Toni Leistner erhielt die – zumindest für ihn – freudige Nachricht dort, wo man am liebsten ungestört ist. Der Innenverteidiger von Hertha BSC war gerade auf der Toilette, als ihm sein Trainer Stefan Leitl eröffnete, dass er vielleicht doch von Anfang an spielen werde. Marton Dardai klagte über Probleme an der Hüfte, und angesichts von drei wichtigen Spielen in nur acht Tagen, wollten die Berliner bei ihm kein Risiko eingehen.
Tatsächlich blieb Dardai am Samstag draußen, während Leistner von Anfang an auflief – zum ersten Mal in diesem Jahr und nach gerade mal acht Minuten auf dem Platz in den ersten drei Begegnungen der Rückrunde. „Dann spiel ich hier halt meinen Stiefel runter“, sagte Herthas früherer Kapitän nach dem überraschend deutlichen 3:0-Erfolg seiner Mannschaft beim bisherigen Tabellenzweiten SV Elversberg.
So ganz stimmte das nicht. Ja, Leistner spielte in der Viererkette seinen Stiefel runter, sodass Hertha in der Defensive genau das bekam, was Hertha von ihm erwarten durfte: Zweikampfhärte, Unnachgiebigkeit, Entschlossenheit. Darüber hinaus aber machte Leistner vorne auch noch das Tor, das Hertha zuletzt eben nicht gemacht hat.
Eine knappe Viertelstunde vor Schluss erzielte der Innenverteidiger mit einem wuchtigen Schuss von der Strafraumkante das 3:0 für die Gäste aus Berlin. Mit diesem Treffer war das Spiel endgültig entschieden. Aber nicht nur für Herthas Mannschaft, die einige Spiele zuletzt nicht endgültig hatte entscheiden können, war es ein wichtiger Treffer. Auch für Toni Leistner. So wichtig, dass er diesen besonderen Moment mit einem Purzelbaum feierte.
Die Partie in Elversberg war Leistners 77. Pflichtspiel für Hertha in nun zweieinhalb Jahren – und das 3:0 sein erster Treffer überhaupt für die Berliner. Toreschießen zählt definitiv nicht zu seinen Kernkompetenzen. Aber mit dem, was er im fortgeschrittenen Fußballeralter von inzwischen 35 Jahren, immer noch einbringen kann, besitzt er für sein Team weiterhin einen beachtlichen Mehrwert.
Am Samstag in Elversberg war das geradezu exemplarisch zu sehen. „Top“, nannte Trainer Leitl Leistners Leistung.
Bis Samstag schien es, als hätte Leistner durch seinen Platzverweis im letzten Hinrundenspiel gegen Arminia Bielefeld gleich auch seinen Stammplatz bei Hertha verloren. Angesichts seines Alters wäre das nicht einmal verwunderlich gewesen. Aber so logisch, wie die Dinge manchmal scheinen, sind sie oft gar nicht. Mit Toni Leistner in der Startelf holte Hertha in dieser Saison im Schnitt 1,75 Punkte; ohne ihn sind es nur 1,2.
Natürlich ist Leistner weder der Schnellste, noch besitzt er in der Spieleröffnung überragende Stärken. Ihn in der Viererkette aufzubieten, erfordert daher gewisse Anpassungen bei der eigenen Spielidee. In Elversberg, gegen eines der fußballerisch stärksten Teams der Zweiten Liga, nahm Trainer Leitl diese Anpassungen vor, und es funktionierte perfekt.
Hertha kommt hierher und stellt sich 90 Minuten hinten rein. Und wir als kleine SV Elversberg versuchen, geilen Fußball zu spielen.
Elversbergs Mittelfeldspieler Lukas Petkov
„Jeder, der Elversberg kennt, weiß, dass sie jedes Mal ein Offensivfeuerwerk abfeuern“, sagte Leistner. Leitls Idee war, sich nicht auf ein offenes Duell mit den Elversbergern einzulassen, sondern sie einfach mal machen zu lassen.
„Hertha kommt hierher und stellt sich 90 Minuten hinten rein. Und wir als kleine SV Elversberg versuchen, geilen Fußball zu spielen“, sagte Elversbergs Mittelfeldspieler Lukas Petkov im Interview beim Fernsehsender Sky. Er klang fast ein bisschen beleidigt.
© dpa/Uwe Anspach
Hertha verzichtete bewusst auf Ballbesitz und setzte stattdessen auf Umschaltmomente. „Wir hatten uns vorgenommen, sehr diszipliniert zu spielen und noch einen Tick tiefer zu stehen, um die Räume enger zu gestalten und das Positionsspiel der Elversberger unter Kontrolle zu bekommen“, sagte Trainer Leitl.
Sein Plan ging auf. Auch dank Toni Leistner, der für diese Art von Fußball perfekt geschaffen ist. Wenn er tief verteidigen kann, hart am Mann, dann ist er immer noch ein echtes Bollwerk. „In die gefährlichen Regionen bei uns kamen sie nicht rein“, sagte Herthas Mittelfeldspieler Paul Seguin über die fruchtlosen Offensivbemühungen der Elversberger. „Das haben wir gut wegverteidigt.“
Bei der Wegverteidigung stach Toni Leistner noch einmal heraus. Vierzehn defensive und elf klärende Aktionen wurden für ihn gezählt. Herthas Innenverteidiger gewann sämtliche seiner Zweikämpfe, sowohl am Boden als auch in der Luft. Und so blieb Hertha zum elften Mal in dieser Saison ohne Gegentor.
„Wir haben vorne viel Qualität und sind immer für ein Tor gut. Der Schlüssel ist dann das Zu-Null“, sagte Leistner. „Man muss gegen Elversberg immer ein bisschen leiden, aber wir haben gut dagegengehalten, wenig zugelassen und es als Mannschaft sehr gut gemacht.“
Diese Art des Fußballs kommt Hertha offensichtlich entgegen – auch wenn die Berliner einen Kader mit viel spielerischer Potenz zur Verfügung haben. Auf eine ähnliche Weise hat Leitls Mannschaft im September am fünften Spieltag den ersten Saisonsieg erzielt; damals gegen Hannover 96, den Tabellenführer, der mit vier Siegen aus vier Spielen in die Spielzeit gestartet war und dann von Hertha geradezu vorschriftsmäßig ausgekontert wurde.
Am kommenden Samstag – vier Tage nach Herthas Pokalspiel gegen Freiburg – gastiert Hannover im Olympiastadion. Dass die Heimmannschaft dann zweifelsfrei als Heimmannschaft zu erkennen sein wird, davon sollten die Hannoveraner lieber nicht ausgehen.