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Feste: „Mein Tor ins Erwachsenwerden“: Jugendfeiern boomen

2026-03-09
In gesellschaft Vom admin

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Ein paar Jellycat-Plüschtiere stehen noch im Regal, ansonsten erinnert nur noch wenig Spielzeug an die Kindheit: Matilda Zachäus verwandelt ihr Zimmer schon seit längerem in ein Jugendzimmer. Für die 14‑Jährige aus Berlin-Mahlsdorf wird sich am 30. Mai einiges verändern. „Das wird so ein Tag für mich“, sagt sie. „Mein Tor ins Erwachsenwerden.“ Es ist der Tag ihrer Jugendfeier.

Für Matilda und ihre Eltern war die Entscheidung klar. „Ich bin nicht gläubig und stehe mit keiner Religion in Verbindung. Deshalb passt die Jugendfeier besser zu mir“, sagt sie. Die Familie richtet im Garten eine große Feier aus, mit Zelten und vielen Gästen. „Ich merke, wie viel Mühe sich meine Eltern jetzt schon geben. Und wenn man von älteren Freunden hört, dass das immer ein richtiges Highlight war, dann bin ich sehr gespannt“, erzählt die Achtklässlerin. 

Zahl der Teilnehmer wächst seit Jahren

Matilda ist eine von fast 8.500 Jugendlichen, die 2026 in Berlin und Brandenburg an einer Jugendfeier teilnehmen werden. Die Zahl wächst seit Jahren, berichtet Katrin Raczynski, Vorstandsvorsitzende des Humanistischen Verbands Berlin-Brandenburg. 

Auch der Verein Jugendweihe Berlin/Brandenburg verzeichnet eine wieder steigende Nachfrage. Vizepräsident Sebastian Gohlke spricht von einer deutlichen Erholung nach dem pandemiebedingten Tiefstand 2025. Der Verein begrüßt eigenen Angaben zufolge jährlich etwa 3.000 Jugendliche im Kreis der Erwachsenen. 

Ole erlebt: In der Klasse kennt kaum jemand die Jugendweihe

Dass eine Jugendweihe oder Jugendfeier nicht überall selbstverständlich ist, erlebt Ole Wolf aus Berlin-Lichtenberg. Der 13-Jährige, der im Mai seine Jugendweihe feiern wird, hat sich in seiner Klasse umgehört – mit überraschendem Ergebnis: „Manche wussten nicht mal, was Jugendweihe ist“, sagt er. „Viele in meiner Klasse machen gar nichts. Manche kommen aus dem asiatischen Raum und sind nicht hier aufgewachsen. Deshalb wissen sie vielleicht gar nicht, dass es dieses Fest gibt.“ 

Seine eigene Entscheidung fiel dagegen früh: „Meine Eltern haben mir erzählt, wie schön das ist, wenn man mit der Familie feiert und in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wird. Deswegen wollte ich das auch machen.“

Die Jugendweihe und die spätere Jugendfeier haben eine lange Tradition. Bereits 1889 fand in Berlin die erste proletarische Jugendweihe statt, erklärt Raczynski. Es war eine klare Abgrenzung von kirchlichen Festen wie Firmung und Konfirmation. Im 20. Jahrhundert durchlief das Ritual mehrere politische Brüche – besonders in der DDR, wo es staatlich organisiert und ideologisch aufgeladen wurde. Nach 1990 trafen Ost- und West‑Traditionen wieder aufeinander. Der Begriff „Jugendfeier“ entstand, um die humanistische, weltliche Ausrichtung zu betonen. 

Tradition, Gemeinschaft, letzter großer Familientag

Familien begründen ihre Entscheidung oft mit Traditionen, erzählt Raczynski: Eltern oder ältere Geschwister haben selbst eine Jugendweihe, Jugendfeier oder Konfirmation erlebt. Hinzu kommt, dass viele Eltern das Fest als „letzte große Familienfeier“ sehen, bevor die Jugendlichen ihren Abschluss selbst gestalten. 

