In den vergangenen drei Jahren haben sich die europäischen und deutschen Aktienmärkte deutlich von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten entkoppelt. Obwohl die deutsche Wirtschaft seit geraumer Zeit von schwachem Wachstum oder gar Stagnation geprägt ist, hat der DAX wiederholt neue Allzeithochs erreicht.
Das ist keineswegs ungewöhnlich. Aktienmärkte stimmen nie über die Gegenwart ab – sie preisen die Zukunft vorweg ein.

Die entscheidende Frage lautet jedoch: Hat der Markt für diese Zukunft bereits einen zu hohen Preis bezahlt?
Aus Bewertungssicht sind europäische Aktien längst nicht mehr günstig. In den vergangenen zwei Jahren wurde der Anstieg des DAX nahezu vollständig durch eine Ausweitung der Bewertungen getragen, während sich die Unternehmensgewinne kaum verbessert haben. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis hat sich deutlich von seinem langfristigen Durchschnitt entfernt. Anleger sind bereit, eine höhere Prämie für Wachstum zu zahlen, das bislang noch nicht realisiert wurde.
Dies ist ein klassisches Beispiel für eine zeitliche Vorwegnahme – der Markt läuft den Fundamentaldaten voraus.
Getrieben wird diese Entwicklung vor allem durch Veränderungen im globalen Liquiditätsumfeld. Mit dem Rückgang der Inflation haben sowohl die US-Notenbank als auch die Europäische Zentralbank begonnen, ihren Straffungskurs zu verlangsamen. Gleichzeitig hat sich unter Marktteilnehmern die Erwartung verfestigt, dass 2026 der Übergang in einen Zinssenkungszyklus erfolgen könnte.
Sinkende Zinserwartungen mindern die Attraktivität von Anleihen, wodurch Kapital verstärkt in Aktien fließt – insbesondere in europäische Märkte, deren Bewertungen im Vergleich zu US-Aktien weiterhin moderater erscheinen. Dies erklärt, warum europäische Aktien trotz anhaltender makroökonomischer Unsicherheiten bemerkenswert stabil geblieben sind.
Liquidität ist jedoch stets ein zweischneidiges Schwert. Die Geschichte zeigt immer wieder, dass Risiken nicht verschwinden, sobald expansive Erwartungen vollständig eingepreist sind – sie werden lediglich in die Zukunft verschoben. Aktuell lassen sich bei institutionellen Investoren subtile Verhaltensänderungen beobachten: Während sie weiterhin am Aktienmarkt engagiert bleiben, rücken Absicherung, Rebalancing und Risikokontrolle stärker in den Fokus, anstatt bedingungslos steigenden Kursen hinterherzulaufen.
Der Goldpreis liefert in diesem Zusammenhang einen wichtigen Hinweis. Trotz der starken Performance von Risikoanlagen notiert Gold weiterhin nahe historischer Höchststände. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Marktes, der selbst im Umfeld steigender Kurse bereit ist, für Unsicherheit eine Versicherung abzuschließen. Auch die zunehmend gedämpfte Reaktion langfristiger Zinsen auf Zinssenkungserwartungen deutet darauf hin, dass fiskalische Risiken und Inflationssorgen weiterhin präsent sind.
Vor diesem Hintergrund ordne ich die aktuelle Marktphase eher im späteren Abschnitt der Zyklusmitte ein – nicht als Beginn eines neuen, langfristigen Bullenmarktes. Narrative wie Künstliche Intelligenz oder die grüne Transformation besitzen zweifellos langfristiges Potenzial, sind kurzfristig jedoch bereits in hohem Maße bewertet.
Mit Blick auf das Jahr 2026 könnten die europäischen und deutschen Aktienmärkte durchaus widerstandsfähig bleiben. Entscheidend wird jedoch weniger die Richtung als vielmehr das Tempo sein. Nicht jeder Kursanstieg ist es wert, verfolgt zu werden. Die größten Risiken entstehen oft dort, wo die Position im Zyklus ignoriert wird.
Gerade in den lautesten Phasen des Marktes kann Zurückhaltung selbst zu einem strategischen Vorteil werden.
— Markus Vogt
Makrozyklus- und Asset-Allokationsanalyst