Für Lukas Dauser ist es eine neue Erfahrung. Im Hemd statt im Trikot tritt der Olympiazweite an den Barren, schwingt sich an den beiden Holmen hinauf, während gleißendes Licht ihm zeitweise die Augen blendet. Er muss seine Felgen und Handstände dann so auf die Musik abstimmen, dass ihm am Ende eine Punktlandung gelingt.
Nach seinem Karriereende ist der Weltmeister von 2023 zum ersten Mal dabei, beim „Feuerwerk der Turnkunst“, das an diesem Sonntag (14 und 19 Uhr) mit der aktuellen Auflage „Viva“ in der Berliner Uber Arena gastiert. Innerhalb von 30 Tagen gilt es für den 32-Jährigen und die anderen 60 Mitwirkenden aus acht Nationen, 37 Vorstellungen zu absolvieren.
An Dausers Seite dreht sich dabei Andreas Toba um die Reckstange, der als Zweitplatzierter der Europameisterschaft am Königsgerät ebenfalls die internationale Wettkampfbühne verlassen hat. Als Hannoveraner kennt er die Show des Niedersächsischen Turner-Bundes schon länger, auch sein Vater Marius zeigte bei dieser einst in lustigen Varianten sein Können. Die Fäden hält dabei seit 40 Jahren Heidi Aguilar in der Hand, die jetzt zum letzten Mal Regie führt.
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Ihre Inszenierung ist längst weniger ein Abbild dessen, was in den Vereinen an Höchstleistungen geboten wird, als ein Programm von hochtalentierten Profis, die mit ihren spektakulären Darbietungen ansonsten eher im Zirkus oder im Varieté die Nerven kitzeln. Dabei begibt sich die 65-Jährige zusammen mit dem Produktionsteam stets auf die Suche nach dem Besonderen und findet es.
So sticht aus dem Bewegungsrausch dieses Mal die China National Acrobatic Troupe hervor, die neben einer ebenso geschmeidigen wie waghalsigen Kletterorgie an drei kippbaren Stangen mit einzigartiger Akrobatik auf Zweirädern verblüfft. Da laufen die einen an den fahrenden Bikern hoch, um sich von diesen mit Salti zu verabschieden, und ein Einzelner nutzt die Nacken einer ganzen Reihe von Stramplern, um einen längeren Fußweg zurückzulegen.
Doch auch vermeintlich Bekanntes beeindruckt mit neuen Noten. Das Duo Two on the Rope, Iurii und Maxim, erzählt mit flatternder Kleidung eine poetische Geschichte am Vertikalseil, das Trapezpaar Avital & Jochen beweist in höchstem Maße gegenseitiges Vertrauen und Präzision. Etwa, wenn sie sich bei der ausgefeilten Choreografie in großer Höhe fallen lässt, um jeweils sicher und in ausdrucksvoller Pose in seinen Händen zu landen. Und Seiltänzer Alexey Glavatskyi zeigt, dass er auf schmalem, wackligem Grat nicht nur stehen und gehen, sondern auch auf einem Stuhl sitzen und jonglieren kann.
Das Publikum wird auch einbezogen
Fetzigen Hip-Hop kombiniert die Formation Haribow aus Japan mit rasanten Skills beim Rope Skipping, Breakdance-Weltmeister Michael stemmt nicht nur die typischen Powermoves, sondern auch seine Partnerin Kira mit Leichtigkeit in die Höhe. Die begnadeten Körper der dänischen Gruppe „Motus“ lassen sich per Schleuderbrett in Mehrfach-Rotationen durch die Luft katapultieren, das ukrainische Duo Soulmates harmoniert bei einer kraftraubenden Performance an der „fliegenden Stange“, und Tim Höfel reiht BMX-Tricks in wilder Folge aneinander.
Wie es in einer modernen Manege heutzutage üblich ist, werden die einzelnen Nummern miteinander zu einem großen Ganzen verknüpft. Ein vielseitiges Showteam, das in bunten Kostümen die Lebensfreude verkörpert, von der der Titel zeugt, umtanzt und umspielt die jeweiligen Stücke und lenkt von nötigen Auf- und Umbauten ab.
Comedian und Sängerin Rosemie füllt den Rest der Lücken, ein wenig zu schwärmerisch, aber mit ganz eigenem Charme, schwäbischem Dialekt und ohne jegliche Berührungsängste. Wer nicht aufpasst im Publikum, muss damit rechnen, umarmt und gedrückt zu werden und irgendwann auf ihrer Bank zu landen.
Eine Live-Band unter der Leitung von Rick Jurthe gestaltet den zweieinhalbstündigen Abend mit eigens dafür komponierter Musik. Lateinamerikanische Rhythmen versprühen Energie, während die Artisten im Dauerduell gegen die Schwerkraft atemberaubende Erfolge erzielen.
Dauser kann sich vorstellen, noch mal mitzumischen, sollte die Tournee in seinen zukünftigen Alltag passen. Denn Teil dieses Feuerwerks zu sein, ist zwar selbst für einen Ausnahmekönner wie ihn herausfordernd, aber auch erfreulich belebend.