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Ein Loblied auf die Dritte Liga: Es gibt ihn noch, den echten Wettbewerb

2026-01-17
In sport Vom Stefan Hermanns

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Im März 1977 lief es nicht gut für den VfL Bochum. Durch eine 0:2-Niederlage beim Tabellennachbarn 1. FC Kaiserslautern war die Mannschaft in der Fußball-Bundesliga auf Platz 14 abgerutscht. Der VfL steckte in akuter Abstiegsgefahr. Doch das hielt Ottokar Wüst nicht davon ab, groß zu denken.

„Spätestens nächstes Jahr kämpfen wir um den Meistertitel“, verkündete der Präsident des VfL.

Heute müsste sich Ottokar Wüst nach einer solchen Aussage vermutlich fragen lassen, ob er eigentlich noch ganz dicht sei. Damals schien das offenbar niemanden zu stören. Warum auch? Der VfL hatte mit Heinz Höher einen jungen Trainer mit frischen Ideen, der bereits einige Jahre in Bochum arbeitete und damit beschäftigt war, sukzessive eine titelfähige Mannschaft aufzubauen.

Wahrscheinlich gibt es in der Bundesliga immer noch ein paar Heinz Höhers, die gut arbeiten, einen klaren Plan haben und kontinuierlich etwas aufbauen wollen. Doch wenn die Dinge sich langsam in die richtige Richtung entwickeln, kommen die Bayern oder ein Klub aus England und kaufen mit ihrem Geld die besten Spieler weg.

Alle zwanzig Mannschaften spielen gegen den Abstieg, und zwei werden zufällig in die Zweite Liga aufsteigen.

Claus-Dieter Wollitz, Trainer des Drittligisten Energie Cottbus

Am vergangenen Wochenende hat die Fußball-Bundesliga ihren Betrieb wieder aufgenommen. Der FC Bayern München ist mit einem ganz normalen 8:1-Erfolg gegen den VfL Wolfsburg ins neue Jahr gestartet und hat seinen ohnehin schon stattlichen Vorsprung auf die Konkurrenz damit noch ein bisschen vergrößert. Elf Punkte liegen die Münchner jetzt vor dem Zweiten Borussia Dortmund.

Die Hinrunde beendeten die Bayern unter der Woche mit einem neuen Punkterekord. Sie haben mehr Tore geschossen als der Zweite und Dritte der Tabelle zusammen. Nach menschlichem Ermessen ist das Titelrennen also schon jetzt entschieden. Am Ende der Saison – beziehungsweise weit davor – werden sich die Münchner zum 13. Mal in dann 14 Jahren die deutsche Meisterschaft sichern. Echt spannend, diese Bundesliga!

11
Punkte liegen in der Bundesliga zwischen dem Ersten und dem Zweiten. In der Dritten Liga trennen den Ersten vom Zwölften gerade mal neun Punkte.

Da lobt man sich die Dritte Liga, die an diesem Wochenende in ihre Rückrunde startet. Sie ist das, was die Bundesliga schon lange nicht mehr ist: ein echter Wettbewerb, in dem tatsächlich niemand weiß, wie es am Ende ausgehen wird.

Das zeigt auch die Tabelle: In der Dritten Liga liegen zwischen Tabellenführer Energie Cottbus und dem Zwölften Viktoria Köln gerade mal neun Punkte – zwei weniger also als die Distanz von Dortmund als Zweiter in Liga eins auf den FC Bayern.

Die Dritte Liga ist spannend und unberechenbar

In der Dritten Liga ist nach der Hälfte der Saison noch gar nichts entschieden. Alles ist möglich. Genauso wie das Gegenteil. Oder wie Claus-Dieter „Pele“ Wollitz, der Trainer von Energie Cottbus, am Ende der vergangenen Saison gesagt hat: „Alle zwanzig Mannschaften spielen gegen den Abstieg, und zwei werden zufällig in die Zweite Liga aufsteigen.“

Aktuell führt sein Team das Klassement an. Aber darauf sollte sich Wollitz nichts einbilden. Was er nach seinen Erfahrungen aus der Vorsaison vermutlich auch nicht tun wird.

Die Dritte Liga ist berüchtigt für ihre atemberaubenden Volten – in jede erdenkliche Richtung. Sie ist unberechenbar, spannend bis zum Schluss und dadurch eigentlich eine echte Attraktion. Ein funktionierender Wettbewerb eben.

Die Bedingungen sind für alle gleich – gleich mies

In der vergangenen Spielzeit standen die Cottbuser, als Aufsteiger aus der Regionalliga übrigens, an 24 der 38 Spieltage auf einem der ersten drei Plätze; zwölfmal waren sie sogar Spitzenreiter. Am letzten Spieltag aber fielen sie auf Platz vier zurück und verpassten damit sogar die Relegation um den Aufstieg.

