Dieser Teufel brennt wirklich nicht mehr. Mit hängenden Schultern schlurft er in seinem schwarz-roten Gewand im Innenbereich bei den Sixdays im Berliner Velodrom herum. Die Fahrer ein paar Meter neben ihm jagen immer noch durchs Oval, und auch die Musik – nach AC/DC läuft jetzt Jon Bon Jovi – will nicht stoppen.
Seine Mistgabel schleift am Boden, der Abend ist spät. Ein paar Kinder sind in seinem Schlepptau. Er mag nicht mehr, aber Kinder können unerbittlich sein. Sie leiern dir alles aus dem Kreuz. Der Teufel jedenfalls streckt die Waffen, stellt sich hin und lässt Fotos von sich und den Kindern machen.
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Der Teufel, das ist Didi Senft, Deutschlands bekanntester Radsportfan, vielleicht der bekannteste Radsportfan der Welt. Seit Jahrzehnten besucht der Brandenburger die großen Radsportevents. Freunde des Sports kennen ihn, wie er bei den großen Rundfahrten mit seinem Dreizack den Fahrern hinterherrennt und sie anfeuert. In seinen besten Zeiten hatte er sogar Sponsoren, weil die Kameras ihn so gerne einfingen.
Nun also, an diesem Wochenende, wieder die Sixdays, die diesen Namen bei Gott nicht mehr verdienen. Das Rennen ist zusammengestutzt worden auf zwei Tage. Der Teufel Didi Senft schwelgt in Erinnerungen. „Ich weiß noch, beim Sechstagerennen, der Dienstag, der letzte Tag, wenn es um die Wurst ging. Das war so unfassbar laut, man hat nichts mehr verstanden“, erzählt er. „Das war schön.“
Es war schön, und es waren andere Zeiten. Senft ist dem Radsport schon seit Ewigkeiten verbunden. Er selbst hatte Ende der Sechzigerjahre als Junior an den Berliner Winterbahnrennen in der Seelenbinderhalle teilgenommen.
Auf der anderen Seite der Stadt, im Sportpalast, roch es damals beim Sechstagerennen nach Schweiß und Zigarettenrauch, die Fahrer verhökerten ihre Gewinne – Fernseher, Kaffeemaschinen und so weiter. Vor allem aber: Das Volksfest Sechstagerennen war fast immer voll, ein echter Publikumsmagnet.
© IMAGO/frontalvision.com
Heute sind die zwei Tage eine Randnotiz. Aus den vielen Sixdays in Deutschland sind nur noch zwei übrig geblieben – Bremen und eben Berlin. Der Dinosaurier des Sports befindet sich gefühlt auf den letzten Metern. Er passt nicht mehr in die Zeit. Aber immerhin: Er zuckt noch.
Am Freitag wollen sich immerhin rund 6500 Menschen die Hatz durchs Oval ansehen, am Samstag soll es fast ausverkauft sein. Auch wenn ein Rekordversuch über 1000 Meter am Freitag ausfallen muss, gibt es ein paar schöne Höhepunkte.
Etwa das Comeback des 38 Jahre alten Sprinters Maximilian Levy, der prompt auch die erste Disziplin gewinnt. Oder das wahnsinnig enge Verfolgungsrennen im Madison, im Derny-Rennen, in dem sich Roger Kluge um wenige Zentimeter durchsetzt. Das Publikum johlt, in diesen Momenten erschließt sich, weshalb die Menschen die Sixdays über mehr als hundert Jahre ins Herz geschlossen haben.
Je später der Abend, desto lichter die Ränge
Aber je später der Abend, desto lichter die Ränge – und desto erschöpfender wirkt das Programm mit der gähnend langen großen Jagd am Ende.
Die Zuschauer sind recht alt, und in Zeiten, in denen die Aufmerksamkeitsspanne rapide abgenommen hat, wird es schwer, jüngere Menschen für die längeren Rennen zu begeistern.
Die Veranstalter um den Letten Valts Miltovics haben in den vergangenen Jahren alles Erdenkliche versucht. Sie wollten wegen der sinkenden Zuschauerzahlen die Sixdays abstauben, modernisieren, mussten aber gleichzeitig aufpassen, nicht zu viel von der alten Patina abzutragen.
Denn klar: Für die meisten Besucher ist der Besuch der Sixdays eine Flucht in eine andere Zeit. Es laufen die alten Hits, es fahren die bekannten Gesichter.
An diesem Wochenende zum Beispiel neben Levy der fast 40 Jahre alte Robert Förstemann, auch „Mr. Oberschenkel“ oder – wegen seines Oberschenkelumfangs von rund 73 Zentimetern (es war sogar einmal von bis zu 76 Zentimetern die Rede) – „Quadzilla“ genannt.
Wenn der muskelbepackte Förstemann in die Pedale tritt, dann ertönt seit Ewigkeiten Rammstein aus den Hallenlautsprechern. Und unten, im Innenbereich, da läuft der Teufel herum und hebt seinen Dreizack, wenn die Zuschauer zu einem Liedchen anstimmen. So ist es immer gewesen, und so soll es möglichst noch lange sein.