Um 11.59 Uhr geht am Sonntagmittag die Startnummer 13 in die Abfahrt auf der berühmten Tofana von Cortina d’Ampezzo. Es ist ein herrlicher Wintertag, die Sonne scheint, der Himmel ist tiefblau, die schneebedeckten Gipfel der Dolomiten bilden ein fabelhaftes Panorama.
Die Zuschauer im Zielbereich werden immer lauter, fast schon rasend. Denn die Nummer 13 gehört Lindsey Vonn aus den USA, dem Star dieser Spiele, der Frau, die so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht wie bisher niemand sonst bei diesen Olympischen Winterspielen.
Dabei hatte sie bis dato noch keinen einzigen Wettkampf bestritten. Doch ihre Geschichte besaß alle Zutaten einer großen Story, die von unbändigem Willen handelt, von nicht zu zügelndem Ehrgeiz, von der Aussicht auf die größte Sport-Hollywoodstory seit Jahrzehnten. Denn Lindsey Vonn startete in Cortina mit einem Kreuzbandriss im linken Knie.
Zugezogen hatte sie ihn sich am 30. Januar nach einem Sturz im Fuchsloch der Abfahrtspiste von Crans Montana. Vor dem Abfahrtsrennen der Frauen dominierte Vonn daher alle Schlagzeilen: Was mutet sie sich da zu? Geht es gut? Die Antwort lautet: Nein, es ging nicht gut.
Im Zielraum herrscht Entsetzen
Knapp zwölf Sekunden nach dem Start verliert Vonn die Kontrolle über sich und ihre Ski. Sie bleibt an einem Tor hängen, hebt ab, stellt sich in der Luft quer und landet mit parallel in den Schnee gestanzten Ski, ein furchtbarer Aufprall. Danach hebt sie erneut ab, dreht sich in der Luft und landet so brutal, dass sich bei der im Schnee sitzenden Vonn ein Ski nach links und einer nach rechts absteht. Die Bindung hatte sich nicht gelöst. Schreie von Vonn sind zu hören und die Worte: „Oh my god.“
Unten im Zielraum hat das Entsetzen allen die Stimme verschlagen. Der DJ hat seine Musik verstummen lassen. Es ist so still wie in einer menschenleeren Kapelle um drei Uhr nachts. Minutenlang dauert das Schweigen der 4000 Zuschauer auf der Tribüne an, zu hören ist nichts.
Auf der riesigen Leinwand am rechten Rand des Stadions, gleich neben der Ziellinie, ist zu sehen, dass ein Heer von Helfern Vonn erreicht hat. Zu deuten ist nichts. Geht es ihr gut? Was ist mit dem linken Knie? Was mit dem rechten, in das sie eine Titanplatte hat einsetzen lassen, weil die Schmerzen in dem Gelenk nach ihrem Rücktritt 2019 zu groß waren?
Das war definitiv das Letzte, was wir sehen wollten.
Karin Kildow, Schwester von Lindsey Vonn, bei NBC
Am Nachmittag sagt Alex Hödlmoser, der Speed-Trainer der US-Amerikanerinnen, dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF): „Anscheinend soll es ein Bruch im Unterschenkel sein“. Man wisse aber noch nichts Genaueres, die 41-Jährige werde weiter untersucht.
„Das war definitiv das Letzte, was wir sehen wollten“, sagte Vonns Schwester Karin Kildow dem Sender NBC. „Wenn so etwas passiert, hofft man sofort, dass es ihr gut geht, und es war beängstigend. Wenn man sieht, wie die Tragen aufgestellt werden, ist das kein gutes Zeichen.“
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Mit diesem Ersatzteil für einen von Verletzungen, Brüchen, Prellungen und Zerrungen heimgesuchten Körper war Vonn plötzlich schmerzfrei. Wenn ihr nichts mehr wehtut, dann kann sie ja auch wieder Skifahren, dachte sie sich.
Und erklärte im vergangenen Winter, dass sie zurückkommen werde, um in dieser Saison auf der Tofana für Furore zu sorgen. Mit 41 Jahren. Als älteste Olympiasiegerin in der Geschichte des alpinen Rennsports. Auf der Piste, auf der sie in ihrer Karriere bereits sechs Abfahrtsrennen und sechs Super-G-Wettkämpfe gewonnen hat. Auf Cortina war alles ausgerichtet.
In dieser Saison ging tatsächlich alles auf, Vonn gewann zwei Abfahrten, einmal wurde sie Zweite, zweimal Dritte bei fünf Rennen. Sie führt die Weltcup-Sonderwertung dieser Disziplin souverän an. 84 Weltcup-Siege hat sie mittlerweile gesammelt, dazu einen Abfahrts-Olympiasieg (2010) und zwei WM-Titel. Sie war die große Olympiafavoritin für die Tofana. Dann riss sie sich in Crans Montana das Kreuzband.
Am vergangenen Dienstag erklärte sie auf einer Pressekonferenz, dass sie, die Queen der Comebacks nach schweren Verletzungen, „schon andere Rodeos“ überstanden habe, weshalb sie unbedingt starten wolle. Denn: „Ich bin schmerzfrei.“
Sie postete bald darauf ein Video mit Fitnessübungen. Zu sehen war, wie beweglich sie mit ihrem linken Knie war, das sie sehr forderte. Untermalt war das Video mit dem Song: „Don’t give up on me“ von Andy Grammer. Vonn hat ihren Beitrag mit den Worten: „I’m not giving up“ versehen – „ich gebe nicht auf“, und: „Ich arbeite so hart wie ich kann, um es möglich zu machen.“ Das sah unglaublich aus.
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Dann der Sonntag, 11.59 Uhr, der Sturz, das Drama, die zwölf Sekunden von Cortina. Es dauert nicht lange, da unterbricht ein nahender gelber Helikopter die Stille im Stadion. Die Zuschauer rufen: „Oh“ und „Ui“. Er landet in Vonns Nähe.
Um 12.22 Uhr hebt der Helikopter ab. Lindsey Vonn und zwei Retter hängen im Biwak an einer Leine des Hubschraubers. Sie wird im Flug nach oben geholt. Mit Vonn an Bord überfliegt der Heli kurz darauf das Stadion, lauter Applaus, Kreischen und hörbares Entsetzen mischen sich. Dann geht das Rennen mit Nummer 14 weiter, Mirjam Pulcher aus Österreich.
Inmitten des Vonn-Dramas und ihres Versuchs, alle denkbaren Grenzen zu sprengen, geht unter, dass Vonns Landsfrau Breezy Johnson das Rennen gewonnen hat. Vor der Deutschen Emma Aicher. Die war mit ihrer Fahrt gar nicht zufrieden und sagte: „Das war nicht wirklich gut. Ich bin wild gefahren. Bei jeder Welle hat es mich aufgerissen. Ich habe meinen Plan nicht durchgezogen.“
Und dennoch hätte die 22-Jährige fast gewonnen. Sie war um die Winzigkeit von vier Hundertstelsekunden langsamer als Johnson, die Abfahrts-Weltmeisterin von 2025, die nun auch Olympiasiegerin ist. Ein Weltcup-Rennen hat Breezy Johnson allerdings noch nicht für sich entschieden. Aber das alles geht beinahe unter im Drama um Lindsey Vonn.