Stalking mit Bluetooth-Trackern, Deepfakes, die Verbreitung intimer Aufnahmen im Internet: Digitale Gewalt hat viele Erscheinungsformen und greift tief in den Alltag der Betroffenen ein. Meist sind die Opfer Frauen. Der Berliner Senat hat nun erstmals ein Projekt gegen digitale geschlechtsspezifische Gewalt gestartet.

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„Digitale Gewalt ist kein Randphänomen“, sagte Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) am Freitag bei der Vorstellung des Projektes. Vor allem aber sei sie stets entwürdigend. Das habe etwa der Fall der Moderatorin Collien Fernandes gezeigt: Fernandes wirft ihrem Ex-Mann, dem Schauspieler Christian Ulmen, unter anderem vor, Fake-Profile unter ihrem Namen erstellt und darüber pornografische Darstellungen verbreitet zu haben. Gegen diese Darstellung will Ulmens Anwalt gerichtliche Schritte einleiten.
Fachkräften fehlt das technische Wissen
Ziel des neuen Projektes ist es, Fachkräfte in Frauenhäusern und Beratungsstellen technisch zu unterstützen. Dadurch sollen auch die Betroffenen schneller passgenaue Hilfe finden. Eben jene Anlaufstellen würden seit Jahren von einem deutlichen Anstieg digitaler Gewalt berichten, sagte Kiziltepe. Den dortigen Mitarbeiter:innen fehle das technische Wissen, teils die Zeit. Auch gebe es bislang keine einheitlichen Schutz- und Handlungskonzepte.
Das soll sich nun mit dem neuen Projekt ändern, das die Initiative „Ein Team gegen digitale Gewalt“ leitet. In dessen Rahmen sollen Fachkräfte in Tagesschulungen über verschiedene Formen der digitalen Gewalt aufgeklärt und im Umgang damit unterstützt werden. Über eine telefonische Beratung können die Fachkräfte im Anschluss konkrete Einzelfälle besprechen. Die Initiative soll zudem beim Aufbau von Sicherheitskonzepten für die Einrichtungen unterstützen.
Jede technische Neuerung richtet sich zuerst immer gegen Frauen.
Josephine Ballon von der Initiative HateAid
Denn digitale Gewalt gefährde nicht nur Frauen und Kinder, sondern auch Schutzeinrichtungen, erklärte Miriam Ruhenstroth von der Initiative: So könnten Gewalttäter etwa über Spionage-Apps und versteckte Bluetooth-Tracker die geheimen Adressen etwa von Frauenhäusern ausspähen.
Dass diese Fälle bereits Realität sind, schilderte eine Mitarbeiterin einer dieser Schutzeinrichtungen: So hätte ihr Team bereits Tracker gefunden, die in Stofftieren versteckt waren. „Es ist immer schwieriger geworden, die Adresse geheim zu halten“, sagte sie. Auch über Social-Media-Posts etwa der Kinder der Bewohnerinnen könnten Täter das Haus finden.
Gleichzeitig sei es eine Herausforderung, mit dem technischen Fortschritt mitzuhalten, sagte Josephine Ballon von der Initiative HateAid. „Jede technische Neuerung richtet sich zuerst immer gegen Frauen“, sagte sie und führte etwa KI-generierte Pornovideos und selbstlöschende Nachrichten an. Auch sei es immer schwieriger, Beweise gerichtsfest zu dokumentieren und die Täter zu finden. „Mal kommt der Täter aus dem persönlichen Umfeld, mal nicht – in vielen Fällen wissen wir es einfach nicht“, sagte sie.
Das Projekt verfolge einen Ansatz der Selbstermächtigung, sagte Miriam Ruhenstroth von der Initiative. „Betroffene sollen verstehen, wie sie ihre eigene Kommunikation unter Kontrolle bekommen.“ Es gehe also nicht darum, dass man etwa das Handy irgendwo abgebe, um eine App zu löschen. Stattdessen sollen Fachkräfte und mittelbar auch Betroffene lernen, etwa die Überwachungssoftware selbst zu entdecken und zu entfernen.
Das Projekt ist zunächst bis Ende 2027 befristet. Der Senat investiert nach eigenen Angaben im ersten Jahr rund 383.000 Euro aus Landesmitteln, davon werden unter anderem 4,7 Stellen bezahlt. Sie gehe davon aus, dass das Projekt ab 2028 noch deutlich ausgeweitet werde, sagte Kiziltepe weiter.