Vier Wochen sind es noch bis zum Eröffnungsspiel der WM in Mexiko-Stadt. Am vergangenen Donnerstag wurden jedoch gleich zwei Mannschaften in der mexikanischen Hauptstadt schon zum Weltmeister gekrönt.
Im olympischen Trainingskomplex in Oaxtepec, nur 50 Kilometer Luftlinie südlich des großen Aztekenstadions, fand diese Woche der „Street Child World Cup“ statt: ein vierjährliches Turnier, bei dem Straßenkinder aus aller Welt unmittelbar vor der großen WM auf einem Halbfeld gegeneinander antreten.
Das Ganze hat mittlerweile Tradition. Schon 2010 vor der WM in Südafrika wurde das Turnier erstmals von der Organisation „Street Child United“ organisiert. Seitdem fand es auch in Brasilien, Russland und Katar statt. Die Idee dahinter: Das Rampenlicht des großen Fußballgeschäfts für einen guten Zweck nutzen. In diesem Jahr, in dem das Fifa-Turnier immer groteskere Züge annimmt, taugt der Street Child World Cup mehr denn je als eine Art Anti-WM.
„In den letzten Tagen war es wie Karneval hier“, sagte Street-Child-United-Sprecher Hector Johnson Stewart am Telefon kurz vor dem Endspiel. Insgesamt sind hier 30 Mannschaften aus 20 Ländern vertreten, von Palästina und Pakistan bis England und Wales. Auch Deutschland ist mit einem Mächenteam aus Köln und einem von Borussia Dortmund unterstützten Flüchtlingsteam aus Mexiko dabei.
Die Teilnehmer sind in allen Fällen „straßenverbundene Jugendliche“, die einen Großteil ihrer Kindheit außerhalb eines sicheren Umfelds verbringen müssen. Einige leben ganz auf der Straße, andere müssen dort arbeiten, statt in die Schule zu gehen. Kinder also, die im Alltag Gefahren wie Drogen und Gewalt ausgesetzt sind und weit entfernt von der heilen Welt des globalen Fußballs leben.
Die Fifa fällt nur durch ihre Abwesenheit auf
Trotz geografischer und zeitlicher Nähe hat dieses Turnier nichts mit der großen WM zu tun. Eine „informelle Beziehung“ zur Fifa gibt es zwar schon, doch in der Realität fällt der Weltverband nur durch seine Abwesenheit auf. Auch der Austragungsort in Oaxtepec sagt vieles über das aktuelle WM-Jahr aus. Wie die Organisatoren mitteilen, sollte der Street Child World Cup 2026 eigentlich in den USA stattfinden. Das sei aber wegen „Problemen mit der Immigration“ unmöglich gewesen.
So landete man stattdessen in Mexiko, wo man auf viel Unterstützung gestoßen ist. Neben der lateinamerikanischen Fußball-NGO Futbol Más wird das diesjährige Turnier auch von der mexikanischen Regierungsbehörde IMSS gefördert. Auf der Abschlussveranstaltung am Donnerstag traten neben Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum auch Bono und sein U2-Kollege The Edge auf.
Viele der Mädchen sagen, sie hätten sich hier so frei gefühlt, als wären sie eine ganz neue Person.
Tuğba Tekkal, ehemalige Bundesligaspielerin und Gründerin von „Scoring Girls“
Was für die mexikanische Regierungschefin eine günstige Gelegenheit ist, sich mit Rockstars und Menschenrechtsaktivisten fotografieren zu lassen, ist für die teilnehmenden Jugendlichen aber eine lebensverändernde Erfahrung.
„Viele der Mädchen sagen, sie hätten sich hier so frei gefühlt, als wären sie eine ganz neue Person“, sagt die ehemalige Bundesligaspielerin Tuğba Tekkal, deren Fußballinitiative „Scoring Girls“ ein Team von zehn jungen Spielerinnen aus Köln mitgebracht hat.
© Street Child United/Futbol Más Mexico
Die Initiative ist Teil der von Tekkal gegründeten Menschenrechtsorganisation „Hawar Help“, deren Schwerpunkt auf den Opfern des Völkermords an den Jesiden liegt. Zur Mannschaft in Mexiko gehören aber nicht nur Deutsche mit jesidischem Hintergrund, sondern ebenso Kölner Mädchen aus den verschiedensten Gemeinschaften. Mit der Teilnahme wolle man zeigen, „dass Deutschland nicht nur Deutschland ist, sondern ein Einwanderungsland mit vielen Facetten“.
Der Fußball ist nur ein Teil des Ganzen. Parallel zum Turnier nehmen die Jugendlichen außerdem an einem Kulturprogramm teil, in dem sie zusammen an Tanz- und Musikvorstellungen sowie gemeinsamen Kunstprojekten arbeiten. Zum Schluss findet die Generalversammlung statt, bei der die Mannschaften verschiedene Forderungen an ihre jeweiligen nationalen Regierungen formulieren.
Laut den Organisatoren sei es wichtig, dass man mit dem Turnier eine Plattform biete, auf der die Kinder auf ihre eigenen Erfahrungen und Bedürfnisse aufmerksam machen können. Im besten Fall soll diese Arbeit auch zurück in der Heimat weitergehen. Nach dem Street Child World Cup 2018 etwa setzte sich das Mädchenteam aus Bolivien erfolgreich dafür ein, dass die Regierung bessere Geburtsanmeldungsprozesse im ländlichen Gebiet einführte, um tausenden von bolivianischen Kindern eine amtliche Identität zu geben.
Ob es auch dieses Jahr zu solchen konkreten Erfolgen kommen wird, bleibt unklar. Immerhin konnten sich Mexiko (bei den Mädchen) und Brasilien (bei den Jungen) am Donnerstag über einen vorzeitigen Weltmeistertitel freuen.