Nachdem der letzte Ton verklungen war, legte Nikita Wolodin die Hand auf die Schulter von Minerva Hase. Danach nahmen sie sich in den Arm und winkten dem Publikum zu. Der Gesichtsausdruck offenbarte, was alle gesehen hatten: Das war nicht die Kür, die sich die beiden gewünscht hatten.
Nach einem nur einfachen Salchow von Hase und einer unsauberen Landung beim Doppelaxel ebenfalls von ihr war schon während des Auftritts klar, dass es für den Olympiasieg nicht reichen wird. Zumal das japanische Paar stark vorgelegt hatte.
Riku Miura und Ruyichi Kihara, Fünfte nach dem Kurzprogramm, hatten die Weltrekordpunktzahl von 158,13 für ihre Kür bekommen und hatten insgesamt 231,24 Punkte. Somit war klar dass Hase und Wolodin über sich hinauswachsen mussten, um die Führung zu behalten. Der bisherige Bestwert der beiden lag zuvor bei 221,38 Zählern.
Nach dem besten Kurzpropgramm ihrer bisherigen Karriere (80,01) waren die beiden Berliner auf Platz eins in ihren wichtigsten Wettkampf gegangen. „Ich bin einfach glücklich, dass wir zum ersten Mal die 80 geschafft haben, das war ein kleiner Traum von mir“, hatte Hase noch nach Teil eins des olympischen Programms gesagt. In der Kür kamen dann aber nur 139,08 Zähler hinzu.
Offenbar hatten sie sich dennoch eine höhere Wertung der Jury versprochen, womit sie das georgische Paar noch verdrängt hätten. Aber am Ende fehlten 2,66 Punkte für Platz zwei.
Wenig später war das Lächeln aber zurück. Eine olympische Medaille nach knapp vier Jahren gemeinsamer Arbeit auf dem Eis war das Ziel. Und diese Medaille wollten sie sich so gerne umhängen, dass sie sogar etwas zu früh aufs Podest stürmte. Dort angekommen hüpften sie und lächelten ausgelassen. Fröhlich winkten sie sogar schon wieder ins Publikum.
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Seit dem Sturz von Wunderläufer Ilia Malinin, der in seiner Kür zweimal gestürzt war und zahlreiche Elemente nur ansatzweise darstellen konnte, ist allen noch mal klar geworden, wie schnell es in diesem Sport zwischen absoluter Höhe und totalem Absturz gehen kann. Nach Platz eins im Kurzprogramm wurde er auf Platz acht durchgereicht.
„Wie ein altes Ehepaar“ hatte Hase das Duo kürzlich bezeichnet. Und man hatte das Gefühl, das die beiden das nicht ganz perfekte Resultat auch an diesem Abend sehr reif zusammen verarbeiten werden. Auch wenn die Enttäuschung womöglich größer war, als es aussah. Denn wer als führendes Paar in die Kür startet, möchte natürlich auch hier Höchstleistung abliefern.
Hase und Wolodin fühlen sich „wie ein altes Ehepaar“
Einmal mehr zeigten die beiden aber ihre Harmonie. „Als sie anfingen, miteinander zu arbeiten, waren sie bereits eine Einheit – sie passten als Paar super zusammen. Nikita ist ein starker Typ, der sie optimal unterstützen kann“, hatte Savchenko vor den Spielen in einem Interview mit dem Tagesspiegel gesagt.
Hase galt schon immer als überaus talentiert. In der Vergangenheit wurde sie aber immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Zudem wurde im Gespann mit ihrem früheren Partner Nolan Seegert nie das volle Potenzial ersichtlich. Das änderte sich mit dem Sankt Petersburger Wolodin, der seit August den deutschen Pass besitzt.
Durchaus beeindruckend war auch der Auftritt von Annika Hocke und Robert Kunkel. Am Ende belegten sie mit insgesamt 194,11 Punkten Platz zehn und legten eine Saisonbestleistung hin. Nach einem sehr harmonischen und fehlerfreien Kurzprogramm hatte es am Sonntag noch großen Ärger über die recht niedrige Bewertung mit 67,52 gegeben.
Und es war ihnen der Trotz anzumerken, es noch mal allen zu zeigen. Nach vollendetem Programm klatschten sie sich ab und strahlten, als sie auf die Punkte der Jury warteten. 126,59 Punkte wurden es, Höchstwert in dieser Saison. Wirklich glücklich schauten sie dennoch nicht drein, denn erneut passte das grundsätzlich gute Gefühl nicht zur Punktzahl.
ARD-Experte Daniel Weiss sagte: „Das war eine ausgezeichnete Kür. Wieder enttäuschte Mienen für diese Punkte. Ich kann das nachvollziehen.“
Trotz des verpassten Olympiasiegs wirkte das am Ende bei Minerva Hase und Nikita Wolodin ganz anders. So richtig fassen, konnten sie ihr Glück kaum.