Am 23. Januar 2026 ist der Impresario Holger Klotzbach nach schwerer Krankheit in Berlin gestorben. Eine Woche später, am 30. Januar, wollte er ursprünglich seinen 80. Geburtstag feiern. Katharine Mehrling, als Sängerin und Bühnenstar in Klotzbachs Bar jeder Vernunft genauso zu Hause wie in der Komischen Oper oder dem Konzerthaus, hat zu seinem Geburtstag eine persönliche Würdigung des ehemaligen Mitglieds der 3 Tornados und des Gründers von Bar jeder Vernunft und Tipi am Kanzleramt geschrieben. Nun erscheint ihr Text leicht geändert als Nachruf auf den Theaterdirektor, Anarcho-Kabarettisten und Entertainmentvisionär.
Nostalgische Spiegel an den Wänden, roter Samt in den Logen, dunkles Holz, knarzendes Parkett. Das Klirren der Gläser, das Geräusch des Regens auf dem Zeltdach, das klappernde Besteck, das so gar nicht stört, wenn eine existentielle Ballade gesungen wird. Das einmalige Flair, das magische Ambiente und dieser Duft – man kann das Publikum förmlich riechen, das Publikum berühren von der kleinen Bühne aus, auf der große Kunst geschieht.
Katharine Mehrling ist als Gesangsstar gleichmaßen Kritiker- wie Publikumsliebling. Die Berlinerin ist von der Bar jeder Vernunft bis zur Komischen Oper und dem Konzerthaus auf allen Bühnen zu Hause.
Holger Klotzbach wollte einen Ort erschaffen, der alle Sinne gleichzeitig anspricht. Einen Ort, wo Genuss, künstlerische Freiheit, Vielfalt und Toleranz gelebt und gefeiert werden. Ein Zuhause für Künstlerinnen und Künstler, die immer wieder zurückkehren. Einen Ort wie die Bar jeder Vernunft.
Auch für mich wurde die Bar jeder Vernunft ein Zuhause – seitdem ich dort die Sally Bowles in „Cabaret“ spielte. Es war wild und verrucht, 2004 durfte man im Zelt noch rauchen.
Das Musical „Cabaret“ wird solange auf die Bühne gebracht, bis es jegliche Relevanz verloren haben wird.
Holger Klotzbach, Theatergründer und Ex-Tornado
„Wer nichts dagegen tut, ist dafür.“ Dieser Satz aus „Cabaret“, der die politische Situation in Berlin Ende der 1920er Jahre deutlich beschreibt, ist heute genau so brisant wie damals. Das Kult-Musical, das mittlerweile im Schwesternzelt Tipi am Kanzleramt gespielt wird, gehört nun seit 22 Jahren zu Berlin „und wird so lange auf die Bühne gebracht, bis es jegliche politische Relevanz verloren haben wird“, sagt Holger Klotzbach.
Er ist immer schon ein politischer Mensch gewesen. Bereits bei den 3 Tornados, einem anarchistischen West-Berliner Kabarett-Trio, zu dem er Anfang der 80er Jahre gehörte. In seiner Haltung ganz klar gegen Rechts und für eine weltoffene Gesellschaft.
Wir lieben Freiheit, wir lieben Bunt
„Wir lieben Freiheit. Wir lieben Bunt. Wir lieben Diversität. Wir lieben Respekt. Wir lieben Anders.“ Das ist seine Philosophie und die seiner rund 180 Beschäftigten unterschiedlichster Nationalitäten, Religionen, Hautfarben und sexueller Orientierungen.
Näher kennengelernt habe ich Holger nach der Premiere meines Abends „Piaf au Bar“. Sein konkreter, durchdringender Blick aus den strahlend grünen Augen hat mich fasziniert. Entweder man fühlte sich von diesem Blick erkannt oder ertappt. Das größte Kompliment war, wenn Holger bis zum Schluss einer Show blieb. Er ging, wenn ihm etwas nicht gefiel.

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„Das war heute Abend wie im Pariser Olympia“. Etwas Schöneres konnte er mir nicht sagen. War doch das „Olympia“ im 9. Arrondissement immer ein bisschen Vorbild für das Spiegelzelt und das Tipi. Mit Essen und Trinken, Chanson, Kabarett und Varieté. Und Savoir-vivre: die große Kunst, das Leben im Jetzt zu genießen. Mit einem guten Gespräch, mit einem guten Glas Wein, einer Zigarette, mit intelligenter Unterhaltungskunst. So wie Holger Klotzbach das liebte und lebte.
