Wer sehen wollte, der hätte es schon sehr viel früher sehen können. An einem der ersten Tage des neuen Jahres nämlich, als Borussia Mönchengladbach im Trainingslager in der Türkei ein Testspiel gegen Hannover 96 bestritt.
Das Spiel war eine eindeutige Angelegenheit. 3:0 hieß es am Ende. Für Hannover, den Tabellenfünften der Zweiten Liga. Die 96er ließen den Ball laufen, der Erstligist aus Mönchengladbach hechelte hilf- und weitgehend planlos hinterher.
Für Borussias Trainer Eugen Polanski war das trotzdem kein Grund zu besonderer Besorgnis. Die Relevanz für den bevorstehenden Re-Start nach der Winterpause bezifferte er damals auf „null Komma null“. Und es schien, als sollte er Recht behalten. Nur wenige Tage nach der Niederlage gegen Hannover gewannen die Gladbacher ihr erstes Pflichtspiel des Jahres 4:0 gegen den FC Augsburg.
Den Trainer lassen wir mal außen vor. Eugen wird uns über den Strich führen.
Borussias Sportchef Rouven Schröder
Inzwischen weiß man: Dieser Erfolg war trügerisch. Von den vierzehn Spielen seitdem hat Polanskis Team nur noch zwei gewonnen. Und jetzt, da die Saison in ihre entscheidende Phase geht, ist selbst das Schlimmste, der Abstieg aus der der Fußball-Bundesliga, nicht mehr auszuschließen – obwohl die Borussen immer noch fünf Punkte Vorsprung auf den Relegationsrang haben und sogar sieben auf den Vorletzten Wolfsburg.
Dass die Zweifel rund um die Borussia trotzdem riesig sind, liegt vor allem an den spielerischen Darbietungen des Teams. Selbst von Mannschaften, denen die Gladbacher nominell eigentlich überlegen sind, sind sie zuletzt regelrecht hergespielt worden. So wie schon zu Jahresbeginn vom Zweitligisten Hannover.
Im Heimspiel gegen den damaligen Tabellenvorletzten St. Pauli war das – zumindest zeitweise – so. Genau wie beim 0:0 gegen den Aufsteiger Hamburger SV, als die Gladbacher 27 Torschüsse zuließen. Oder beim 1:1 gegen Werder Bremen, als die Borussen lediglich 36 Prozent Ballbesitz hatten. Und selbst zu Hause, beim 2:2 gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten Heidenheim, war es nicht anders.
Unter all den biederen Teams der an biederen Teams nicht armen Bundesliga sind die Gladbacher im Moment das vielleicht biederste. An diesem Samstag nun müssen sie beim VfL Wolfsburg antreten – unter denkbar ungünstigen Vorzeichen. Denn unmittelbar vor diesem womöglich vorentscheidenden Duell im Abstiegskampf hat das Momentum noch einmal die Seiten gewechselt.
„So langsam greifen die Dinge, wie ich sie mir vorstelle“, sagt Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking, der genauso wie sein Gegenüber Polanski sowohl als Spieler wie als Trainer bei den Gladbachern angestellt war. Die Wolfsburger haben in einem schon aussichtslos erscheinenden Kampf gegen den Abstieg wieder Hoffnung geschöpft.
Das Momentum hat die Seiten gewechselt
Nach zwölf vergeblichen Versuchen haben sie am vergangenen Wochenende durch das 2:1 beim 1. FC Union ihren ersten Sieg in der Rückrunde gefeiert. „Man merkt schon, dass so ein Sieg was bewirkt“, sagt Hecking. „Da ist eine Erleichterung zu spüren.“
Bei den Gladbachern hingegen ist die Stimmung auf dem vorläufigen Tiefpunkt angelangt. Im Heimspiel gegen Mainz 05 führten sie bis in die letzte Minute der Nachspielzeit mit 1:0, verschuldeten dann aber auf selten dämliche Weise einen Foulelfmeter und mussten sich am Ende mit einem Unentschieden bescheiden.
Späte Gegentore sind für die Gladbacher längst zu einer lästigen Gewohnheit geworden. In Leipzig kassierten sie in der Schlussphase den Treffer zum finalen 0:1, gegen Bremen und Köln jeweils spät den Ausgleich.
Pech? Eher nicht. Sondern gewissermaßen systemimmanent – weil die Gladbacher sich inzwischen mit aller Konsequenz dem Fußballspielen verweigern.
