Das waren die Paralympics: Eine starke Anna-Lena Forster, viel Trubel im nordischen Bereich, die emotionale Rückkehr des Para-Eishockeyteams und über allem politische Spannungen und fragwürdige Wettkampfbedingungen.
Im offiziellen Medaillenspiegel beendete Deutschland die Paralympischen Winterspiele mit 17 Medaillen auf Rang elf und verfehlte damit das erklärte Ziel, unter die besten sechs Nationen zu kommen. Zehnmal landete das deutsche Team auf dem undankbaren vierten Platz.
„Das tut natürlich weh“, bilanzierte Sportdirektor des DBS Marc Möllmann in der ARD, „aber es zeigt, dass wir vorne dabei sind.“ Zugleich verwies er auf die signifikant gestiegene Leistungsdichte im internationalen Para Sport. Deutschland sei international zwar konkurrenzfähig, sagte Möllmann, doch es fehle an der nötigen Breite in der Spitze.
„Natürlich hätten wir uns ein paar Ausreißer nach oben gewünscht, insbesondere nach ganz oben“, sagte der Chef de Mission. „Zwei Goldmedaillen, fünf Silbermedaillen und neun Bronzemedaillen attestieren dem Team eine gute Leistungsbereitschaft und Leistungsperformance. Und leider haben wir auch die vierten Plätze.“
Para Ski alpin: Solo-Show Forster
Anna-Lena Forster war die zentrale Figur im Team D des DBS. Die Monoskifahrerin holte die beiden einzigen Goldmedaillen für die deutsche Mannschaft in der Abfahrt und im Riesenslalom. Dazu kam Silber in der Super-Kombination. Im Slalom verpasste sie eine weitere Medaille um nur 0,08 Sekunden und wurde Vierte. Im Zielraum an der Tofana flossen danach Tränen.
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„Jetzt gerade ist es brutal bitter. Es tut schon sehr weh, ich muss das erstmal verarbeiten“, sagte Forster im ZDF. Ob sie bei den nächsten Winterspielen 2030 in den französischen Alpen noch einmal an den Start gehen werde, ließ sie offen.
Auch ihre Teamkolleginnen verpassten das Podest mehrfach knapp. Andrea Rothfuss, die nach fast zweijähriger Pause wegen Depressionen zurückkehrte, belegte zweimal den vierten Platz. Bei der Abschlussfeier trug sie gemeinsam mit Snowboarder Christian Schmiedt die deutsche Fahne und beendete damit ihre Paralympische Laufbahn.
Anna-Maria Rieder fuhr im Riesenslalom auf Rang sieben, im Slalom wurde sie Sechste. Die erst 17 Jahre alte Debütantin Maya Fügenschuh belegte mit Guidin Johanna Holzmann Rang neun im Riesenslalom und Platz zehn im Slalom. Bei den Männern wurde Alexander Rauen im Riesenslalom mit Guide Jeremias Wilke Elfter, während Leon Gensert und Christoph Glötzner nach Stürzen in den alpinen Wettbewerben ausschieden. Als Leistungsanalyse bleibt: Deutschland war im alpinen Bereich hinter Forster oft nah dran, aber zu selten erfolgreich.
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Para Ski nordisch: Viel Bronze, viel Pech
Das Team um Bundestrainer Ralf Rombach holte 14 der 17 deutschen Medaillen bei diesen Paralympics. Besonders erfolgreich waren Anja Wicker und Marco Maier, die jeweils vier Medaillen gewannen. Wicker sicherte sich Silber und zweimal Bronze im Biathlon sowie am letzten Wettkampftag Silber über 20 Kilometer im Skilanglauf. Maier kam auf dreimal Bronze im Biathlon und Staffel-Silber. Johanna Recktenwald lief zu Bronze, Leonie Maria Walter bekam nach einem Kopfhörer-Chaos noch Bronze zugesprochen. Beim Schießen hatten ihre nicht funktioniert.
Auffällig war die Zahl der vierten Plätze. Kathrin Marchand und Andrea Eskau wurden im Sprint jeweils Vierte, Anja Wicker verpasste über zehn Kilometer Bronze um 1,5 Sekunden. Lennart Volkert und Guide Nils Kolb landeten im Sprint-Verfolgungsfinale auf Rang vier, Leonie Walter fiel nach einer umstrittenen Juryentscheidung vom Silberrang auf Platz vier zurück.
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Hinzu kamen Krankheiten und körperliche Ausfälle, die das deutsche Nordisch-Team sichtbar schwächten. Sebastian Marburger gewann trotz hartnäckigen Infekts Silber im Sprint, musste später über zehn Kilometer aber aussteigen. Kathrin Marchand brach ihr Rennen nach einem Schwindel- und Schwächeanfall ab. Johanna Recktenwald musste mit einem Ersatz-Guide antreten, weil ihre Führungsperson Emily Weiß krank abreiste.