Er ließ die Menschen sein wie sie sind
Spricht man mit Weggefährten über Holger, fällt sofort das Wort Großzügigkeit. Sein Charisma und direkter Humor zogen Menschen an wie ein Magnet und er ließ sie sein wie sie sind. Aus seiner geselligen Gelassenheit brach jedoch immer wieder eine getriebene Unruhe hervor. Er wollte machen. Und er besaß eine beeindruckende Sturheit. Was er sich vorgenommen hatte, wurde umgesetzt.
© Bar jeder Vernunft
Wie auch schon 1992. Gemeinsam mit seinem Partner und künstlerischen Leiter Lutz Deisinger kauft er ein Jugendstilzelt, stellt es auf ein Parkdeck in Wilmersdorf und der Rest ist Berliner Geschichte. Kaum jemand hat die Kulturlandschaft dieser Stadt in den vergangenen drei Jahrzehnten so beschenkt, bereichert und geprägt wie Holger Klotzbach.
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Von Anfang an geht er ins volle Risiko. Das Spiegelzelt und die Containerbüros sind gerade im Entstehen, da verkauft er 1993 – bar jeder Vernunft – seinen Steinway, um die Produktion „Das weiße Rössl“ zu finanzieren, vertraut seinem scharfsinnigen Instinkt und lässt die damals noch nicht ganz so bekannten Geschwister Pfister einfach machen.
Der Erfolg ist überwältigend. Auf der kleinen Bühne des Spiegelzelts begegnen sich Max Raabe, Meret Becker, Die Pfisters und Schaubühnen-Schauspieler wie Otto Sander, Walter Schmidinger und Gerd Wameling. Wo gutes Theater gemacht wird, gibt es keine Trennung zwischen Hochkultur und Unterhaltung.
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Was als Provisorium begann, blieb und etablierte sich zum place to be. Die Bar jeder Vernunft wird zu einem legendären Etablissement, das ein illustres Berliner und internationales Publikum anzieht. Künstlerisch eigenständig, unabhängig, ohne staatlich geförderte Subventionen wird die Bar eine Heimat von Georgette Dee, Pigor & Eichhorn, Cora Frost, Tim Fischer, Maren Kroymann, Gayle Tufts, Sharon Brauner und so vielen mehr.
Unbekannte Talente bekommen eine Bühne, Vertrauen und Zeit, um sich auszuprobieren, zu scheitern, neu zu beginnen, zu wachsen und groß zu werden. Aus seiner eigenen Karriere als Kabarettist weiß er nur zu gut, wie gleichgültig oder herablassend KünstlerInnen oftmals behandelt werden. Holger blieb immer auf Augenhöhe, blieb Mensch, Kollege, offenherziger Gastgeber und Freund.
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Stille und Entspannung fand er 31 Jahre lang an seinem Sehnsuchtsort Sri Lanka, wo er Freunde und Bekannte mit seiner Großzügigkeit unterstützte, und vor vier Jahren heiratete er seinen Lebensmenschen Eric Schmidt-Mohan.
„Non, je ne regrette rien“, die Hymne von Edith Piaf, mit der sie Anfang der 1960er Jahre ins Pariser Olympia zurückkehrte, ein Chanson, das ich oft in der Bar jeder Vernunft gesungen habe. Kann man das wirklich aus vollster Überzeugung sagen: „nein, ich bereue nichts“? Es gibt doch immer etwas, das man bereut, oder?
Mittlerweile glaube ich, es sind die Dinge, die man nicht getan, die Worte, die man nicht gesagt hat, die man vielleicht bereuen könnte. Wer sich dem Leben voll und ganz hingibt, alles gelebt hat mit jeder Faser seines Seins und der Welt so viel Schönes geschenkt hat wie Holger Klotzbach, hat nichts zu bereuen. Holger Klotzbach hat Berlin viel geschenkt, nämlich ein großes Stück kultureller und queerer Identität.
Wir verneigen uns vor deinem Lebenswerk, vor dir.