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Entschleunigung: Die große Elchwanderung: Warum die Schweden „Slow TV“ lieben

2026-05-01
In gesellschaft Vom admin

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Die Sonne geht auf über den Bäumen, eine Eisscholle treibt über den Fluss, im Wald zwitschern Vögel. Vielleicht stakst ein Elch durchs Bild, vielleicht durchquert er gar den Fluss - vielleicht aber auch nicht. So in etwa sieht ein gewöhnlicher Tag bei der schwedischen Sendung „Die große Elchwanderung“ (im Original: „Den stora älgvandringen“) aus – und die Schweden lieben es.

Jedes Jahr streamt der öffentlich-rechtliche Sender SVT von Mitte April bis Anfang Mai live und rund um die Uhr von einem Stück Natur aus, ungefähr in der Mitte Schwedens. Rund um das Ufer des Flusses Ångermanälven, den viele Elche auf dem Weg von ihrem Winterquartier zu den Sommerweiden durchschwimmen, sind zahlreiche Kameras aufgebaut, die die Gegend und ihre tierischen Bewohner filmen – neben Elchen leben dort unter anderem Rentiere, Birkhühner, Bären und Luchse.

„Slow TV“ vom Feinsten

Es gibt keinen Erzähler, keine Musik, keine Dramaturgie, oft passiert stundenlang nichts. Das ist „Slow TV“ vom Feinsten. 

Dieses entschleunigte Fernsehen ist in Skandinavien äußerst beliebt. Schon im Jahr 2009 strahlte der norwegische Sender NRK erstmals solch einen eher unspektakulären Fernseh-Marathon aus, nämlich eine siebenstündige Zugfahrt von Bergen nach Oslo. Darauf folgten zahlreiche ähnliche Sendungen, unter anderem die Nonstop-Übertragung einer mehr als 100 Stunden dauernden Schifffahrt auf der berühmten Hurtigruten entlang der norwegischen Westküste.

In Schweden ist die große Elchwanderung eines der Fernseh-Highlights des Jahres. Die Sendung, mittlerweile in ihrer achten Saison, wird millionenfach gestreamt und hat eine riesige Fan-Gemeinde. 

In dem zum Stream gehörenden Live-Chat bejubeln die Nutzer jeden Elch, der vor der Kameralinse auftaucht - immerhin ist der große Hirsch in Schweden eine Art inoffizielles Nationalsymbol. Sie tauschen sich über die anderen entdeckten Tiere aus, aber auch beispielsweise über Naturerlebnisse, die sie in der realen Welt gemacht haben. Es gibt außerdem eine riesige Facebook-Gruppe zur Sendung; eine Schar besonders engagierter Fans backt dem Fernsehteam jedes Jahr zum Sendestart Kuchen.

Livestream als Fenster zur Natur

Diese Gemeinschaft unter den Elch-Fans ist nur einer der Erfolgsgründe der Sendung, wie Minh-Xuan Truong von der schwedischen Universität für Landwirtschaft zu SVT sagte. In einem vierjährigen Forschungsprojekt versucht er herauszufinden, wie die Fernsehsendung die Beziehung der Zuschauerinnen und Zuschauer zur Natur prägt.

Viele sehen „Die große Elchwanderung“ dem Forscher zufolge als eine Art Übergangsritual vom langen und teilweise recht harten schwedischen Winter zum Frühling. „Es ist wie ein Aufwärmen, eine Vorbereitung darauf, wieder hinausgehen und Dinge in der Natur tun zu können“, sagte Truong.

Für andere, denen die Zeit oder die Möglichkeit fehle, raus in den Wald zu kommen - sei es aufgrund einer Krankheit oder aufgrund des hektischen Arbeits- und Familienalltags –, sei der Stream ein Fenster zur Natur, erklärte Truong. Der Vogelgesang, das Rauschen des Windes in den Bäumen, die Langsamkeit der Sendung: All das helfe den Zuschauern, herunterzukommen. Manche ließen den Stream auch im Hintergrund laufen, um dazu einzuschlafen.

Gefühl von Realität in Zeiten von künstlicher Intelligenz

Der Trend zum „Slow TV“ ist auch an Deutschland nicht vorbeigezogen. 2024 zeigte RTL+ zwei Wochen lang die schwedische Elchwanderung im Livestream. Heute hat die SVT-Sendung, die grenzenlos und gratis gestreamt werden kann, Zuschauer aus der ganzen Welt. Annette Hill, Professorin an der Universität in Jönköping, erforscht das Phänomen des entschleunigten Fernsehens - und warum es gerade jetzt so beliebt ist.

„Slow TV“ wird vor der Sendung nicht bearbeitet, es wird ungekürzt gezeigt und auch nicht durch Reklamen unterbrochen. Dadurch fühle es sich „sehr real“ an in Zeiten von künstlicher Intelligenz und „viel Täuschung“, sagte Hill zu SVT. 

„Moment der Ruhe“ in Krisenzeiten

Neben der Tatsache, dass die Zuschauer etwas sehen können, das den meisten sonst verborgen bleibt - im Fall der großen Elchwanderung die großen scheuen Wildtiere -, hebt die Professorin einen weiteren Grund hervor, weshalb diese Art von Sendung den Nerv der Zeit trifft: „Slow TV“ biete einen „Moment der Ruhe inmitten großer weltweiter Krisen“.

SVT Play zeigt „Die große Elchwanderung“ noch mindestens bis zum 8. Mai, eventuell etwas länger. Die Sendung kann weltweit gestreamt werden und bleibt auch nach Sendeschluss ein Jahr lang verfügbar.

© dpa-infocom, dpa:260430-930-14513/2

Das ist eine Nachricht direkt aus dem dpa-Newskanal.

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