Wie Geister flüchteten die Spieler von Real Madrid am Mittwochabend aus der Münchner Arena an der Presse vorbei. Éder Militão und Eduardo Camavinga mieden jeglichen Augenkontakt. Trent Alexander-Arnold trug Kopfhörer. Kylian Mbappé und Fede Valverde winkten leicht genervt ab.
Nur Jude Bellingham und Antonio Rüdiger ließen sich zu einem Kommentar hinreißen. „Gelb war es nicht“, brüllte der Engländer. Rüdiger schüttelte nur den Kopf: „Es ist besser, dass ich heute nichts sage.“
So war der Tenor bei Real nach der 3:4-Niederlage beim FC Bayern München: Für das Ausscheiden aus der Champions League war wieder nur einer verantwortlich: der Schiedsrichter. Weil er in der 86. Minute beim Stand von 3:2 für Real Camavinga die gelb-rote Karte gezeigt hatte.
Kit Holden verfolgte das Viertelfinale in der Münchner Arena und war nicht überrascht von den Reaktionen der Madrilenen.
Dass Madrid die Schuld bei dem Unparteiischen sucht, ist bekanntlich nichts Neues. Beim spanischen Rekordmeister wittert man seit Jahren hinter jeder Schiedsrichterentscheidung eine mögliche Verschwörung.
Aber selbst für die Verhältnisse der Königlichen waren das peinliche Szenen, die sich nach Schlusspfiff in München abspielten.
Schlimm genug, wie Bellingham und seine Mitspieler zunächst den Schiedsrichter und dann den vierten Offiziellen nach dem Spiel aggressiv über den Platz verfolgten und anschrien. Fast noch schlimmer war die Art und Weise, mit der sich Real-Trainer Álvaro Arbeloa über die vermeintliche Ungerechtigkeit beschwerte.
„Das ist etwas, was keiner verstanden hat“, sagte er. „Wie kann man einen Spieler in einem solchen Spiel für so etwas vom Platz verweisen? In diesem Moment war die Partie verloren.“
Letzterem würde keiner widersprechen. Auch die Bayern-Spieler Harry Kane und Luis Díaz gaben nach dem Spiel zu, dass die gelb-rote Karte am Ende wohl entscheidend war. Mit dem Rest seiner Aussage hat Arbeloa aber nur entlarvt, wie verkehrt die Logik des Profifußballs manchmal ist.
Umsetzung der Regel
Der Trainer regte sich nämlich nicht über den Inhalt der Entscheidung auf. Camavinga hatte sich den Ball geschnappt und die Spielfortsetzung damit bewusst verzögert. Gelb war also durchaus berechtigt.
Für Real Madrid war der Platzverweis eine grobe Ungerechtigkeit. Doch damit zeigten die Blancos nur, wie weit sie mittlerweile vom gesunden Menschenverstand entfernt sind.
Kit Holden
Arbeloa juckte vielmehr der Kontext. Gelb konnte man für solch ein Delikt schon geben, so der Unterton seiner Aussagen. Aber nicht gelb-rot, nicht in einem solchen Moment, bei einem solchen Spiel und gegen einen Verein wie Real Madrid.
Lesermeinungen zum Artikel
„Der Artikel bringt es auf den Punkt. Das Jammern ist nicht nur peinlich, sondern wohl auch Strategie der Einschüchterung. Jeder Schiedsrichter weiß, dass er bei Entscheidungen gegen Real doppelt unter Kritik stehen wird wie bei jedem anderen Verein.
Siehe auch der absurd lächerliche Boykott gegen die Verleihung des Titels als Weltfussballer und damals die teils ins Persönliche gehende Kritik an Schiedsrichtern schon vor den Spielen von offizieller Vereinsseite.
Es gibt nur einen einzigen Verein, dem ich derzeit gar nichts gönne, weil er sportliche Werte systematisch mit Füßen tritt.“
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Tatsächlich sieht man das auch selten. In der Regel scheuen sich Schiedsrichter vor solchen Entscheidungen – auch aus Angst vor den Reaktionen. In diesem Fall hatte der Unparteiische aber scheinbar vergessen, dass Camavinga überhaupt schon gelb gesehen hatte.
Für Real Madrid war das eine grobe Ungerechtigkeit. Doch damit zeigten die Blancos nur, wie weit sie mittlerweile vom gesunden Menschenverstand entfernt sind.
Denn das, was sie so unfassbar wütend machte, war am Ende doch nur die korrekte Umsetzung der Regeln.