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„Antigone“ am Berliner Ensemble : Tyrannendämmerung zwischen Qual und Quälerei

2026-01-17
In leben Vom Rüdiger Schaper

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Das Theater des Johan Simons ist streng. Es hat etwas Protestantisches, Asketisches. Schmucklos, mit harten Bandagen will es zum Kern der Dinge vordringen. Seine Schauspieler wirken nackt, ausgesetzt den dunklen Mächten in ihrer Seele.

So ist es auch jetzt, am Berliner Ensemble, in Simons’ Inszenierung der „Antigone“ des Sophokles. Es herrscht Laboratmosphäre. Die Akteure laufen herum in weißer Unterwäsche, manchmal werfen sie eine Jacke über oder einen Rock. Das soll antiken Habitus markieren, hier ringen Statuen miteinander.

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Auch das Bühnenbild von Johannes Schütz wirkt zeitlos-griechisch. Ein gewaltiger Raumteiler, aufgehängt an einem Stahlseil, bestimmt die Szenerie. Das Gestell ist mit Papier bespannt, das man nachher effektvoll zerreißen und löchern kann. Im Aufbau erinnert das an die legendäre Aischylos-Aufführung der „Perser“ am Deutschen Theater in der Regie von Dimiter Gotscheff, mit dem gewaltigen Bühnensegel von Mark Lammert.

Das Stück

„Antigone“ von Sophokles am Berliner Ensemble. Regie: Johan Simons, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Kevin Pieterse, Dramaturgie: Sibylle Baschung. Termine: 22., 23. Januar und 14., 15., 18. Februar und 7. März

Doch die Stimmung ist hier eine ganz andere. Kein Platz für Komik, Groteske – alles bitterernst. Zwei Stunden Qual und Quälerei, ohne Pause. Kreon, der neue König in Theben, lässt Antigone lebendig einmauern, weil sie ihren Bruder bestatten will, der sich gegen die Stadt erhoben hatte. Das setzt eine Folge von Fatalitäten in Gang, eine ganze Familie wird ausgelöscht. Die Menschen brechen zusammen unter der Last der Vergangenheit.

Einsicht kommt da immer zu spät. Es ist das Thema der klassischen Tragödien: Gewalt wird vererbt, es gibt kein Entkommen. Und das könnte schon der eindrucksvollste Moment an diesem Abend sein, gleich zu Beginn: Keiner will seine Rolle annehmen. Johan Simons zeigt das Stück, wie in der Antike, mit drei Personen. Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer und Jens Harzer, Starbesetzung! Sie irren über die Bühne, müssen sich finden, gegen inneren Widerstand. Denn jeder weiß, was bevorsteht.

Und jeder und jede kann der andere sein. Gleichermaßen zerstört und zerstörerisch in solchen dysfunktionalen Verhältnissen. Am Ende sitzen sie an der Rampe, aneinandergelehnt, erschöpft, es ist vorbei. Der Ton ist zart, träumerisch. Ein neuer Tag beginnt. Ein neues Drama?

Wer ist Kreon, wer will der Mörder sein? Jens Harzer flieht diese schreckliche Verantwortung, blickt oft suchend ins Nichts, arbeitet sich in die Rede der Antigone hinein. Constanze Becker – wenn es denn keiner machen will – hat dann irgendwann die Papierkrone auf dem Kopf und probiert aus, wie sich das Herrschen und Verdammen anfühlt. Aber die Zuordnung ist nicht klar, es ist eine Familie. Mitgefangen, mitgehangen. Ein Bruch mit der Tradition: Antigone ist hier nicht die Heldin, die gegen die Staatsgewalt aufsteht, und Kreon ist nicht der Tyrann, der Nazi. Blindheit, ein Hauptmotiv dieser alten Stücke, scheint ansteckend zu sein.

Gefangen im Drama

Mehr Freiheit holt sich Kathleen Morgenenyer. Sie hat eine andere Körpersprache, gelöster, frecher, fast über den schrecklichen Dingen stehend. Wenn sie als Seher Tireisias Kreon die Meinung der Götter sagt, klingen die Worte der Hölderlin’schen Sophokles-Übertragung hart und klar, transparent.

Die Inszenierung erscheint wie ein Alterswerk. Nirgendwo eine politische Anspielung, nichts Aktuelles, immer wieder hat man das Gefühl, dass die drei nach einem Ausstieg suchen – und das führt sie immer mehr hinein in das böse Spiel. Ein Abend wie eine Theaterprobe, intim, noch in der Entstehung. Eine Bitterkeit steckt darin, die hermetisch wirkt. Auf der Bühne liegen allerhand Objekte herum, kunstvoll verstreut, gelegentlich wird ein Straßengeräusch oder ein Fetzen Free Jazz eingespielt.

Und vielleicht liegt hier das Problem: Für diesen absoluten Nihilismus ist das alles doch recht fein orchestriert. Der mörderische Theben-Clan hat Kunstblut in den Adern, malerisch verschmiert und abwaschbar.

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