Vergangenes Wochenende war ich in Binz auf Rügen. Am Hotelbüfett kam morgens eine Frau auf mich zu. Ob sie mir einen Tipp geben dürfe, fragte sie. Oder ob ich ein Mensch sei, der so etwas übelnähme.
Dann erzählte sie mir etwas, das ich nicht glauben wollte: Es sei unhöflich, einen benutzten Teller zurück zum Büfett zu bringen. „Eigentlich nimmt man jedes Mal einen neuen.“
Obwohl ich vermutete, dass die Frau einen Knall hatte, las ich sicherheitshalber im Netz nach. Sie hatte recht.
Sebastian Leber ist Reporter beim Tagesspiegel. Er recherchiert seit Jahren zu politischem Extremismus, insbesondere zu Rechtsextremismus und Antisemitismus. In seiner Kolumne beschäftigt er sich jede Woche mit einer Widrigkeit der Gegenwart.
Ich habe das mein ganzes Leben lang falsch gemacht. Jahrzehntelang ging ich mit benutzten Tellern zurück ans Büfett, stets im Glauben, extra rücksichtsvoll zu handeln. Ich wollte dem Personal zusätzliche Arbeit ersparen und kein unnötiges Geschirr verbrauchen. Ein Teller war ja da. Jetzt lerne ich: Genau das gilt als falsch. Aus hygienischen Gründen.
Ich denke an die vielen Frühstücksräume meines Lebens, an die zahllosen Menschen, die ich an Büfetts ungewollt mit meinen Dreckstellern belästigt und vielleicht auch angeekelt habe. Es tut mir leid. Ich wusste es nicht.
Vermutlich hätte ich für den Rest meines Lebens weiter munter Hotelbüfetts kontaminiert, wäre diese mutige Frau nicht gewesen. Ich bin noch einmal zu ihr hin und bedankte mich für den Hinweis, aber auch für ihre nette Art, mir das beizubringen.
Was ist selbstverständlich – und für wen?
Unser Alltag ist von unsichtbaren Regeln durchzogen. Dinge, die für die einen selbstverständlich sind und für die anderen nie ausgesprochen wurden. Man verstößt dagegen, ohne es zu merken, und stößt Mitmenschen vor den Kopf, auch wenn man es bestmöglich gemeint hat.
Steile These: Zumindest ein Teil unserer täglichen Gereiztheit resultiert nur daraus, dass wir Absicht in etwas hineinlesen, wo eigentlich nur Unwissen oder Gewohnheit dahintersteckt oder halt eine Logik, die nicht die eigene ist. Dass wir einen Übersetzungsfehler für einen Charakterzug halten. Und überhaupt: dass wir dazu neigen, aus einer kleinen Beobachtung direkt auf einen ganzen Menschen zu schließen. Ich jedenfalls.
Ein bisschen gruselig ist die Vorstellung, dass es ganz sicher noch tausende Dinge gibt, die ich bis heute falsch mache.
Sebastian Leber
Ein Freund nervte mich jahrelang mit ausufernden Sprachnachrichten. Er beschrieb immer erst einmal, wo er sich gerade aufhielt, kam von einer Nebensächlichkeit zur nächsten und sprach erst ganz am Ende aus, was eigentlich sein Anliegen war. Ich dachte: Wie frech ist das, anderen die Zeit zu stehlen, weil man sich selbst nicht die Mühe machen möchte, eine präzise Nachricht zu schreiben und auf den Punkt zu kommen. Als ich es schließlich ansprach, stellte sich heraus, dass er seine Nachrichten als Akt des social bondings verstand, also der Stärkung emotionaler Bindungen.
Ich denke, man kommt besser durchs Leben, wenn man seinen Mitmenschen keine bösen Absichten unterstellt. Wenn man aus Verhalten, das einen stört, nicht auf Egoismus oder Durchtriebenheit schließt, sondern lieber davon ausgeht, dass dieses Verhalten aus der Perspektive des anderen irgendeinen Sinn ergibt.
Ein bisschen gruselig ist die Vorstellung, dass es ganz sicher noch tausende Dinge gibt, die ich bis heute falsch mache. Von denen ich nur nichts weiß, weil mich niemand eingeweiht hat.
Zurück in Berlin erzählte ich einer Kollegin von meinem Erlebnis, und sie nannte sofort das nächste Beispiel: dass man in Restaurants möglichst kein starkes Parfüm trägt, weil man damit den eigenen und den fremden Geschmackssinn beeinflusst. Sie sagte jedoch auch, dass es sich hierbei um Klassismus handle. Manche Regeln dienten der sozialen Sortierung: Wer sie kennt, fällt nicht auf.
Natürlich gibt es auch Bosheit. Menschen, die wirklich provozieren oder anderen schaden wollen. Aber die Mehrzahl der Konflikte beginnt wahrscheinlich mit zwei Menschen, die jeweils glauben, ihre Regel sei selbstverständlich.
Bei den Menschen, die links auf der Rolltreppe stehen bleiben, gelingt mir diese Güte. Bei Leuten, die auf Whatsapp inflationär Emojis benutzen, ebenfalls. Sogar bei denen, die im Sportstudio nicht die Hanteln zurücklegen. Aber bei einer Personengruppe nicht.
Was treibt Menschen an, in der U-Bahn Musik auf dem Smartphone ohne Kopfhörer zu hören? Sie müssen doch wissen, dass sie alle um sie herum stören. Ist es ihnen egal? Denken sie nicht so weit? Oder machen sie das absichtlich, quasi als aggressive Handlung?
Ich würde das tatsächlich gern einmal fragen. Einen Abteil-Beschaller einfach ansprechen und ganz freundlich, aus Neugier, um eine Erklärung bitten. Andererseits kann ich nicht ausschließen, dann verprügelt zu werden.
Falls Sie zu den Menschen gehören, die in der Bahn ohne Kopfhörer Musik hören oder Videos angucken, und diesen Text lesen: Schreiben Sie mir gern einen Leserbrief. Ich möchte es wirklich verstehen.