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„Rentenniveau reicht nicht“: Börsenchef Leithner fordert Rentenreform mit mehr Aktien

2026-04-01
In wirtschaft Vom admin

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Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner fordert Tempo bei einer grundlegenden Rentenreform in Deutschland. „Wir können nicht länger zusehen, dass immer größere Milliardenbeträge aus dem Bundeshaushalt aufgebracht werden müssen, um die Löcher in der Rentenkasse zu stopfen“, sagte Leithner im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur und der Finanznachrichtenagentur dpa-AFX am Sitz des Dax-Unternehmens in Eschborn. 

Klar sei, dass die gesetzliche Rente als eine der drei Säulen der Altersvorsorge erhalten bleibe. „Eine kapitalmarktbasierte betriebliche und private Altersvorsorge muss jedoch eine deutlich stärkere Rolle spielen.“

„Druck könnte nicht größer sein“

Die Bundesregierung sei mit der Frühstart-Rente und dem geplanten Altersvorsorgedepot, einem staatlichen Standarddepot aus Wertpapieren, bereits wichtige Schritte gegangen, die „vor kurzem noch undenkbar“ gewesen seien, lobte der Börsenchef. Er sei zuversichtlich, dass darauf aufbauend von der Rentenkommission der nächste große Wurf komme. Der Druck, zu einer Lösung zu kommen, „könnte nicht größer sein“, sagte Leithner. „Das gilt für Deutschland, aber auch für die europäische Ebene.“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte angekündigt, dass die Bundesregierung eine Neugewichtung der drei Säulen – also gesetzliche Rente sowie private und betriebliche Altersvorsorge – noch in diesem Jahr auf den Weg bringen will. Bis Jahresmitte soll die von Union und SPD eingesetzte Rentenkommission Vorschläge für eine Reform vorlegen.

„Rentenniveau von 48 Prozent reicht hinten und vorne nicht“

Ziel muss nach Leithners Ansicht in Summe ein Rentenniveau sein, das auch für untere Einkommensklassen ein akzeptables Niveau habe. „Mit Blick auf die Lebenshaltungskosten kann man ein Rentenniveau von 48 Prozent nicht anders bezeichnen als unsozial“, kritisierte Leithner. „Das reicht hinten und vorne nicht.“ Ein Gesamtniveau von bis zu 65 Prozent sei vermutlich notwendig. „Aber das ist allein aus der Säule der gesetzlichen Rentenversicherung eben nicht zu finanzieren.“

Die Bundesregierung hatte im vergangenen Jahr gegen große Widerstände ein Rentenpaket beschlossen, dass die Haltelinie für das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent fixiert. Bei dieser Größe wird eine Standardrente ins Verhältnis zum Durchschnittseinkommen gesetzt. Mit Bundesmitteln werden die Renten jährlich so angepasst, dass das Sicherungsniveau vor Steuern nicht unter die Haltelinie sinkt. Allein 2026 sollen mehr als 120 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt in die gesetzliche Rentenversicherung fließen.

Kinderdepot mit 4.000 Euro Einmalbetrag ab Geburt

Bei der Frühstart-Rente, bei der Kinder ab dem sechsten Lebensjahr monatlich zehn Euro vom Staat für ein Depot bekommen sollen, plädiert Leithner für einen deutlichen Anschub per Einmalbetrag: „Sinnvollerweise sollte man die Frühstart-Rente mit 4.000 Euro bei der Geburt eines Kindes beginnen, vor allem wegen des Zinseszinseffektes. Wichtig ist auf jeden Fall, dass Frühstart-Rente und Altersvorsorgedepot ineinandergreifen, damit man nicht später wieder neue Konten eröffnen muss.“

Beim Kinderdepot sollten außerdem steuerfreie Sonderzahlungen möglich gemacht werden, forderte Leithner: „Nehmen wir uns ein Beispiel an den USA: Dort können Großeltern bis zu einem Betrag von 5.000 Euro Zuzahlungen in das Depot leisten. Das ist eine total einfache und wirkungsvolle Geschichte.“

Betriebliche Altersvorsorge in jeden Vertrag

Zudem gehört nach Leithners Überzeugung die betriebliche Altersversorgung in „jeden Arbeitsvertrag“: „Bisher sind rund 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in dem System, es müssten aber 90 Prozent oder mehr sein, wie es in den Niederlanden oder der Schweiz heute schon der Fall ist.“

Insgesamt gehe es nicht darum, Gutverdienern Altersvorsorgeprodukte schmackhaft zu machen, sondern „Menschen mit geringen oder mittleren Einkommen dabei zu unterstützen, Vermögen aufzubauen, das nicht dem unmittelbaren Konsum dient, sondern der Absicherung im Alter“.

Kritik an Leithners Vorschlägen kam vom Sozialverband Deutschland. Es müsse vor allem die gesetzliche Rente gestärkt werden, sagte die Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier. „Eine betriebliche und private Altersvorsorge können nur eine Ergänzung sein.“ Nicht alle Menschen hätten ausreichend Geld, um es langfristig in Aktien anzulegen.

Leithner sagte, auch ohne staatliche Anreize habe sich einiges getan: 2022 habe es in Europa 19 Millionen Anleger in börsengehandelte Indexfonds (ETFs) gegeben, inzwischen seien es 33 Millionen, davon mehr als 14 Millionen in Deutschland. „Wir sehen eine ermutigende Dynamik bei jungen Menschen, denen schwant, dass staatliche Vorsorge allein im Alter nicht reichen wird.“

„Beste Finanzbildung ist der Depotauszug“

Die Deutschen könnten aber noch viel stärker von der Wertschöpfung an den Kapitalmärkten profitieren. „Der Dax war 2024 und 2025 einer der Indizes weltweit mit der besten Performance. Warum nehmen die Bürger an dieser Wertsteigerung nicht teil? Ich finde das unverständlich“, sagte Leithner.

„Die beste Finanzbildung ist der Depotauszug“, sagte der Manager. „Zu sehen, da kommen nicht nur 10 Euro hinzu, sondern aus den 10 Euro von vor drei Jahren sind inzwischen 20 geworden.“ Im Durchschnitt liege die Rendite im Deutschen Aktienindex bei 7 bis 9 Prozent pro Jahr, rechnete Leithner vor. „Selbst, wenn Sie am ungünstigsten Tag gekauft haben, haben Sie 15 Jahre später trotzdem im Durchschnitt eine Rendite von über drei Prozent.“

© dpa-infocom, dpa:260331-930-888257/2

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