins zielte.
Überhaupt hat Hoffmann in der Theorie zuletzt tiefere Spuren als in der Literatur hinterlassen. Ob Sigmund Freud am Beispiel des Nachtstücks vom „Sandmann“ seinen Begriff des Unheimlichen entwickelte oder Friedrich Kittler, auf den Spuren des Psychoanalytikers Jacques Lacan, in einer ganzen Reihe von Aufsätzen zu Hoffmann Ich-Phantome jagte und in ihm einen frühen Medientheoretiker entdeckte: Hoffmanns wahnhafte Imaginationen lassen sich philosophisch erstaunlich fruchtbar machen.
Vision einer Androidin
Es ist höchstens fraglich, inwieweit sich die dunklen Energien seiner Prosa in Konzepte übersetzen lassen, die mehr als eine Aneignung sind – visionäre Erfindungen wie die Roboterpuppe Olimpia im „Sandmann“, der Vorform einer Androidin, ausgenommen.
Denn Hoffmann war zwar ein origineller Kopf, aber alles andere als ein konziser Denker. Peter von Matt beginnt seine herausragende Studie „Die Augen des Automaten“ (1971) sogar mit dem Nachweis, wie schlampig und widersprüchlich Hoffmann formulierte. Er inszenierte atmosphärische Kraftfelder, nicht scharf umrissene Begriffe. Genau das war aber auch seine Stärke.
© Lydia Hesse/Tagesspiegel
Wenn Siegfried Kracauer in seinem soziologischen Essay „Die Angestellten“ von 1929/30 Hoffmann erwähnt, ist das vor allem assoziative Folklore: „Es gibt eine Menge fantastischer E.T.A.-Hoffmann-Figuren unter den Angestellten vorgerückten Alters. Irgendwo sind sie stecken geblieben und erfüllen seitdem ununterbrochen banale Funktionen, die alles andere als unheimlich sind. Dennoch ist es, als seien diese Menschen in eine Aura des Grauens gehüllt. Sie strömt von den verwesten Kräften aus, die innerhalb der bestehenden Ordnung keinen Ausweg gefunden haben.“
Auch „Von Caligari zu Hitler“, seine 1947 entstandene Geschichte des deutschen Films, verweist mit „Nosferatu“, „Der Student von Prag“ oder dem titelgebenden „Cabinet des Dr. Caligari“ auf frühe Horrorfilme, die selbstverständlich von Hoffmanns schwarzer Romantik profitierten.
Hommage von Andrei Tarkowski
Die beste Kinoadaption hat es leider nie auf die Leinwand geschafft. Andrei Tarkowkis 1975 im Anschluss an seinen Film „Der Spiegel“ unter unendlichen Mühen entstandene „Hoffmanniana“ existieren nur als Filmerzählung – und als ein wunderbares Hörspiel von Kai Grehn. Auch in seiner russischen Heimat galt Hoffmann als Instanz: 1921 benannte sich in Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg, sogar eine prominente Schriftstellergruppe nach den „Serapionsbrüdern“, jenem Kreis von Romantikern, die Hoffmann in Berlin um sich geschart hatte.
Ganz aus dem Geist des Meisters mischen sich in den „Hoffmanniana“ Elemente seiner Erzählkunst, die leeren Spiegel und die Doppelgänger, mit biografischen Versatzstücken bis zum Tod in der Taubenstraße unweit des Gendarmenmarkts. Der schwere Alkoholiker, der bei Lutter & Wegner zechen ging, tritt hier in Erscheinung, und der Schürzenjäger, der es seiner stets loyalen Frau Mischa schwermachte.

Der schnellste Berlin-Überblick von Montag bis Samstag.
Anders als Tarkowski muss sich Hoffmanns eifrigste Deuterin, die Philosophin Sarah Kofman aus dem Umfeld von Jacques Derrida, vorwerfen lassen, nur bestimmte Aspekte seiner Literatur auszubeuten. Die Brillanz, mit der sie „Die Elixiere des Teufels“ psychoanalytisch aufschlüsselt, mehr noch aber, wie sie in ihrem Buch „Schreiben wie eine Katze“ (Autobiogriffure) die „Lebensansichten des Katers Murr“ einer dekonstruktivistischen Lektüre unterzieht, entschädigt für die Begrenztheit ihres Blicks. Die Stilisierung des Tiers zum Menschen wird hier als Verstoßung des Menschen aus seiner Souveränität gelesen, Hoffmanns parodistisches Spiel, das auch Goethe in seinem Olymp attackierte, in philosophischen Ernst überführt.
Unter den Romanen ist der „Kater Murr“ auch ohne Hoffmanns sonstigen Dämonengraus für heutige Leser erste Wahl. Die abenteuerliche Konstruktion aus zwei miteinander verschränkten Autobiografien in Verbindung mit einer Erzähllust, die auch über triviale Untiefen hinwegträgt, bietet vielleicht auch einen Hinweis darauf, warum er in besserer Erinnerung geblieben ist als sein Zeitgenosse Jean Paul, der mit dem „Siebenkäs“ den Begriff Doppelgänger in der deutschen Sprache verankert haben soll. Jean Pauls metaphysische Spekulationen wie seine Wort- und Satzwucherungen bilden in ihrer Monstrosität eine Herausforderung, mit der die wenigsten zurande kommen.
In Bamberg, das seit jeher mit Berlin um den Rang als führende Hoffmann-Stadt rangelt, beginnt in dem nach ihm benannten Stadttheater das Jubiläumsjahr mit einer konzertanten Lesung aus den Kreisler-Aufzeichnungen im „Murr“.
Berlin hat außer Lydia Steiers Inszenierung von „Hoffmanns Erzählungen“, die im März wieder auf dem Spielplan steht, wenig zu bieten. Mit dem E.T.A.-Hoffmann-Portal der Staatsbibliothek verfügt es indes über eine Art Dauerausstellung, die zumindest an Materialvielfalt und Themenbreite schwer zu überbieten ist.