Für Matilda spielt beides eine Rolle: die Familienfeier und die Möglichkeit, diesen Übergang selbst zu gestalten. „Ich freue mich am meisten darauf, mit meiner Familie und meinen Freunden zusammenzukommen“, sagt sie. Auch für Ole steht die gemeinsame Zeit an erster Stelle: „Natürlich freue ich mich über Geschenke“, sagt er. „Aber am wichtigsten ist die Feier mit meiner Familie und meinen Freunden.“

„Einige kennen das Ritual sehr genau und fiebern dem entgegen. Andere kommen eher mit der Erwartung: Ich ziehe mich schick an und bekomme Geschenke“, sagt Raczynski. Spätestens im Moment der Feststunde jedoch ergebe sich für viele ein emotionaler Augenblick. Gohlke beschreibt: „Nicht selten sieht man die eine oder andere Träne.“ Häufig zeige sich jedoch erst später, wie bedeutsam das Ritual wirklich sei: „Wir beobachten immer wieder, dass Menschen Sinn und Wert so eines Übergangsrituals erst in der Rückschau so ganz erfassen“, so Raczynski. 

Der Weg zur Feier – freiwillig und selbstbestimmt

Die Jugendfeiern werden von Workshops begleitet. Pflichtstunden gibt es nicht. „Auch ohne Pflichtstunden hat jeder junge Mensch einen würdigen Abschied von der Kindheit verdient“, sagt Raczynski. Matilda hat das Theaterprojekt im Friedrichstadt‑Palast gewählt. „Ich bin so froh, dass es so etwas gibt — man hat ja sonst nicht die Möglichkeit, dort aufzutreten.“ Die Gruppe entwickelt eine kleine Geschichte, die sie dann bei den Feiern aufführen wird. Daneben war Matilda bei einem Eisbären‑Eishockeyspiel, ebenfalls Teil des Angebots. 

Ole dagegen hat vom Programm des Vereins Jugendweihe Berlin/Brandenburg bisher nur wenig mitbekommen: „Wir haben bisher keine Infos über Workshops erhalten“, sagt seine Mutter Dana Wolf. Seine Familie will sich nun über die Website informieren. „Ein bisschen Vorbereitung wäre schon schön“, sagt Ole. „Damit man weiß, was einen erwartet.“

Wie bei Konfirmationen spielt für einige Jugendliche auch der finanzielle Aspekt eine Rolle. Matilda sagt: „Ich möchte gerne sparen — für den Führerschein oder vielleicht ein Auslandsjahr. Da kommt bestimmt eine ordentliche Summe zusammen.“ Ole sieht es ähnlich: Geschenke seien schön, sagt er, „aber größtenteils ist es die Feier selbst, dieses Ritual mit der Familie“, das ihm wichtig sei.

Lebenswendefeier als neue Alternative

Parallel zu den weltlichen Feiern bleiben kirchliche Wege wichtig:Im Erzbistum Berlin könnte 2026 das stärkste Firmjahr seit rund zehn Jahren werden. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) verzeichnete 2023 und 2024 jeweils rund 3.900 Konfirmationen auf ihrem Gebiet, zu dem auch Teile Sachsens und Mecklenburg-Vorpommern gehören. Für dieses Jahr gibt die EKBO noch keine Schätzungen ab. 

Seit 2024 gibt es zudem die Lebenswendefeier, ein noch kleines, aber wachsendes Angebot für Jugendliche ohne Konfessionsbindung, die weder Jugendweihe noch klassische Jugendfeier wünschen. „Zurzeit sind 15 Jugendliche angemeldet, wir freuen uns riesig darüber, denn solch ein Angebot zu etablieren ist in Berlin gar nicht so einfach“, sagt Organisatorin Ulrike Treu aus Pankow. „Die, die mitmachen, sind unfassbar dankbar und das Angebot spricht sich langsam herum“, so die Pfarrerin. Besonders gut komme die Tatsache an, dass die Jugendlichen ihre Feiern mitgestalten können.

© dpa-infocom, dpa:260308-930-785178/1

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