Das Restprogramm der Abstiegskandidaten
1. FC Union, 32 Punkte, -18 Tore, Platz 11
- Leipzig (A), Köln (H), Mainz (A), Augsburg (H)
Köln, 31 Punkte, -7 Tore, Platz 12
- Leverkusen (H), 1. FC Union (A), Heidenheim (H), Bayern München (A)
Mönchengladbach, 31 Punkte, -14 Tore
- Wolfsburg (A), Dortmund (H), Augsburg (A), Hoffenheim (H)
Hamburger SV, 31 Punkte, -15 Tore
- Hoffenheim (H), Frankfurt (A), Freiburg (H), Leverkusen (A)
Bremen, 31 Punkte, -18 Tore
- Stuttgart (A), Augsburg (H), Hoffenheim (A), Dortmund (H)
St. Pauli, 26 Punkte, -25 Tore
- Heidenheim (A), Mainz (H), Leipzig (A), Wolfsburg (H)
Wolfsburg, 24 Punkte, -25 Tore
- Mönchengladbach (H), Freiburg (A), Bayern München (H), St. Pauli (A)
Heidenheim, 19 Punkte, -33 Tore
- St. Pauli (H), Bayern München (A), Köln (A), Mainz (H)
Nach dem 1:1 gegen Mainz verteidigte Trainer Polanski die Herangehensweise – tief stehen, massiv verteidigen und auf Konter spielen – als legitim. Die Ausführung seines Plans durch die Mannschaft aber war mangelhaft. Die Mainzer, noch drei Tage zuvor im Europapokal im Einsatz, konnten weitgehend unbehelligt schalten und walten. Müde und abgeschlafft wirkten nur die Gladbacher.
„Gefühlt waren wir mausetot auf dem Platz“, sagte Borussias Torhüter Moritz Nicolas. „Wir schaffen es nicht, auch mal Ballbesitz zu haben und das Spiel in die gegnerische Hälfte zu verlagern.“ In der letzten halben Stunde des Spiels kam sein Team zu keinem einzigen Torschuss mehr – Mainz hatte noch sieben und in dieser Phase fast 80 Prozent Ballbesitz.
In solchen Situationen wirken die Borussen regelrecht hilflos. Die Spieleröffnung sieht so aus, dass die Bälle hoch und weit Richtung Mittelstürmer Haris Tabakovic geschlagen werden, der sie allerdings nur selten behaupten kann. Trotzdem versuchen die Gladbacher es – gegen jede Vernunft – wieder und wieder auf diese Art.
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Es sind nicht nur diese mangelhaften Bemühungen auf dem Feld, die Zweifel an Trainer Polanski nähren. Es sind auch dessen zunehmend seltsame Analysen des Geschehens und seine verquere Sicht auf die Dinge.
Gegen Mainz wollte Borussias Trainer nie das Gefühl gehabt haben, dass noch etwas passieren könne. Damit stand der 40-Jährige ebenso alleine wie mit der Einschätzung, dass seine Mannschaft keinen schlechten Fußball gespielt habe.
Sportchef Schröder verlangt besseren Fußball
Polanski, der es als Spieler bei Borussia aus der eigenen Jugend in die Bundesliga geschafft hat und zuvor Coach der U 23 war, ist erst zu Saisonbeginn als Nachfolger des Schweizers Gerardo Seoane zum Cheftrainer befördert worden. Der Reiz des Neuen aber hat sich längst verflüchtigt. Polanskis Punkteschnitt ist nach 27 Spielen in der Bundesliga (1,13) inzwischen sogar schlechter als der des ungeliebten Seoane (1,16).
„Natürlich müssen wir besser Fußball spielen“, hat Borussias Sportchef Rouven Schröder nach der Enttäuschung gegen Mainz gesagt. „Wenn du dich einigelst, wird es auf Dauer nicht reichen.“
Solche Aussagen kann man durchaus als Kritik am Trainer und dessen Spielidee lesen. Schröder aber hat Polanski, dessen Vertrag noch bis 2028 läuft, fürs Erste den Rücken gestärkt und ihm das Vertrauen ausgesprochen. „Den Trainer lassen wir mal außen vor“, erklärte er. „Eugen wird uns über den Strich führen.“ Nach der Saison werde man dann kritisch hinterfragen, „ob uns das reicht“.
Zumindest ist das der Plan. Aber wenn es ganz dumm läuft, werden sich Sportchef Schröder und Borussias Führung diese Frage sogar noch vor dem Ende der Saison stellen müssen. Am Montag steht bei den Gladbachern die Jahreshauptversammlung an.