Es war Mitte Januar und Celta de Vigo hatte gerade einen knappen Auswärtssieg beim FC Sevilla gefeiert. Borja Iglesias war schon auf dem Weg nach Hause, als er auf dem Parkplatz kurz stehen blieb, um einem Fan sein Trikot zu schenken. In einem später veröffentlichten Video ist zu sehen, wie er daraufhin mit homofeindlichen Beleidigungen überschüttet wurde.
„Scheißschwuchtel“ riefen die vermeintlichen Sevilla-Fans zum Stürmer von Vigo, der früher für den Stadtrivalen Real Betis gespielt hatte. „Geh doch deine Nägel lackieren.“ Iglesias reagierte nicht. Entweder, weil er sie nicht hörte. Oder, weil er ihnen nicht den Gefallen tun wollte.

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Es war schließlich nicht das erste Mal, dass er derartig beleidigt wurde. Und es sollte auch nicht das letzte Mal bleiben, dass er darauf souverän reagierte. Als das Video später in den sozialen Medien viral ging, kommentierte Iglesias ironisch: „Wie seltsam. Das passiert im Fußball sonst nie.“
So ist eben dieser Borja Iglesias, der am Donnerstag mit seinem Herzensverein Vigo im Viertelfinale der Europa League beim SC Freiburg antritt (21 Uhr, RTL). In Deutschland ist der 33-Jährige vor allem für seine kurze Zwischenstation bei Bayer Leverkusen bekannt, mit dem Team gewann er 2024 die Meisterschaft und den DFB-Pokal. In der Heimat gilt er aber als eine Symbolfigur im Kampf gegen Homofeindlichkeit und Misogynie. Als einer der wenigen, der die Stimme erhebt und für ein anderes Verständnis von Männlichkeit im Fußball plädiert.
Dem Klischee eines Macho-Sportlers entspricht Iglesias eben seit Jahren nicht. Er lackiert sich die Nägel, trägt Designer-Handtaschen, spricht gerne über Literatur oder Fotografie. Neben gleichgesinnten Teamkollegen wie Hector Bellerin und Aitor Ruibal wurde er in seiner Zeit bei Betis auch deshalb zum Vorreiter. Dafür ernteten sie neben viel Zuspruch auch jede Menge Hass.
Iglesias wäre lieber „Schwuchtel“ als jemand voller Hass
Früher habe ihn das gestört, gab Iglesias zuletzt in einem Interview mit der französischen Sportzeitung „L’Équipe“ zu. Mittlerweile könne er es, wie in Sevilla, besser abschütteln. „Wenn jemand mir so etwas sagt, dann denke ich immer: Lieber wäre ich ‚Schwuchtel‘ als jemand voller Hass, der nichts Besseres zu tun hat, als Menschen nach einem Fußballspiel zu beleidigen“.
Ihn störe vielmehr, dass schwule Fußballer durch solches Verhalten eingeschüchtert werden könnten: „Wenn man sich selbst nicht zeigen kann und nicht lieben kann, wen man will, dann ist das nicht hinnehmbar.“
Auch deshalb setzt sich Iglesias seit Langem gegen Homofeindlichkeit im Fußball ein. 2023 produzierte er ein Video, in dem er sein eigenes „Coming-Out“ als Heterosexueller und einen daraus resultierenden Shitstorm inszenierte. „Das würde so nie passieren. Warum andersrum schon?“ fragte der Stürmer am Ende des Clips.
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Anders als viele wohlmeinende Männer im Profifußball scheut sich Iglesias auch nicht vor tiefgründigen Antworten auf diese Frage. Er fordert nicht nur Toleranz. Er stellt die ganze Männlichkeitskultur seiner Branche in Frage: und zwar auf allen Ebenen.
So etwa im Sommer 2023, als der spanische Verbandschef Luis Rubiales mit seinem Übergriff auf Nationalspielerin Jenni Hermoso eine Riesendiskussion über Machismo und Misogynie im Fußball auslöste. Als Rubiales sich weigerte, im Zuge des Skandals zurückzutreten, zog sich Iglesias als Protest aus der Nationalmannschaft zurück. Erst im Herbst 2025, als Rubiales längst schon weg war, kehrte er zurück zur Selección.
Wenn ich meine Nägel lackiere und 25 Tore schieße, dann finden mich alle super. Am Tag, an dem ich nicht mehr treffe, wird das plötzlich zum Problem.
Borja Iglesias
Für ihn fängt das Problem aber schon im Nachwuchsbereich an. In den Internaten der Profiklubs wachsen junge Spieler in einem ausschließlich männlichen Umfeld auf, erklärte er gegenüber „L’Équipe“. „Du wächst mit diesem sozialen Druck auf, der dich dazu bringt, Frauen nur als Objekte der Begierde wahrzunehmen.“
Alternative Weltbilder sieht er im spanischen Fußball eher wenig. Zwar hätten modebewusste Spieler wie David Beckham oder Guti schon in den 2000er Jahren begonnen, eine andere Männlichkeit zu projizieren. Doch 20 Jahre später bleibe für Iglesias „immer noch viel zu tun“.
Die Reaktion auf den Vorfall in Sevilla lieferte immerhin einen Hoffnungsschimmer. Beim darauffolgenden Heimspiel von Celta trugen alle Spieler sowie viele Fans lackierte Nägel, um ihre Solidarität mit dem Stürmer und der LGBTIQ-Gemeinschaft auszudrücken. Dennoch sieht Iglesias viel zu viel Toleranz für Homohass und Frauenfeindlichkeit im Fußball.
„Der Fußball lässt vieles zu. Wenn du gut spielst, wird dir jegliches Verhalten vergeben. Das muss sich ändern“, sagte der Nationalspieler. Das gleiche Kalkül gelte leider umgekehrt auch für Leute wie ihn. „Wenn ich meine Nägel lackiere und 25 Tore schieße, dann finden mich alle super. Am Tag, an dem ich nicht mehr treffe, wird das plötzlich zum Problem.“