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Dortmund schafft das Unmögliche

2025-03-17
In sport Vom admin

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Es dauerte, bis Sebastian Kehl aus der Kabine von Borussia Dortmund kam, und das hatte einen Grund. Er war vor dem TV-Schirm hängengeblieben, sagte er, und hatte die Chancen begutachtet, die der BVB in der zweiten Halbzeit bei RB Leipzig aneinandergereiht hatte.

Um es einmal so zu sagen: Es waren so viele, dass Kapitän Emre Can hernach zu verstehen gab, dass sich niemand hätte wundern dürfen, wenn Dortmund acht Tore in 45 Minuten geschossen hätte. Oder zumindest „fünf“, wie Trainer Niko Kovac im ZDF sagen sollte, was nur geringfügig mehr war als er bei Sky veranschlagt hatte („drei, vier“). Jeweils mit ähnlich resigniertem Gesichtsausdruck wie Kehl.

Die niedergeschlagene Grundstimmung war nachvollziehbar. Denn eine (aus BVB-Sicht bittere) Wahrheit war, dass die Dortmunder nicht ein einziges Mal ins Tor, sondern nur das Gestänge des Leipziger Tores trafen – zweimal durch Maximilian Beier, einmal durch Karim Adeyemi –, wenn sie nicht gerade am ziemlich vorzüglichen RB-Torwart Peter Gulacsi scheiterten oder bei einem ihrer mehr als 20 Torschüsse der zweiten Halbzeit an irgendeinem Leipziger Bein hängenblieben. Die andere Wahrheit war nicht minder bitter: dass die Partie, als sie beendet war, einen 2:0-Sieg für die Leipziger bereithielt. „Heute können wir nicht als Verlierer vom Platz gehen. Das ist eigentlich unmöglich“, sagte Kovac. Nur: Es ging halt doch. Eigentlich. Und uneigentlich auch.

Dieses Spiel, es war vergnüglicher Natur, weil beide hemmungsloser mit Feuer spielten als Romeo und Julia. Dortmund vor allem in der verkorksten ersten Halbzeit, von der noch die Rede sein wird; Leipzig in der zweiten Hälfte. „Wir haben so ab der 50. Minute aufgehört, Fußball zu spielen“, sagte RB-Trainer Marco Rose. Aber sie kamen davon. Denn im Gegensatz zu den Dortmundern hörten die Leipziger nicht nur das stumpfe Geräusch, das ein Ball am Aluminium verursacht (Loïs Openda und Ridle Baku); sie trafen durch Xavi Simons (18.) und Openda (48.) auch ins Tor.

„Wenn die Spiele weniger werden, werden die Punkte weniger, und wenn der Abstand so bleibt, wird’s schwierig“, sagt Kovac

In Summe nährte das die Leipziger Hoffnungen auf eine Champions-League-Qualifikation im gleichen Maß, wie es die der Dortmunder reduzierte. Pascal Groß, der einmal zehn Meter vor dem Tor von Serhou Guirassy freigespielt worden war und dann den Ball übers Tor jagte, klang wie mit Blick auf die Qualifikation für den wichtigsten Klubwettbewerb der Welt niedergeschlagener als die Dortmunder Kumpel kurz vor der Schließung der Zeche Minister Stein im Jahre 1987: „Es ist fast unmöglich“, sagte der Nationalspieler, und erinnerte sich, dass er „mit anderen Ansprüchen“ aus Brighton nach Westfalen gewechselt war.

Auch Kovac biss auf die Lippen und knabberte ihnen ein wenig Realismus ab: „Die Spiele werden weniger, und wenn die Spiele weniger werden, werden die Punkte weniger, und wenn der Abstand so bleibt, wird’s schwierig“, sagte der frühere kroatische Nationaltrainer.