Und Newcomer Theo Bold fuhr nach dem Sturz seines Bruders und eigentlich für den sehbehinderten Athleten notwendigen Guide Jakob in der Staffel erstmal alleine weiter.
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„Ich bin froh, wenn ich jetzt von hier wegkomme“, resümierte ein sichtlich angefasster Bundestrainer Rombach in der ARD. Die Krankheitsfälle, umstrittene Juryentscheidungen und schwierige Wetterbedingungen hätten sein Team stark belastet: „Es lief einfach vieles gegen uns.“ Trotz dieser Umstände lobte Rombach seine Mannschaft ausdrücklich. Einsatz und Einstellung hätten gestimmt, sein Team habe bis zum Ende gekämpft. Die Leistungen seiner Athletinnen und Athleten bewertete er unter diesen Bedingungen als „sehr, sehr gut“.
Para Eishockey: umjubeltes Comeback
Ein starkes Signal setzte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft, die nach 20 Jahren auf die internationale Bühne zurückkehrte. Vier Spieler aus dem Team von 2006 waren wieder mit dabei, darunter Jörg Wedde, mit 60 Jahren der älteste Athlet im Team D. Der jüngster Spieler Jano Bußmann, war damals noch gar nicht geboren.
Digitale Serie „Paralympics Zeitung“
Dieser Text erscheint im Rahmen der „Paralympics Zeitung“ – ein Gemeinschaftsprojekt von Tagesspiegel und Aktion Mensch. Alle Texte zu den Winterspielen in Mailand Cortina 2026 finden Sie hier.
Deutschland war mit seinen Amateursportlern der klare Außenseiter des Turniers. Nationen wie China und den USA traten mit Vollprofis an. Deutschland dagegen schickte Amateursportler aufs Eis. Der Grund liegt in der schwachen Förderung: Para Eishockey ist in Deutschland strukturell unterfinanziert. Viele Spieler erhielten lange nur minimale Unterstützung.
Die „Könige der Kufen“ feierten einen Overtime-Sieg gegen die Slowakei dank vier Toren von Felix Schrader und ein Spiel um Rang fünf gegen Gastgeber Italien vor über 6000 Zuschauern. „Für uns war das Turnier eine unglaubliche Erfahrung“, sagte Kapitän Jan Malte Brelage. „Der sechste Platz in diesem Turnier ist erst der Anfang“.
Russland: Der Schatten der Spiele
Die politisch folgenreichste Entscheidung fiel schon vor dem ersten Wettkampf: Die Vollversammlung des IPC stimmte für eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland und Belarus, der Internationale Sportgerichtshof bestätigte diesen Schritt. Die Zulassung unter eigener Flagge und mit eigener Hymne wurde damit zum politischen Dauerthema dieser Spiele.
Es gab länderübergreifend Boykotte und Proteste, die die Atmosphäre bei Eröffnungsfeier, Siegerehrungen und im Paralympischen Dorf spürbar veränderten. Athlet:innen positionierten sich sichtbar gegen die Entscheidung des IPC; auch Linn Kazmaier und Florian Baumann demonstrierten bei einer Siegerehrung offen gegen den russischen Start, als sie sich bei der Hymne der russischen Goldgewinner wegdrehten. Damit wurde ein deutsches Silber zu einem der politischen Bilder dieser Spiele.
Wetter: Alles nur kein Wintermärchen
Neben der Politik beherrschte auch das Wetter die Schlagzeilen. Die frühlingshaften Temperaturen in Cortina und Tesero sorgten für weiche, matschige Pisten und Loipen. Trainingsläufe mussten abgesagt, Startzeiten vorgezogen werden. Marco Meier ging in Shorts und T-Shirt an den Start, sein Outfit ging viral. Gerade im Para Sport wiegen solche Bedingungen besonders schwer, wie zahlreiche Stürze gezeigt haben. Sehbehinderungen und geringere Kompensationsmöglichkeiten der Athlet:innen erhöhen das Sicherheitsrisiko. Die Diskussion über eine zeitliche Vorverlegung der Winter Paralympics nimmt nach diesen Spielen Fahrt auf.
Schlussfeier: Versöhnlicher Abschluss?
Anders als bei der Eröffnung zeigte Team Deutschland beim Abschluss Flagge. Andrea Rothfuss und Christian Schmiedt führten am Sonntag die Delegation ins Cortina Curling Olympic Stadium. Dort wurde die Paralympics-Fahne an die Französischen Alpen übergeben und der Countdown für die nächsten Winterspiele 2030 gestartet.
IPC-Präsident Andrew Parsons sprach von einem „rekordverdächtigen Erfolg“ und von den „größten und schönsten Winter-Paralympics“. Doch selbst diese Schlussfeier konnte nicht verdecken, dass Mailand/Cortina bis zuletzt Spiele im Spannungsfeld von Sport, und Politik blieben.