Es sah nicht gut aus für Matheo Raab. In seinem Bundesligadebüt lag der Torwart des 1. FC Union Berlin im Strafraum und wurde nach einem Zusammenprall mit Freiburgs Bruno Ogbus an der rechten Hand behandelt. Es lief bereits die Nachspielzeit und die Minuten verstrichen, als Rani Khedira mit schlechten Nachrichten Richtung Seitenlinie trabte. Der Mittelfeldspieler sprach kurz mit Trainer Steffen Baumgart, seine Schlussworte wurden von den TV-Mikrofonen deutlich eingefangen: „Oder Tom, der ist groß.“
Tom, mit Nachnamen Rothe und 1,92 Meter lang, ist eigentlich Linksverteidiger und war gerade erst ins Spiel gekommen. Union hatte das Wechselkontingent ausgeschöpft und nun sah es aus, als müsse ein Feldspieler das 1:0 beim SC Freiburg am Sonntag über die Zeit bringen.
Doch dazu kam es nicht. Raab zwängte seine dick bandagierte Hand mit größter Mühe und unter Schmerzen zurück in seinen Torwarthandschuh. Der 27-Jährige biss auf die Zähne – und rettete Union in der elften Minute der Nachspielzeit den Sieg.
© imago/Jan Huebner
Einen Schuss von Niklas Beste kratzte er mit einer wunderschönen Flugeinlage aus dem Winkel, und das sogar mit der lädierten rechten Hand. „Ich bin unheimlich glücklich, dass ich der Mannschaft so helfen konnte“, sagte Raab später bei Dazn. „Scheiß auf die Hand!“
Vor der Fernsehkamera war ihm anzusehen, wie aufgewühlt er nach diesem ereignisreichen Debüt war. Die Stimme brach, die Augen waren feucht. Es war wohl eine Mischung aus Schmerz und Emotionen, die Raab übermannte.
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Das Dasein als Ersatztorwart kann sehr undankbar sein. Das gilt umso mehr, wenn der Stammkeeper, wie Frederik Rönnow bei Union, unumstritten ist und es keine Doppelbelastung durch den internationalen Wettbewerb gibt.
Nach seinem Wechsel vom Hamburger SV nach Köpenick war Raab für Union gerade mal auf 40 Einsatzminuten in der ersten Pokalrunde gekommen. Damals hatte Rönnow über Schwindelgefühle geklagt. Sein letztes Spiel von Beginn an datierte vom 6. Oktober 2024 mit dem HSV, Trainer damals: Steffen Baumgart.
Baumgart kennt Raab noch aus Hamburg
Nun musste Raab für den verletzten Rönnow einspringen, und das in einer für die Mannschaft sehr delikaten Lage. Die Abstiegszone rückte näher, der Druck wurde größer. Es gibt sicher angenehmere Situationen für ein Bundesligadebüt, doch Raab war da, als er gebraucht wurde. „Egal, ob als Nummer eins oder Nummer zwei: Er ist ein absoluter Typ, und das brauchst du als Trainer“, sagte Baumgart.
Das Spiel in Freiburg zeigte aber auch, wie eng Heldengeschichten und Tragödien beieinanderliegen. Der Zusammenprall mit Ogbus hätte beinahe nicht nur Schmerzen, sondern auch einen Elfmeter verursacht. Nach einer Flanke lief Raab in einem kleinen Bogen aus dem Tor. Freiburgs Innenverteidiger war den Bruchteil einer Sekunde schneller und Unions Torwart erwischte ihn hart mit der Faust am Kopf.
Ich habe nur noch Schmerzen gespürt. Aber ich habe so lange auf den Moment gewartet, den wollte ich mir nicht nehmen lassen.
Matheo Raab
Doch in der Wiederholung war zu erkennen, wie er auch den Ball touchierte und dessen Richtung leicht veränderte. „Er köpft ihn mir gegen die Hand“, sagte Raab, und der Videoschiedsrichter sah keinen Anlass für einen Elfmeter.
Bis die folgende Ecke ausgeführt werden konnte, vergingen aber bange Minuten, in denen es zwischenzeitlich nicht mehr danach aussah, als könne der Torwart weiterspielen. „Ich habe nur noch Schmerzen gespürt“, sagte Raab. „Aber ich habe so lange auf den Moment gewartet, den wollte ich mir nicht nehmen lassen.“
Lange Pause droht
An diesem Montag soll der Torwart in Berlin eingehend untersucht werden, es droht eine lange Pause. Es wäre nicht die erste schwere Verletzung für Raab. „Matheo hatte in seiner Karriere immer wieder Rückschläge“, sagte Baumgart.
Kontinuierliche Spielpraxis ist in Raabs bisheriger Karriere aus gesundheitlichen und sportlichen Gründen die Ausnahme. Im Alter von 27 Jahren kommt er gerade mal auf 57 Einsätze in den ersten drei Ligen. Beim HSV fiel Raab wegen einer gebrochenen Hand ab Dezember 2024 vier Monate aus. Nun erwischte es dieselbe Hand wie damals. „Das war ein anderer Knochen“, sagte er am Sonntag. „Aber es sieht nicht so gut aus.“
Es wird vermutlich eine Weile dauern, bis Raab bei Union das nächste Mal in einem Pflichtspiel zwischen den Pfosten stehen wird. Am kommenden Wochenende dürfte Rönnow wieder einsatzfähig sein und sich dem Ausnahmeangriff des designierten Meisters aus München in den Weg stellen.