Allein: Wenn der Abstand auf die europäischen Plätze bei den aktuell sieben Punkten bleibt, wird’s nicht bloß schwierig, sondern demnächst auch mathematisch unmöglich. Dann muss der BVB zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte nach 1997, mutmaßlich als Außenseiter, die Champions League in München einfahren. Die nächste Station im wichtigsten Vereinswettbewerb der Welt lautet nach dem Sieg über den französischen Erstligisten Lille: FC Barcelona. „Wir werden weiterhin alles versuchen. Und wir werden auch Spiele gewinnen, wenn wir so spielen wie in Lille oder wie wir es heute in der zweiten Halbzeit gemacht haben“, warf wiederum Kehl ein.

Dem konnte man beipflichten, allerdings redete sich mancher BVB-Vertreter die erste Halbzeit schöner, als sie in Wahrheit war. Denn es wirkte phasenweise grotesk, mit welcher Leichtigkeit die Leipziger bloßlegten, wie blank der BVB auf der rechten Abwehrseite war. Er habe seine Mannschaft zwar auf die Gefahr hingewiesen, die Ridle Baku und David Raum „als Wingmen“ der Leipziger verströmen, beteuerte Kovac. Das verordnete Antidot aber wirkte nicht: „Wenn wir einrücken, ist es schon so, dass wir zusehen müssen, dass wir die Außenstürmer mit nach hinten bringen. Das haben wir nicht gut gemacht“, sagte Kovac. Der offensiv gern brillante Karim Adeyemi war dabei auf Rechts weit überforderter als Beier auf Links; dass dem 0:1 durch Xavi Simons (18.) ein Durchbruch über Leipzigs linke Flanke durch Raum voranging, kam nicht von ungefähr.

Xavi Simons fühlt sich nach seinem Treffer bemüßigt, seinen Jubel mit Schnatter-Bewegungen zu untermalen. (Foto: Jan Woitas/dpa)

Zehn Minuten später verletzte sich Marcel Sabitzer am Knie und musste ausgewechselt werden – und bot Kovac die Gelegenheit, die in ihm gärende Absicht umzusetzen, die Statik seines Teams zu verändern. Er wechselte nicht positionsgetreu, sondern Linksverteidiger Ramy Bensebaini ein, sodass er Julian Ryerson nach rechts ziehen konnte. In der zweiten Halbzeit schnellte der sogenannte Expected-Goals-Wert, der die Chancenqualität bemisst, von unterirdischen 0,18 auf insgesamt 2,9 – eine außergewöhnlich hohe Zahl, zu der unter anderen auch Guirassy beitrug.

An der vierten Niederlage aus sechs Spielen unter Kovac änderte das nichts mehr, das 0:2 durch eine überaus einfache Eckballvariante, bei der Openda freistehend und sehenswert einschießen konnte, brach den Dortmundern letztlich das Genick. In der Bundesliga „nur zwei von sechs“ möglichen Siegen eingefahren zu haben, sei „sehr, sehr, sehr ernüchternd“, sagte der seit Anfang Februar amtierende Kovac.

Den Leipzigern durfte es recht sein; der Sieg beruhigte ein paar Fronten. Xavi Simons fühlte sich nach seinem Treffer bemüßigt, seinen Jubel mit Schnatter-Bewegungen zu untermalen, was offenkundig eine Antwort auf die jüngste Kritik an seinem Spiel war.

„Kritisiert ihn weiter! Auf geht’s!“, juxte RB-Trainer Marco Rose, der selbst hinterfragt wurde (oder wird, so genau weiß man das in Leipzig nicht immer). Wenige Stunden vor dem Spiel musste Rose in der Bild-Zeitung die Schlagzeile von einem am Sonntag bevorstehenden „Geheim-Besuch“ von Jürgen Klopp ertragen; es las sich fast so, als würde er abgeurteilt. Nach dem Spiel wurde er in Sprechchören gefeiert. „Das berührt dann schon, ich habe das sehr wohlwollend und dankbar wahrgenommen“, sagte Rose, der als gebürtiger Leipziger eine der wenigen örtlichen Identifikationsfiguren von RB ist, und auch erst einmal bleibt. Denn der Einzug ins DFB-Pokalfinale und die Champions-League-Qualifikation bleiben für RB im Bereich des Möglichen.

Bundesliga Fußball Borussia Dortmund RB Leipzig Leserdiskussion

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