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Der Provinzkrimi „Misericordia“ im Kino: Männer und ihre Feuchtgebiete

2025-03-09
In leben Vom Andreas Busche

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Es ist ganz schön was los in dem malerischen Herbstwald, der zu dieser Jahreszeit in allen nur erdenklichen Rot-, Orange- und Grüntönen leuchtet. Die Männer, die sich hier, abseits des kleinen Dorfes in der südfranzösischen Provinz, wie zufällig über den Weg laufen, scheinen auf der Suche nach etwas zu sein – aber es sind nicht die Pilze, die im feuchten Untergrund wachsen. Um Pilze drehen sich die Gespräche zwar auch, sie werden stolz vorgezeigt, man bestaunt ihre Größe. Aber die Blicke der „Pilzsammler“ schweifen immer wieder ab: Hier sind die Männer unter sich.

Das Feuchtgebiet auf der Waldlichtung ist aber nur im übertragenen Sinn ein Cruising-Ort. Überhaupt spielt der Sex in Alain Guiraudies Provinzkrimikomödie „Misericordia“ eine untergeordnete Rolle; ganz im Gegensatz zu dem anderen „Cruising-Film“ im Werk des französischen Regisseurs. Im Erotik-Thriller „Der Fremde am See“ (2013) treibt ein Mörder sein Unwesen an einem beliebten Badesee, der auch der schwulen Community als Treffpunkt dient. Dafür steht in „Misericordia“ einmal ein erigierter Penis im Bild; zu verraten, wem dieser gehört, würde aber den Spaß an Guiraudies Volten verderben.

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Guiraudie, dessen bislang letzter Film „Nobody’s Hero“ 2022 auf der Berlinale lief, gilt als Eigenbrötler im französischen Kino, wenn auch mit einer massiven Fanbasis, die seinen abseitig-düsteren Humor und seine Unberechenbarkeit zu schätzen weiß. Die Eröffnungsszene von „Misericordia“, eine Autofahrt durch das Hinterland Südfrankreichs aus der Perspektive des Fahrers, suggeriert zunächst noch eine ländliche Idylle. Guiraudie studiert in seinen Filmen aber vor allem das Begehren seiner Figuren, Formalitäten wie etwa Genres werden nachrangig behandelt.

Regisseur Guiraudie spielt mit den Genres

Nach zehn Jahren kehrt Jérémie (Félix Kysyl) aus Toulouse in sein Heimatdorf zurück, wo er mit seiner Ankunft erst mal Gefühlsverwirrungen auslöst. Der Bäcker des Ortes ist gestorben, bei dem Jérémie in die Ausbildung ging – und mit dem vielleicht auch noch etwas mehr lief. Sein trauriger Blick bleibt jedenfalls an dem Foto im Familienalbum hängen, das den Vater in einer sehr engen Badehose zeigt. Die Witwe Martine (Catherine Frot) bringt Jérémie für ein paar Tage im ehemaligen Kinderzimmer ihres Sohnes Vincent (Jean-Baptiste Durand) unter, der davon alles andere als begeistert ist.

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Der Film

Misericordia Frankreich 2024, Regie und Buch: Alain Guiraudie. Mit: Félix Kysyl, Catherine Frot, Jean-Baptiste Durandt, Jacques Develay, David Ayala, Sergie Richard. 103 Minuten. Jetzt im Kino

Vincent sieht in dem Jugendfreund einen Rivalen – ob möglicherweise auch noch etwas mehr, verrät der spontane Ringkampf der beiden, natürlich im Wald, nicht. Der Dorfpfarrer Philippe (Jacques Develay) unterbricht das Gerangel, angelockt von der ungewohnten Betriebsamkeit – und den guten Witterungsbedingungen für Morcheln. Die werden dann abends am Küchentisch von Martine in einem Omelett verbraten, eine morbide Zutat. Die Küche der Witwe ist der andere zentrale Ort, an dem die Figuren immer wieder zusammenkommen, um etwas Unausgesprochenes auszuhandeln.

Martine (Catherine Frot) nimmt sich Jérémies (Félix Kysyl) an, mit ein wenig mehr als mütterlicher Fürsorge.

© Salzgeber

In „Misericordia“ sind nicht nur die Begehren kodiert, auch die Menschen muss man zu lesen verstehen. Die Absichten von Jérémie bleiben vage, der Newcomer Kysyl spielt ihn mit der für Guiraudies Kino richtigen Mischung aus aufreizender Undurchschaubarkeit und bodenständigem Charme. Warum er seinen Aufenthalt im Dorf verlängert, bleibt unklar, die Witwe belässt er in der Hoffnung, die Bäckerei ihres verstorbenen Mannes zu übernehmen. Heißsporn Vincent reagiert zunehmend aggressiv, wobei nicht klar wird, ob die Wut dem wachsenden Interesse seiner Mutter an Jérémie gilt – oder dessen Interesse am Nachbarn Walter (David Ayala), bei dem Jérémie immer wieder am Küchentisch sitzt.

Als in „Misericordia“ schließlich eine der Hauptfiguren verschwindet, bekommen die verstohlenen Blicke und die verstohlenen Leidenschaften noch eine weitere Bedeutungsebene. Auch die Genres verschieben sich, wobei die konventionelle Form des Krimis nur vorgeschoben ist. Guiraudie beweist wie immer ein gutes Auge für die Exzentrik seiner Figuren, auch für die Widersprüche der kleinbürgerlichen Moralvorstellungen, die geradewegs aus einem Chabrol-Film stammen könnten.

Es steht ein Mordverdacht im Raum, aber der mögliche Täter wird geschützt von den Menschen und ihren irrationalen Begehren. Die subtile Pointe von Guiraudies Titel besteht darin, dass am Ende der Pfarrer zur Beichte bei Jérémie geht. Aber nicht die Liebe ist hier das Verbrechen.

Berlinale Frankreich

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