Des einen Leid, des anderen Freud. Denn wie dramatische Abstürze, so gehören auch spektakuläre Aufholjagden zum festen Repertoire der Dritten Liga. In der Saison 2022/23 lag der VfL Osnabrück nach 13 Spieltagen mit 13 Punkten nur einen Zähler vor einem Abstiegsplatz, aber bereits zwölf Punkte hinter dem Relegationsplatz. Trotzdem arbeitete sich das Team noch auf Platz drei vor und stieg am Ende auf.

In der laufenden Spielzeit könnte es Hansa Rostock ähnlich ergehen. Nach zehn Spieltagen hatte das Team nur einen Punkt Vorsprung auf die Abstiegszone. Seitdem hat Hansa nicht mehr verloren und sich mit 21 Punkten aus neun Spielen in der Tabelle auf Platz fünf verbessert.

Zu früh gefreut? Nach ihrem Traumstart mit sechs Siegen aus den ersten sechs Spielen haben viele dem MSV Duisburg den Durchmarsch von der Regionalliga in die Zweite Liga zugetraut.

© IMAGO/Maik Hölter/TEAM2sportphoto

Die Rostocker sind damit das Gegenmodell zum MSV Duisburg, der mit sechs Siegen in die Saison gestartet ist, zwischenzeitlich bereits acht Punkte vor dem Relegationsrang lag und für manche in der Lage schien, auf direktem Weg von der Regionalliga in die Zweite Liga durchzumarschieren – so wie zuletzt schon die SV Elversberg, der SSV Ulm und Preußen Münster.

Inzwischen aber ist der MSV auf Platz drei zurückgefallen, was für einen Aufsteiger immer noch ein mehr als respektables Ergebnis ist. Wie es für ihn in der Rückrunde weitergehen wird? Unmöglich, das vorherzusagen.

„Die Ausgeglichenheit in der Dritten Liga ist extrem“, hat Duisburgs Sportchef Michael Preetz vor Kurzem im Interview mit „11 Freunde“ gesagt. „Ein Mittelfeld gibt es in der Klasse nicht, entweder man spielt oben mit oder gegen den Abstieg. Wir haben in dieser Saison bereits bewiesen, dass es keine Mannschaft gibt, die klar besser ist als wir. Dennoch müssen wir in jedem Spiel alles geben.“

1,2
Millionen Euro bekommt jeder Klub der Dritten Liga an TV-Geld.

Eine solche Ausgeglichenheit hat es früher auch in der Bundesliga gegeben. In den ersten acht Jahren ihres Bestehens hatte sie acht verschiedene Meister; im zweiten Jahrzehnt durfte ein Klub wie der VfL Bochum zumindest vom Titel träumen. Und in den Nullerjahren dieses Jahrtausends gab es immerhin noch fünf unterschiedliche Meister – seit 2013 hingegen gingen zwölf von dreizehn Titeln an die Bayern.

Das Jahr 2025 war das erste seit Einführung der Bundesliga, in dem es nur einen einzigen Tabellenführer gegeben hat. Seit dem dritten Spieltag der Saison 2024/25 und seit inzwischen 49 Spieltagen führen die Bayern das Klassement an. Natürlich ist das ein neuer Rekord, und natürlich haben die Bayern sich damit selbst abgelöst.

Seitdem die Münchner im September 2024 den 1. FC Heidenheim von Platz eins verdrängt haben und ununterbrochen oben stehen, gab es in der Dritten Liga sechs verschiedene Tabellenführer. Darunter für fünf Spieltage sogar den SV Sandhausen, der mittlerweile in die Regionalliga Südwest abgestiegen ist.

Dass es in der Dritten Liga echten Wettbewerb gibt, liegt – wenig überraschend – daran, dass alle Wettbewerber nahezu die gleichen, zumindest aber ähnliche Wettbewerbsbedingungen haben. Jeder der 20 Klubs bekommt ein gleich großes Stück vom nicht besonders großen Kuchen Fernsehgeld, 1,2 Millionen Euro nämlich. Oder wie es Michael Preetz vom MSV Duisburg ausgedrückt hat: „ein finanzielles Krümelchen“.

Tatsächlich ist die Summe eigentlich zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Aber da alle die gleichen – miesen – Voraussetzungen haben, sind die Dinge wenigstens stets in Bewegung. Anders als in der Bundesliga, in der die Machtverhältnisse längst zementiert sind. Mit Fundamenten aus Stahl.

Die, die ohnehin schon viel Geld und damit Erfolg haben, bekommen auch weiterhin den dicksten Batzen. Spannender wird es daher auch in absehbarer Zukunft nicht werden. Dass es anders gehen könnte, zeigt die Dritte Liga. Man müsste es nur wollen.

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