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Neues Album nach vier Jahren: Harry Styles lässt den Sonnenschein rein

2026-03-09
In leben Vom Inga Barthels

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Die Neunzigerjahre in Berlin sind ja angeblich legendär gewesen, aber die Nuller waren auch nicht so schlecht: die Mieten günstig, die Kriege gefühlt weit weg und die letzten Ausläufer der hedonistischen Nachwende-Raver-Zeit noch zu spüren.

Für Berliner Millennials gab es direkt Flashbacks, als Harry Styles im Januar seine neue Single „Aperture“ veröffentlichte. Denn obwohl der britische Popstar während seiner Ausflüge nach Berlin angeblich im Berghain tanzte, klingt „Aperture“ viel mehr nach einem Sommertag in der Bar 25 in diesen unbeschwerten Nullerjahren als nach hartem Techno.

„Aperture lets the light in“, singt Harry Styles, und es scheint das Mission Statement seines Albums zu sein. Pünktlich zum Frühlingsbeginn liefert „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ den Sonnenschein in Form von zwölf Tracks, viele davon aufgenommen in den Berliner Hansa Studios.

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Vier Jahre ist es her, dass Styles „Harry’s House“ veröffentlichte, mit dem er den Grammy für das beste Album des Jahres gewinnen und anschließend 22 Monate auf Tour gehen sollte.

Die Auszeit in diversen europäischen Städten – in Rom war er einst zufällig dabei, als der neue Papst ernannt wurde – hat sich der 32-Jährige also verdient, und die neue Platte hört sich auch wirklich tiefenentspannt an.

Der Nullerjahre-Einfluss ergibt chronologisch Sinn, nach seinen von den Sechzigern und Siebzigern inspirierten ersten beiden Solo-Platten und den Eighties-Vibes von „Harry’s House“. Produziert wurde das neue Album wieder von Styles‘ Langzeit-Kollaborateuren Kid Harpoon und Tyler Johnson.

LCD Soundsystem, dessen Konzerte Styles während seiner Auszeit besucht hat, sind eine offensichtliche Inspiration. Auch an den Elektropop von The XX, Hot Chip oder Metronomy muss man zuweilen denken.

Richtige Pop-Banger gibt es nicht

Traditionell sind die ersten Tracks von Harry Styles‘ Alben die Banger, Nummer-Eins-Hits wie „Watermelon Sugar“ oder „As It Was“. Die gibt’s hier allerdings nicht so richtig. Nach „Aperture“ kommt mit „American Girls“ der Song, der sich mit seinem warmen Rock-Refrain noch am ehesten nach dem „alten“ Harry anhört.

Das funkige „Ready, Steady, Go!“ kann mit unerwarteter spanischer Gitarre aufwarten, „Pop“ aus der zweiten Albumhälfte ist ein weiterer Hit-Anwärter, mit seinen glitzernden Synths und dem großen, eingängigen Chorus.  

Das neue Album hört sich durchweg gut an, wenn auch nicht alle Songs im Gedächtnis bleiben. Seine Ambitionen als Texter scheint Harry Styles indes weitgehend aufgegeben zu haben. Schon der Albumtitel „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ rollt nicht gerade von der Zunge.

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Angeblich seien die Lyrics ein Tagebuch über die Zeit zwischen den Alben, sagte Styles in Interviews. Aber er hat sich dem hyperdetaillierten und personalisierten Songwriting, das Taylor Swift im Pop großgemacht hat, von jeher verweigert.

Seine Texte sind oft kryptisch bis zum Unsinn, die Vibes stimmen trotzdem. Nur manchmal gibt es Cringe-Momente: „If you must join a movement/ Make sure there’s dancing” singt Harry Styles auf „Are You Listening Yet?”. Ein Statement, das sich ein bisschen nach Wandtattoo anhört.

Auch, dass einem auf dem ansonsten tollen „Dance No More“ ständig eingehämmert wird, dass man seine Mutter respektieren solle, wirkt etwas anbiedernd und erinnert an Styles‘ Song über schlechte Boyfriends von „Harry’s House“.

Der kollektive Boyfriend des Internets: Harry Styles.

© Johnny Dufort

Was soll’s, er ist nunmal der kollektive Boyfriend des Internets, und Harry Styles war schon immer eher ein Popstar als ein Singer-Songwriter. Als solcher ist er längst too big to fail. Da kann er sich auch geradezu experimentelle Tracks wie „Season 2 Weight Loss” leisten, mit seinen fragmentierten Beats und dem versetzten Bass.  

„It’s hard to know when the thoughts are your own“, singt er darauf. Er habe nach dem ständigen Leben auf Tour erfahren wollen, ob er ohne das konstante Dopamin des Popstar-Daseins überhaupt existieren könne, erzählte Harry Styles in Interviews über seine Zeit zwischen den Alben. „Do you love me now?“, fragt er auf „Season 2 Weight Loss” immer wieder, und: „Do I let you down?”

Mit der Angst, einen Teil seiner Fanbase enttäuschen zu können, hat Harry Styles offenbar seinen Frieden geschlossen. Er scheint genau die Musik gemacht zu haben, die er machen wollte, ohne große Kalkulationen. Diese Lässigkeit ist vielleicht der größte Triumph von „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“.

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