Mitte der zweiten Halbzeit griff Stefan Leitl zu einem Mittel, dem er erst zwei Tage zuvor sehr vehement abgeschworen hatte. Mitte der zweiten Halbzeit im Spiel gegen den Karlsruher SC zog der Trainer von Hertha BSC Michael Cuisance von der Zehnerposition zurück auf die Doppelsechs. Er tat es nicht gerne. Die Umstände zwangen ihn dazu.
Die Umstände: Der Berliner Fußball-Zweitligist lag 1:2 beim KSC zurück. Seit nunmehr 40 Spielminuten mühte sich Leitls Mannschaft vergeblich um den Ausgleich. Um den Druck zu erhöhen, brachte Herthas Trainer mit Dawid Kownacki einen zweiten Stürmer und mit Jeremy Dudziak eine frische Kraft für die offensive Außenbahn. Cuisance rückte eine Reihe nach hinten, um aus der tieferen Position Herthas Spiel zu strukturieren.
So endete für Kevin Sessa nach 65 Minuten der Arbeitstag im Karlsruher Wildpark. Herthas Mittelfeldspieler hatte erstmals in dieser Saison bei einem Ligaspiel in der Startelf der Berliner gestanden und den vermutlich viele Wochen fehlenden Kennet Eichhorn ersetzt.
Wir bringen uns um den verdienten Lohn – Woche für Woche.
Herthas Kapitän Fabian Reese
Gemessen an seinen bisherigen, oft erratischen Auftritten für Hertha erledigte Sessa seinen Job durchaus anständig – nicht nur, weil er in der Anfangsviertelstunde mit einer Balleroberung und seinem Zuspiel auf Fabian Reese, dessen viertes Saisontor zum zwischenzeitlichen 1:1 vorbereitete.
Für das letzte Viertel des Spiels aber wollte Stefan Leitl mehr Wucht von seiner Mannschaft sehen. Deshalb die Umstellungen und deshalb Sessas Auswechslung. Denn allen Verletzungsproblemen zum Trotz besitzt Herthas Trainer immer noch genügend Möglichkeiten, um von außen auf das Spiel einzuwirken.
Christian Eichner jedenfalls, der Trainer der Karlsruher, beobachtete das muntere Wechselspiel an der Seitenlinie mit zunehmendem Schrecken. „Irgendwann wollte ich zu Stefan rüberrufen: ,Jetzt reicht’s dann mal mit den Spielern, die du reinwirfst!’ Gefühlt wurde es immer mehr an Qualität, was Stefan nachgeschossen hat.“
Vor allem Dudziak brachte neuen Schwung ins Spiel der Gäste. Gut zehn Minuten vor dem Ende vollendete der 30-Jährige einen perfekten Angriff, den Michael Cuisance eingeleitet hatte, zum verdienten Ausgleich und 2:2-Endstand. Nach Reeses Zuspiel tunnelte Dudziak seinen Gegenspieler Marcel Franke. Hans-Christian Bernat im Tor des KSC hatte keine Abwehrchance.
Erst vor einer Woche, beim 0:0 gegen Tabellenführer Schalke, hatte Dudziak nach fast anderthalb Jahren Pause sein Comeback für Herthas Profis gefeiert; am Samstag nun in Karlsruhe erzielte er sein zweites Tor für die Berliner und zeigte – wie schon gegen Schalke –, dass er seiner Mannschaft eine Menge geben kann.
Als einer der besten Mittelfeldspieler der Zweiten Liga ist Dudziak schon im Sommer von seinem Trainer bezeichnet worden. Wohl dem, der einen solchen Spieler von der Bank bringen kann. Dass Herthas Kader über viel individuelle Qualität verfügt, war auch in Karlsruhe wieder zu sehen.
© dpa/Bernd Weißbrod
Nicht zuletzt dank dieser Qualität bestimmten die Berliner in der zweiten Halbzeit das Geschehen, sie dominierten ihren Gegner und ließen die vor der Pause mindestens ebenbürtigen Karlsruher nicht mehr zur Entfaltung kommen. „Wir haben sehr leiden müssen“, sagte KSC-Trainer Eichner.
So waren Herthas Ausgleich und der daraus resultierende Punktgewinn am Ende mehr als verdient – zugleich aber auch viel zu wenig. In jeder Hinsicht: sowohl nach der Leistung als auch mit Blick auf die Tabellensituation. „Ich kann nicht so viel mit dem Punkt anfangen“, sagte Leitl.
Der KSC machte mehr aus seinen Chancen
Wie schon gegen Schalke wurde Hertha Opfer der eigenen Unzulänglichkeit beim Abschluss. Vor der Pause lief Luca Schuler allein auf Bernat zu – und setzte den Ball am Tor vorbei. Nach der Pause lief Luca Schuler allein auf Bernat zu – und scheiterte an Karlsruhes Torhüter.
Während der KSC, gemessen an der Qualität seiner Chancen, fast das Doppelte aus seinen Möglichkeiten gemacht hatte, nämlich zwei Tore aus 1,02 expected Goals, fiel Herthas Ertrag bei 2,59 expected Goals erneut deutlich zu dünn aus. „Wir bringen uns um den verdienten Lohn – Woche für Woche“, klagte Kapitän Fabian Reese.
Nachdem die Berliner im Herbst mit einem beherzten Zwischenspurt und sieben Pflichtspielsiegen nacheinander den Kontakt zu den Aufstiegsplätzen hergestellt hatten, laufen sie jetzt Gefahr, den Anschluss wieder zu verlieren. Ihrer Siegesserie folgten fünf Spiele ohne Sieg. Die jüngsten vier Begegnungen endeten alle unentschieden – und jede einzelne hätte Hertha gewinnen können, ja müssen.
Schon in der Vorrunde musste die Mannschaft unter dem schwachen Start in die Saison leiden. Erst am fünften Spieltag konnte sie erstmals gewinnen. Nach der Winterpause droht Hertha ein ähnliches Schicksal, verbunden mit der Sorge, dass der Traum vom Aufstieg allzu schnell ausgeträumt sein könnte.
Trainer Leitl wollte sich daher nicht recht freuen über das späte Tor und den Punkt – „weil wir uns durch die beiden Ergebnisse in der Rückrunde unter Druck gesetzt haben“. Schon das nächste Spiel werde seine Mannschaft „gewinnen müssen, um oben dranzubleiben“.
Am Sonntag kommt der Tabellenzweite Darmstadt 98 ins Olympiastadion. Ihre letzte Niederlage haben die Darmstädter im Oktober kassiert.