Es war ein Joker-Tor, auf das sogar Ole Gunnar Solskjaer stolz gewesen wäre. Am Donnerstagabend in Augsburg stand zwar nicht so viel auf dem Spiel wie damals in Barcelona, doch irgendwie erinnerte der Treffer trotzdem an Solskjaers legendäres Siegtor im Champions-League-Finale 1999. Ein loser Ball im Strafraum, ein reflexartig ausgestrecktes Bein – und zack, der Ball ist im Tor und das Spiel tief in der Nachspielzeit gerettet.
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„Super-Sub“ nannten sie Solskjaer damals. So langsam könnte man das auch über Marin Ljubicic sagen. Beim 1. FC Union Berlin ist es in den vergangenen Wochen zwar generell zum Trend geworden, dass die Einwechsler die Tore schießen. Doch bei keinem ist das so bemerkenswert wie beim 23 Jahre alten Kroaten.
Mit seinem späten Ausgleich gegen Augsburg hat Ljubicic schon im zweiten Spiel in Folge für Union getroffen – und damit öfter als im gesamten Jahr zuvor. Der Stürmer, der lange außen vor war und eigentlich vor dem Absprung stand, ist plötzlich ein Torgarant. Und er stellt seinen Verein nun vor ein Dilemma.
Er galt als gescheitert bei Union
Bis vor Kurzem galt Ljubicic als gescheitertes Experiment. Für geschätzte 4,5 Millionen Euro war er im vergangenen Winter vom Linzer ASK verpflichtet worden, um den damals kriselnden Sturm der Berliner zu verstärken. Im ersten Spiel gegen Hoffenheim gelangen ihm ein Tor und ein Assist. Doch das sollte auch der Höhepunkt bleiben.
Danach stand er nur noch einmal in der Startelf und wurde nach der Verpflichtung von Oliver Burke und Ilyas Ansah im Sommer immer mehr zur Randfigur. In dieser Saison hatte er bis zur Winterpause keine einzige Minute auf dem Platz gestanden. Schon im Sommer war er zum Wechselkandidaten erklärt worden, und auch im laufenden Transferfenster sollte er ganz oben auf der Liste der Abgänge stehen.
„Es gibt auch schon lose Gespräche mit Interessenten, da müssen wir schauen, dass wir ihn zum Spielen bringen, und das wird im Januar dann sicher so sein“, sagte etwa Sportchef Horst Heldt. Unter anderem soll der Zweitliga-Tabellenführer Schalke 04 an dem Kroaten interessiert sein.
Nun steht Union aber plötzlich vor der Frage, ob man Ljubicic überhaupt ziehen lassen soll. Denn jetzt, wo er wieder spielt, trifft der Kroate regelmäßig. In einer Mannschaft, in der der Top-Torschütze der laufenden Saison immer noch ein Innenverteidiger ist, sind zwei Tore in zwei Spielen kaum von der Hand zu weisen.
Am Donnerstag gab es auch ein Sonderlob vom Trainer. „Vor zwei Spieltagen haben wir öfter darüber gesprochen, dass er ein Kandidat ist. Das ist einfach so. Und dann ist doch klar, dass sich Leute dann noch bemühen“, sagte Steffen Baumgart auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. „Jetzt hat er zwei Tore gemacht, die er aus meiner Sicht verdient hat. Das zeigt, dass er bis zur letzten Minute da ist.“
Jetzt hat er zwei Tore gemacht, die er aus meiner Sicht verdient hat. Das zeigt, dass er bis zur letzten Minute da ist.
Steffen Baumgart, Trainer von Union Berlin
Ob Ljubicic nun vielleicht doch bleiben könnte, wolle man jedoch intern besprechen, führte der Trainer weiter aus. Ähnlich zurückhaltend gab sich auch Heldt, der am Ende für die Entscheidung zuständig ist. „Das Schöne ist, dass wir alles entscheiden können“, sagte Unions Sportchef am Sky-Mikrofon, als er zu Ljubicics Zukunft gefragt wurde.
Gleichzeitig ließ er durchblicken, dass der Kroate trotz seiner Tore wohl ein Wechselkandidat bleibt – wenn auch einer mit einem etwas größeren Preisschild: „Das beste Argument für einen Spieler sind gute Leistungen. Das ist doch schön, das ist doch wichtig für uns. Es ist ein Spieler, der schon bewiesen hat, dass er Tore machen kann. Und es ist natürlich so, dass viele Vereine auf der Suche nach Qualität sind.“
Ob mit oder ohne Ljubicic: Für Baumgart sind die Tore des Kroaten ein weiterer Beweis für die Geschlossenheit seiner Mannschaft. „Wir sind keine elf Mann, sondern wir sind ein Kollektiv. Wenn wir sehen, wer heute wieder das Tor macht und wer das Tor vorbereitet, dann sehen wir, dass es Jungs sind, die um ihre Form kämpfen. Das ist für mich ein Zeichen, dass die Jungs da sind, dass sie klar sind und sie alles dafür tun, erfolgreich zu sein“, betonte der Trainer bei Sky.
Auch deshalb stehe man nun da, wo man ist. Seit vier Spielen ungeschlagen und elf Punkte vor der Abstiegszone. „Wir haben jetzt 23 Punkte. Es gibt sehr, sehr viele Experten, die uns das nicht zugetraut haben. Also bin ich sehr zufrieden mit der Hinrunde.“