Trauer und Tod in einer Clownsfamilie. Hört man diesen Mini-Anriss des Inhalts von „Vier minus drei“, tritt man innerlich erst mal drei Schritte zurück. Da ist das vermeintlich zuckrige Sujet Clowns, vor dem es viele Leute graust.
Und dann ist da die Verfilmungsgrundlage, das autobiografische Buch der Österreicherin Barbara Pachl-Eberhart, in dem sie sich 2010 ihre Lebenstragödie von der Seele geschrieben hat: den Verlust ihres Mannes Heli und ihrer Kinder Fini und Thimo bei einem Unfall an einem unbeschrankten Bahnübergang.
Tatsächlich ist „Vier minus drei“ harte Kost, aber in allem wahrhaftig erzählten Schmerz viel hoffnungsvoller grundiert, als die Geschichte erwarten lässt. Das haben auch die Besucher und Besucherinnen der diesjährigen Berlinale bemerkt, die Adrian Goigingers Drama beim Publikumspreis der Sektion Panorama auf den zweiten Platz wählten.
Der Film
„Vier minus drei“, Österreich/Deutschland 2026, 121 Minuten. Regie: Adrian Goiginger, Buch: Senad Halilbašić. Mit Valerie Pachner, Robert Stadlober, Stefanie Reinsperger, Hanno Koffler, Ronald Zehrfeld, Karl Markovics. Kinostart: 16. April
Regisseur Goiginger ist ein Meister darin, innere Konflikte seiner Protagonisten und das emotionale Geflecht in Familien auszuloten. Sei es in dem autobiografisch grundierten Drama eines kleinen Jungen und seiner drogensüchtigen Mutter in „Die beste aller Welten“ von 2017.
Oder auch im Historiendrama „Der Fuchs“, das 2024 den Deutschen Filmpreis in Silber erhielt und von einem jungen Soldaten erzählt, der versucht, sich durch die Fürsorge für einen Jungfuchs die Brutalität des Zweiten Weltkrieges vom Leib zu halten.
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In „Vier minus drei“ geht Goiginger sensibel und zurückhaltend mit der Wucht des Schicksalsschlags um, der die Klinik-Clownin Barbara wie aus dem Nichts trifft. Auf der Rückfahrt von einem Auftritt im Grazer Krankenhaus, wo sie mit den „Roten Nasen“-Clowns spielerisch ernst zu nehmende Sozialarbeit bei schwer kranken Kindern leistet, ruft Freundin Sabine (Stefanie Reinsperger) an.
Schicksalsschläge, beiläufig erzählt
Es habe da einen Unfall mit einem Clown-Bus gegeben, hat Sabine im Radio gehört. „Wie, ein Unfall?“, fragt die verdatterte Barbara. In Valerie Pachners unwilligem Stottern, in ihrem erstarrenden Blick scheint in Sekunden die innere Not auf, mit der so eine Nachricht den Alltag implodieren lässt.
Bei Barbara schrillen alle Alarmglocken, doch zugleich will sie die Ahnung, dass es sich um ihre Familie handeln könnte, nicht wahr werden lassen. Die Regie von Adrian Goiginger lebt von solchen, in präzisem Understatement inszenierten Szenen, die beiläufig erscheinen, aber eine existenzielle Veränderung des Lebens markieren.
© Alamode Film/Polyfilm/Nikolett Kustos
„Vier minus drei“ erzählt nicht chronologisch, sondern in permanenten Flashbacks. Diese dramaturgische Entscheidung macht das Drama erträglich. Und vor allem erfüllt sie die Charaktere, die Barbara verloren hat, mit Leben.
Barbaras Mann Heli, den Robert Stadlober mit großer Wärme und bisher ungesehenem Talent zur Clownerie verkörpert, sieht beider Profession anders als sie. Zwar bringt Barbara mit ihrem „Rote Nasen“-Job das Geld nach Hause, während Heli sich im Alltag um die Kinder kümmert, dafür drängt es Heli zur hehren Bühnenkunst. Dass Barbara sich in seinen Augen unter ihrem professionellen Wert verkauft, schafft Konflikte zwischen den beiden.
© Alamode Film/Polyfilm
Auch ihre Elternrollen handeln sie immer wieder untereinander aus. In den sommerwarmen Szenen des gemeinsamen Lebens auf einem ererbten, rumpeligen Bauernhof entstehen Bilder eines innigen Miteinanders zwischen Eltern und Kindern, die den Tod der Kleinen noch unfassbarer machen.
Adrian Goiginger verschweigt weder die Bitternis von Barbaras Trauerarbeit, die sie immer wieder in tiefe Depressionen führt, noch ihr Befremden angesichts gesellschaftlicher Konventionen, die mit Tod und Trauer verbunden sind. So wie die Nottaufe für die schwer verletzten Kinder, die die Schwiegermutter im Krankenhaus verlangt. Neben dem Sentiment hat in der Beerdigungsszene auch Lebensfreude ihren Platz, die Barbara mit Freunden wie einen Zirkuszug mit Stelzenläufern, Kostümierten und Musik organisiert.
Die Abwesenheit von Pathos und die stetige Vorwärtsbewegung, die nach dem Niedersausen des Schicksalshammers unter der Geschichte liegt, sie machen den Unterschied. Barbara ist trotz des Schmerzes, der in jeder Faser ihres Körpers sitzt, nicht bereit, aufzugeben, ihre Widerstandskraft ist größer.
Freundin Sabine stellt ihr den Schauspieler Friedrich (Hanno Koffler) vor, der sich zaghaft für sie interessiert. Sie versucht in einer verkrachten Szene, sich ins Nachtleben zu stürzen. In Mini-Schritten arbeitet sie sich – immer wieder stürzend – aus dem Loch heraus. Es entspricht ihrer am Scheitern erprobten, clownesken Lebensphilosophie, dem Tod nicht die Deutungshoheit über ihr Leben zu geben.