Es gibt „Marty Supreme“-Einladungsturniere im Tischtennis, gesponsert von Airbnb; „Marty Supreme“-Hoodies (für über 1000 Dollar) sind weltweit schnell vergriffen; und derzeit läuft der durch ihn inspirierte Hollywood-Film „Marty Supreme“ mit dem wunderbaren Timothée Chalamet in der Hauptrolle. „Marty Supreme“, alias „Marty Mauser“, wie die Hauptfigur im Film heißt, ist wahnsinnig groß geworden.
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Ob das Getöse dem echten Marty Mauser, dem 2012 verstorbenen Marty Reisman, gefallen hätte? Ziemlich sicher: ja!
„Tischtennis ist wie Showbusiness“, sagte Reisman einmal zu einem Reporter der „New York Times“. Reisman trug gerne einen Panama-Hut, einen knallengen roten Rollkragenpulli und eine getönte Brille. „Du musst dich präsentieren können.“ Das war sein Mantra.
Marty Reisman galt als Parvenü mit sehr großem Sendungsbewusstsein. Wo es nur eben ging, trat er auf. Er schaffte es sogar in die Show von David Letterman und führte seinen liebsten Trick vor: Er schoss eine Zigarette mit einem Tischtennisball in zwei Teile. Im Grunde konnte Marty Reisman nur eine Sache: Tischtennis spielen.
Reisman wollte zeitlebens den Beweis antreten, dass man mit einem herausragenden Talent – auch wenn es „nur“ Tischtennis war – groß herauskommen, zu einer echten Berühmtheit werden konnte. Man musste es nur schlau genug anstellen. Die Frage, die sich 14 Jahre nach seinem Tod stellt, lautet: Hat sich Reisman schlau angestellt?
Aus unternehmerischer Sicht kaum. Reisman gewann Unsummen an Geld und verlor diese Unsummen postwendend. „Eine Wette habe ich nie abgelehnt“, sagte er. Aber eine echte Berühmtheit ist er trotzdem – oder vielmehr wegen seiner Spiel- und Geltungssucht – geworden.
Reisman gilt als der große „Ping-Pong-Hustler“, als der umtriebigste Tischtennisprofi, den die Welt gesehen hat. Es versteht sich von selbst, dass Reisman eine Biografie (mit dem unbescheidenen Titel „The Money Player: The Confessions of America’s Greatest Table Tennis Champion and Hustler“) schrieb und gerne weitere Memoiren veröffentlicht hätte.
© Corbis via Getty Images/Neville Elder
Seine Autobiografie wiederum entdeckte Josh Safdie, der Regisseur von „Marty Supreme“, eher zufällig. Der Tischtennisfan war begeistert. Ohne zu viel zu verraten: „Marty Supreme“ erzählt nicht die wahre Geschichte von Marty Reisman, ist aber in Teilen an ihn angelehnt.
In der „New York Times“ äußerten sich die Angehörigen Reismans enttäuscht darüber, dass sie überhaupt nicht in das Projekt eingebunden worden waren. Dabei hätte auch ein reines Biopic über Marty Reisman viel Potenzial für die große Leinwand gehabt.
Reisman, bekannt als „The Needle“ wegen seiner schlanken Figur, wurde 1930 in New York geboren und wuchs an der Lower East Side auf. Er erzählte, dass er nach einem Nervenzusammenbruch das Tischtennis in einer Klinik in New York erlernt habe. Und Talent hatte er im Übermaß.
Tischtennis wurde in den Dreißigern und Vierzigern in New York vor allem in verrauchten Kneipen und Bars gespielt. Hohe Geldbeträge waren im Einsatz. Reisman begann schon als 13-Jähriger in einer von Gangstern geführten Kneipe um Geld zu spielen.
Mit 15, bei einem nationalen Wettbewerb in Detroit, versuchte er, 500 Dollar auf sich selbst zu setzen – er drückte fünf Scheine einem Mann in die Hand, den er für einen Buchmacher hielt. Es war jedoch der Chef des nationalen Tischtennisverbands. Beamte führten ihn ab.
Marty Reisman liebte das Zocken
Beobachter waren und sind sich sicher, dass Reisman – hätte er es als seriöser Sportler versucht – deutlich mehr aus seinem Potenzial hätte machen können. Aber er konnte nicht anders. Das (mitunter illegale) Spielen um Geld war sein Antrieb. Dennoch schaffte er eine beachtliche Karriere mit unter anderem zwei Bronzemedaillen (Mannschaft und Doppel) bei Weltmeisterschaften.
Geradezu legendär war sein Vorhandschlag namens „Atomic Blast“ – mit einem Tempo von 185 Kilometern pro Stunde. Reisman spielte mit dem klassischen Noppengummi-Schläger, Noppen außen, ohne Schwammunterlage.
Doch bald schon eroberten Schläger mit einer Latex-Schwammschicht das Tischtennis. Die neuen Schläger ließen die Bälle deutlich schneller und mit veränderter Rotation und Sprungkurve fliegen. Reisman war immer ein Verfechter der alten Schläger. 1997 gewann er im Alter von 67 Jahren die United States National Hardbat Championships und wurde damit zum ältesten Spieler, der jemals einen offenen nationalen Wettbewerb in einem Rückschlagspiel gewann.
Abseits des Wettkampfs verbrachte Reisman beinahe zwanzig Jahre damit, um die Welt zu reisen und Schau- und Herausforderungsmatches zu spielen. Er tourte unter anderem mit den Harlem Globetrotters. Vor allem aber war er ein charmanter Geschichtenerzähler. Er konnte Journalisten für sich einnehmen, immer wieder entstanden Porträts oder Interviews.
Marty Reisman war bis zu seinem Tod präsent. Durch „Marty Supreme“ ist er es auch noch danach.