Julian Nagelsmann musste man sich am späten Montagabend in Stuttgart als halbwegs glücklichen Menschen vorstellen. Zumindest fand der Bundestrainer, dass das Testspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Ghana aus seiner Sicht top gelaufen sei. Schöner hätte er sich diese Partie in seiner Fantasie vermutlich kaum ausmalen können.
Stefan Hermanns ist Redakteur im Sportressort und saß schon 2002 als Berichterstatter auf der Tribüne in Stuttgart, als die Deutschen dort ihren letzten Test vor der WM 0:1 gegen Argentinien verloren.
Dem 4:3 in der Schweiz vom Wochenende ließen die Deutschen in Stuttgart einen zweiten knappen Sieg folgen. 2:1 hieß es am Ende gegen Ghana – weil der eingewechselte Deniz Undav zwei Minuten vor dem Ende doch noch den entscheidenden Treffer erzielte. Die Deutschen wollten diesen Sieg unbedingt, nachdem sie 20 Minuten vor Schluss den Ausgleich kassiert hatten.
Es war letztlich kein glanzvoller Erfolg, der die Stimmung im Land mit Blick auf die Weltmeisterschaft in drei Monaten in übertrieben euphorische Höhen gejagt hätte. Aber genau deshalb war dieser Abend für Julian Nagelsmann so wertvoll. Undavs spätes Tor verhinderte zum einen jeden Anflug von Zweifeln, die es bei einem Unentschieden mit Sicherheit gegeben hätte.
Zum anderen zeigte der Verlauf des Spiels mit seinen finalen Wendungen aber auch, dass zu Übermut kein Anlass besteht. Dafür war dieser Sieg gegen einen allenfalls mäßigen Gegner dann doch zu mühsam. (Nur am Rande: Gegen Österreich hatten die Ghanaer am Wochenende 1:5 verloren.)
Insofern lieferte das Spiel in Stuttgart dem Bundestrainer und seinen Spielern viel wertvolles Material für die konkrete Vorbereitung auf die WM in Nordamerika. Die ersten 20 Minuten haben gezeigt, wozu die Mannschaft in der Lage ist, wenn sie einem klaren Plan folgt und entschlossen zu Werke geht. In dieser Phase ließen die Deutschen den Ghanaern kaum Luft zum Atmen.
Aber die Partie zeigte eben auch, dass die Mannschaft sich noch zu leicht von ihrem Weg abbringen lässt; dass sie einen Hang zu übertrieben viel Freestyle hat, wie Nagelsmann beklagte, und sich das Leben damit immer wieder selbst schwer macht.
Durch ihre Nachlässigkeit ließen die Deutschen einen Gegner, der zuvor nur bedingt satisfaktionsfähig gewesen war, allzu leicht ins Spiel zurückfinden. Gerade bei einem großen Turnier mit – im Idealfall – fünf K.-o.-Spielen sollte man sich solche Nachlässigkeiten lieber ersparen.
Um erfolgreich zu sein, braucht es bei der Weltmeisterschaft ein hohes Maß an Seriosität. Auch im Umgang mit der eigenen Überlegenheit.