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Platzen die Blütenträume?: Cannabisfirma fürchtet Einschränkung ihres Geschäftsmodells

2026-01-09
In wirtschaft Vom Alfons Frese

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Mit dieser Blütenschwemme hatte Sascha Mielcarek nicht gerechnet. Der Chef der Cannabisfirma Canify blickt zurück auf ein erstaunliches Jahr. Die Verkaufserlöse stiegen 2025 um das Zweieinhalbfache auf 20 Millionen Euro; Mielcarek hatte zehn Millionen erwartet. Kehrseite des Erfolgs: Alarmstimmung in der Politik. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken möchte den Blütenhandel im Netz einschränken.

Canify versteht sich als Pharmafirma. Das Geschäftsmodell basierte bis zur Liberalisierung des deutschen Cannabis-Marktes im Frühjahr 2024 auf dem Vertrieb von Extrakten zur medizinischen Anwendung. Doch dann ging der Verkauf getrockneter Blüten durch die Decke. Ob mit oder ohne Verschreibung durch einen Arzt – das schmerzlindernde Rauschmittel ist gefragt wie noch nie. Vor allem im Internet.

Ministerin Warken (CDU) stellt sich gegen die Blütenschwemme, indem sie einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt vorschreiben will. Nach der Liberalisierung durch ihren Vorgänger Karl Lauterbach (SPD) war bereits im zweiten Halbjahr 2024 der Import von Cannabisblüten zu medizinischen Zwecken um 170 Prozent gestiegen; gleichzeitig gab es nur neun Prozent mehr ärztliche Verschreibungen zulasten der Krankenversicherungen.

Die naheliegende Erklärung: Die steigenden Verkäufe verdanken sich der Nachfrage von Selbstzahlern mit Privatrezepten. Es seien zu viele telemedizinische Plattformen auf dem Markt, über die Cannabisblüten ohne persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt bezogen werden könnten, findet Warken, und hat einen Gesetzentwurf mit Restriktionen in den Bundestag eingebracht.

Der Pharmamanager Sascha Mielcarek ist seit 2023 Chef von Canify.

© Canify

Canify-Chef Mielcarek warnt davor. Es wäre „nicht im Sinne einer modernen Telemedizin“, wenn Warken den Patienten vorschreibe, mindestens einmal im Jahr physisch beim Arzt vorstellig zu werden. „Ein pauschales Einschränken telemedizinischer Arzt-Patienten-Gespräche, wie es der aktuelle Kabinettsentwurf nahelegt, wäre anachronistisch“, sagte Mielcarek im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Telemedizin sei vielmehr Bestandteil einer modernen Arzneimittelversorgung.

Seit April 2024 ist medizinisches Cannabis auf Rezept erhältlich, bis dahin galt der Stoff als Betäubungsmittel, was den Zugang erschwerte. „Rund 80 Prozent der Cannabisanwendungen zielen auf den Schmerz“, argumentiert Mielcarek. Zu diesem Zwecke würden Menschen die Rausch-Blüten seit 5000 Jahren nutzen. Zunehmend auch in Deutschland.

Mielcarek zufolge konsumieren mindestens drei Millionen Menschen hierzulande Cannabis, davon nicht einmal die Hälfte aus medizinischen Gründen. In entwickelten Cannabis-Märkten wie Kanada seien es doppelt so viel. „Es gibt also noch viel Potenzial im deutschen Markt, wo es derzeit noch weniger als ein Prozent nutzen.“

Der Pharmamanager hat bei Grünenthal gearbeitet und für die kanadische Tilray, den größten Produzenten von medizinischem Cannabis, das europäische Geschäft aufgebaut. Seit 2023 führt Mielcarek die Canify AG – ein Start-up mit inzwischen 55 Mitarbeitenden. In einem ehemaligen NATO-Bunker bei Ulm produziert Canify die Cannabis-Präparate.

Wir reinvestieren das Geld, das wir mit den Blüten verdienen, in innovative Darreichungsformen. Das ist das klassische Pharmageschäft.

Sascha Mielcarek, Chef von Canify

„Für uns ist Medizinalcannabis die Startrampe auf dem Weg zu einem Unternehmen für Schmerzbehandlung“, beschreibt der Pharma-Manager die Zielsetzung. „Wir reinvestieren das Geld, das wir mit den Blüten verdienen, in innovative Darreichungsformen. Das ist das klassische Pharmageschäft.“

Canify bereitet die Markteinführung eines Sprays und eines Inhalationsgerätes vor, das ab 2027/28 die Blüten als Wachstumstreiber ersetzen soll. „Es wird das einzige Gerät dieser Art sein, mit einer echten medizinischen Zulassung“, sagt der Firmenchef. Das Cannabis-Spray könne bei einer „Vielzahl von Indikatoren angewendet werden“. Derzeit liefen Studien zur Vorbereitung der Zulassungsverfahren.

Ein wenig Verständnis für die Regulierungspläne der neuen Gesundheitsministerin hat Mielcarek. Er räumt „Auswüchse im Cannabismarkt“ ein, die nicht im Sinne der medizinischen Nutzung seien. Beispielsweise zwielichtige Telemediziner, die auf Malta oder in Kroatien säßen und Medizinalcannabis verschrieben. „Wenn die vom Gesetzgeber adressiert werden, ist das sinnvoll.“

Streeck verteufelt ein Präparat, das eine medizinische Berechtigung hat.

Sascha Mielcarek, Chef von Canify

Ministerin Warken jedoch gehe zu weit und werde dabei vom Drogenbeauftragten der Regierung, dem Virologen Hendrik Streeck angefeuert. „Cannabis ist ein stigmatisiertes Thema, das schnell in die Schmuddelecke abrutscht und gerne genutzt wird für populistische Aussagen“, findet der Canify-Chef. Streeck setze den zunehmenden Absatz mit Missbrauch gleich.

„Dafür gibt es keine Belege“, meint Mielcarek. „Streeck verteufelt ein Präparat, das eine medizinische Berechtigung hat.“ Andere, für den Cannabis-Manager deutlich größere Probleme, würden dagegen vernachlässigt. „Herr Streeck äußert sich nicht zur Verdopplung des Umsatzes von Psychopharmaka und er äußert sich nicht zur Situation an den Bahnhöfen in Deutschland, wo man überall Menschen sieht, die an Fentanyl-Missbrauch leiden.“ 

Die Gesetzesvorlage Warkens wird nun in den Fachausschüssen des Bundestages beraten, bis dann vermutlich im April das Parlament abstimmt. Was auch immer dabei herauskommt – der Markt bleibe dynamisch, meint Mielcarek. „In den kommenden Jahren wollen wir stark wachsen, skalieren und an die Börse gehen.“ Ob das so kommt und funktioniert, hängt ab vom Erfolg des Inhalationsgeräts – und der Politik.

Cantourage, ein weiterer deutscher Anbieter von medizinischem Cannabis, hat bereits Erfahrung mit dem Kapitalmarkt. Das Unternehmen ging vor gut drei Jahren an die Börse, doch mit der neuen Bundesregierung platzten manche Blütenträume. Allein im vergangenen Jahr verlor die Aktie rund ein Drittel ihres Wertes.

Cannabis CDU Deutscher Bundestag Karl Lauterbach Nina Warken SPD auf Facebook teilen auf Twitter teilen per WhatsApp teilen auf Flipboard teilen

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