Zehn Minuten vor Schluss waren hauptsächlich die Fans des VfL Wolfsburg zu hören. Gerade als die Anhänger des FC St. Pauli neuen Mut nach einem von Christian Eriksen vergebenen Elfmeter geschöpft hatten, traf Dzenan Pejcinovic mitten ins Herz der Hamburger. Sein Treffer zum 3:1 (1:0) markierte den Endstand, der für Wolfsburg den Gang in die Relegation bedeutete und Heidenheim und St. Pauli gleichzeitig in Liga zwei schickte. „Ich bin unfassbar traurig. Wenn man an 34 Spieltagen nur 26 Punkte holt, ist der Abstieg aber verdient“, bilanzierte St. Paulis Hauke Wahl ernüchtert.
Ein Fanmarsch des Kiezklubs zum Stadion, mitreißende Stimmung mit lautstarken Fans und emotionalen Choreos auf beiden Seiten hatten diesen Abstiegsthriller eingeläutet. Am Ende durften die Niedersachsen zumindest an diesem Samstag jubeln. „Ich bin sehr glücklich über diesen verdienten Sieg und weiß gleichzeitig, wie bitter so ein Abstieg am letzten Spieltag ist. Das habe ich letztes Jahr mit Bochum hier am Millerntor erlebt“, sagte Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking.
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Im mit 29.564 Zuschauenden ausverkauften Millerntor-Stadion begannen beide Teams nervös. Daran änderte auch die vereinzelt von Fans gefeierte Führung der Mainzer in Heidenheim nach gerade mal sieben Minuten nichts, wodurch zumindest die Baden-Württemberger direkt abgestiegen wären. Vor allem auf Seiten St. Paulis häuften sich die Ungenauigkeiten mit Ball. Nach einer Viertelstunde kamen gerade mal 65 Prozent der Pässe an. Angesichts des Drucks verständlich, immerhin ging es an diesem Samstag um alles oder nichts.
Heidenheim unterliegt Mainz
Der 1. FC Heidenheim steigt durch ein 0:2 (0:2) gegen den FSV Mainz 05 nach drei Jahren wieder aus der Fußball-Bundesliga ab. Die Aufholjagd der vergangenen Wochen konnte das Team von Trainer Frank Schmidt vor 15.000 Zuschauern nicht krönen, weil schon in der Anfangsphase alles gegen die Gastgeber lief.
Phillip Tietz brachte die Rheinhessen, für die es dank einer starken Rückrunde am letzten Spieltag sportlich um nichts mehr ging, in Führung (7. Minute). Nadiem Amiri erhöhte für den Zehnten kurz vor dem Seitenwechsel (43.). Nach dem Schlusspfiff erhielten die Heidenheimer Profis stehende Ovationen von den Fans, die Mainzer Spieler spendeten Trost. (dpa)
Wolfsburg hätte schon bei einem Unentschieden Heidenheims ein Remis gereicht. Was nach einer komfortablen Lage klingt, kann aber auch leicht unterschätzt werden. Der VfL gilt unter Fußballfans wohl als unbeliebtestes Team der drei Tabellenletzten, aber auch als das beste. Als Favorit und aufgrund der Bundesliga-Historie hatte er damit vielleicht am meisten zu verlieren. St. Pauli auf der anderen Seite hatte den vermeintlichen Heimvorteil, der sich in Drucksituationen aber auch negativ auswirken kann. Bestes Beispiel ist wohl die verpasste Meisterschaft Borussia Dortmunds im eigenen Stadion vor drei Jahren.
Abstiegsangst hin oder her: Das Spiel nahm nach rund zwanzig Minuten richtig Fahrt auf. Nach einem Angriff der Gastgeber fasste sich Joel Fujita ein Herz und knallte den Ball aus rund 20 Metern an die Unterkante der Latte. Wolfsburg konterte im Gegenzug mit Tempo und Adam Daghim, der im Eins gegen eins am stark parierenden Nikola Vasilj scheiterte. Bei der anschließenden Ecke kam es wieder zum Duell Daghim gegen Vasilj. Diesmal lenkte St. Paulis Torwart den Schuss aus drei Metern an die Latte.
In der Folge hatte Wolfsburg die besseren Chancen, während die Kiezkicker nur wenige Akzente nach vorne setzen konnten. In nahezu allen Offensivstatistiken belegt St. Pauli in dieser Saison den letzten Platz, ob bei erwarteten oder geschossenen Toren, Torschüssen pro Spiel, herausgespielten Chancen oder Ballberührungen im gegnerischen Strafraum. Dieses Manko zeigte sich auch in der ersten Hälfte.
Mitten in eine kurze Druckphase St. Paulis hinein fiel dann der Wolfsburger Führungstreffer. Nachdem Vasilj in der 37. Minute einmal mehr im Privatduell mit Daghim die Oberhand behalten hatte, war er bei der anschließenden Ecke und dem Kopfball von Konstantinos Koulierakis machtlos. Dass Andréas Hountondji kurz darauf die Riesenchance auf den Ausgleich liegen ließ, rundete den bis dahin glücklosen Auftritt ab.
Vasilj faustet eine Ecke ins eigene Tor
Die Stimmung wurde auch nicht besser, als auf der Tribüne wieder die Handys gezückt wurden und die Nachricht die Runde machte, dass Mainz mittlerweile 2:0 in Heidenheim führte. St. Pauli brauchte nach wie vor zwei Tore für den Klassenerhalt. Das wusste auch Kapitän Jackson Irvine, der sein Team mit dem Pausenpfiff sofort antrieb, die Köpfe hochzunehmen.
© dpa/Philipp Szyza
In der zweiten Halbzeit setzte St. Pauli dann zur Aufholjagd an, oder besser gesagt Abdoulie Ceesay. Der für Hountondji eingewechselte Stürmer köpfte eine Ecke von Connor Metcalfe ins Tor und das Millerntor explodierte. Die Freude hielt allerdings nur sieben Minuten: Ausgerechnet der bis dahin so starke Vasilj faustete eine Ecke ins eigene Tor (64. Minute). Zwar schaltete sich der Videoschiedsrichter aufgrund Gerangels im Strafraum ein, nahm den Treffer aber nicht zurück. „Das verstehe ich nicht. Mein rechter Arm, mit dem ich eigentlich gefaustet hätte, wurde komplett blockiert“, sagte Vasilj wütend bei Sky und verkündete Sekunden später seinen Abschied vom FC St. Pauli.
Und es kam noch schlimmer aus Sicht des Teams von Trainer Alexander Blessin, als Schiedsrichter Daniel Siebert nach einem erneuten VAR-Eingriff auf Handelfmeter für Wolfsburg entschied. Weil Christian Eriksen anschließend nur die Oberkante der Latte traf, schöpften alle, die es mit St. Pauli hielten, nochmal neue Hoffnung.
Die währte genau drei Minuten. Denn dann vollendete Dzenan Pejcinovic einen Wolfsburger Angriff zum 3:1 und ließ damit die Auswärtskurve eskalieren und die Anhänger des FC St. Pauli verstummen. Als der Schlusspfiff ertönte und die Spieler zu Boden sanken, ertönte das Lied „You’ll never walk alone“. Die Heimfans hielten ihre Schals in die Höhe und feierten ihr Team noch lange nach Abpfiff.
© dpa/Philipp Szyza