Wie Fußballer sahen die Spieler von Real Madrid eher nicht aus, als sie vor dem Umziehen noch im Mittelkreis der Münchner Arena herumschlenderten. In ihren schwarzen Jacken und schwarzen Anzughosen wirkten sie eher wie ein Trüppchen Bühnenhelfer, die sich kurz vor der Aufführung hinter dem Theater noch eine letzte Kippenpause gönnten.
Und war das wirklich Fußball, was sich in den folgenden Stunden in München-Fröttmaning dann abspielte? Oder doch eher eine wilde Form des Theaters? Dramatisch war es allemal: eine Achterbahnfahrt mit sieben Toren, zahlreichen Handlungswendungen und am Ende einem famosen 4:3-Sieg für den FC Bayern.
Weniger hatte man hier auch nicht erwartet. Nicht nur auf dem Platz, sondern überall in München sah man an diesem Abend den Adel des europäischen Fußballs. Laudrup. Gerrard. Del Piero. Das war ein Gala-Abend, den keiner verpassen wollte. „Tage wie dieser sind das Salz in der Suppe“, sagte Bayerns Stadionsprecher Stephan Lehmann vor der Partie. „Die halbe Welt schaut im Fernsehen zu.“
Auch Bayern-Präsident Herbert Hainer sprach später von „einer Milliarde Menschen“, die das Spiel weltweit verfolgt hätten. Doch an diesem Abend ging es weniger um das glitzernde TV-Produkt Champions League. Es war vielmehr eine echte Europapokalnacht, in der plötzlich alles auf das Hier und Jetzt ankam.
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„Die besten Worte für die Bedeutung dieses Sieges sind vielleicht die Bilder, wie die Jungs mit den Fans gejubelt haben“, sagte Bayern-Trainer Vincent Kompany in der Pressekonferenz. „Das bleibt bei mir hängen: dieser totale Zusammenhalt.“
Neunzig Minuten sind im Bernabéu sehr lang, hieß es in der Vergangenheit oft, als Real im Rückspiel einen Rückstand drehen musste. Jetzt, wo sie selbst zu Hause spielten, wollten sich die Münchner dieses Motto zu eigen machen, und ihre Arena in einen Hexenkessel verwandeln.
Das war ein großartiges Spiel mit viel Ebbe und Flut.
Harry Kane
Eine Herkulesaufgabe, hätte manch ein Skeptiker vielleicht spotten können. Doch der Plan ging zunächst tatsächlich auf. Eine Stunde vor Anpfiff platzte die Südkurve bereits aus allen Nähten. Und schon beim Aufwärmen war das Stadion so laut wie wohl selten in den zwei Jahrzehnten seit seiner Eröffnung.
Nach etwa 45 Sekunden hörte man jedoch nur noch die Gästefans. Aufgrund des frühen Patzers von Manuel Neuer war Bayern schon in der ersten Minute in Rückstand geraten. Der Vorteil aus dem Hinspiel war weg. Das Skript lag vergessen im Mülleimer und die Bühnenhelfer hatten das ganze Schauspielhaus erobert.
© imago/Eduard Martin
Ruhig wurde es auch ein paar Mal danach. Etwa als Güler das zweite Tor per direktem Freistoß schoss und Neuer schon wieder schlecht aussah. Oder als der Ball zu Harry Kane im Strafraum fiel und das ganze Stadion kurz den Atem anhielt, bevor der Stürmer ihn mit einem kühlen Abschluss ins rechte Eck ballerte.
„Das war ein großartiges Spiel mit viel Ebbe und Flut“, sagte Kane nach dem Spiel. „Gerade in der ersten Halbzeit war es deshalb auch ziemlich einzigartig, aber wir haben es geschafft, weil wir geduldig geblieben sind.“
Vor allem wussten die Bayern, die Wellen zu reiten. Nicht nur die großen Chancen, sondern auch die kleineren Erfolge wurden zu Momenten der Ekstase. Ein gewonnener Zweikampf nach Ballverlust von Dayot Upamecano. Eine Reflex-Parade, mit der sich Neuer nach seinem Patzer rehabilitierte.
So taumelten die Münchner bis in den letzten Akt durch, wo sie nach der gelb-roten Karte für Eduardo Camavinga plötzlich in Überzahl spielten. Während die Spanier an der Situation zerbrachen, schlugen die Bayern erst durch Díaz und dann durch Michael Olise zu. Als dessen Schuss in letzter Sekunde über den Innenpfosten im Tor landete, gab es weder Fußball noch Theater in der Arena. Sondern nur noch Lärm.
Mit dem Sieg steht Bayern im Halbfinale, wo die Mannschaft in zwei Wochen auf Paris Saint-Germain treffen wird. Ein Test, der mindestens genauso schwierig sein wird. Darüber wollte am Mittwochabend noch keiner groß reden. Für den Moment ging es nur darum, den Sieg mit den Fans zu genießen, und die Schönheit dieses wilden Spiels mit all seinen Aufs und Abs noch mal aufzusaugen.
„Europapokal, Europapokal“, sang die Südkurve, als ob sie die reine Existenz des Turniers bejubeln wollte. Nach einem solchen Abend war das eigentlich nur verständlich.