Am Ende jedes Jahres, das seit 2022 vergangen ist, könnte man eigentlich die These aufstellen, dass der Frauenfußball so viel gewachsen ist wie noch nie. Es gibt keine andere Sportart, die da derzeit mithalten kann. Explodierende Zuschauerzahlen, Rekord-Transfers und großes Sponsoring-Potenzial, das besonders in den USA und England erkannt wurde. Auch in Deutschland hat sich in diesem Jahr wieder einiges getan, sowohl im sportlichen Bereich als auch in der Außenwahrnehmung.
In den vergangenen zwölf Monaten jagte ein Highlightspiel das nächste. Zunächst verkaufte der Hamburger SV den Volkspark beim Pokalderby gegen Werder Bremen im Februar restlos aus – 57.000 Menschen sahen den 3:1-Erfolg der Bremerinnen. Dieser Rekord wurde am ersten Spieltag der neuen Saison getoppt. Im September gastierte Bayer Leverkusen in der Allianz Arena bei den Double-Siegerinnen des FC Bayern. Das Duell besuchten 57.762 Zuschauende, ein neuer Rekord im deutschen Frauen-Vereinsfußball.
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So beeindruckend diese Zahlen sind – sie dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Spiele abseits der großen Arenen nicht immer derart beliebt sind. So haben etwa Carl Zeiss Jena und Leverkusen nach 14 Spieltagen der neuen Saison 2025/26 einen Zuschauerschnitt von nur 976 und 1180 bei Heimspielen. Es ist nicht so, dass das Interesse sinkt, es stagniert vielmehr.
Die EM in der Schweiz lief aus deutscher Sicht überraschend gut
Das wohl größte Ereignis des Jahres bleibt aber die Europameisterschaft in der Schweiz, bei der sich in einem hochklassigen Finale England vor Spanien den Titel sicherte – zum zweiten Mal in Folge. Aus deutscher Sicht verlief das Turnier unerwartet erfolgreich. Nach einer holprigen Gruppenphase und einer deutlichen 1:4-Niederlage gegen Schweden wurde das DFB-Team von vielen Seiten schon abgeschrieben. Doch es sollte alle Kritiker vom Gegenteil überzeugen.
Unvergessen bleibt das Viertelfinale gegen Frankreich, in dem die deutsche Nationalelf von vornherein so klarer Außenseiter war wie selten zuvor. Trotz einer frühen Unterzahl und 120 Minuten Spielzeit kämpfte sich das Team von Bundestrainer Christian Wück ins Halbfinale – dank einer unwahrscheinlichen Energieleistung und Torfrau Ann-Katrin Berger, die eine Parade zeigte, die wohl in die Geschichtsbücher eingeht.
Das Halbfinalaus gegen Spanien konnte das insgesamt positive Turnierfazit nur geringfügig schmälern. Die Frage, wie gut dieses deutsche Team tatsächlich ist, blieb anschließend aber. Und muss noch immer beantwortet werden.
Nach zahlreichen Rücktritten im Jahr 2024 – unter anderem von Alexandra Popp und Merle Frohms – kamen 2025 noch die von Lina Magull und Europameisterin von 2013 Sara Däbritz hinzu. Christian Wück, der im August 2024 übernommen hatte, gelang der Umbruch trotzdem. Auch wenn die Leistungen nach der EM sich noch zu oft zwischen Licht und Schatten bewegten.
Wir können positiv in die Zukunft schauen und sind noch nicht am Ende des Weges.
DFB-Sportdirektorin Nia Künzer
Die beiden Finalspiele der Nations League gegen Spanien bestätigten genau diesen Eindruck. Es gibt einiges zu tun im kommenden Jahr, das seit Langem mal wieder ohne ein großes Turnier ablaufen wird. Genug Zeit für Bundestrainer Wück, weiter an seiner Spielidee zu feilen und junge Talente wie Franziska Kett, Alara oder Cora Zicai noch mehr einzubinden. „Wir haben seit Oktober 24 viele Veränderungen hinter uns und haben trotzdem in relativ kurzer Zeit viel erreicht“, zog DFB-Sportdirektorin Nia Künzer im Dezember Bilanz. „Wir können positiv in die Zukunft schauen und sind noch nicht am Ende des Weges.“
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Ligaverband bleibt das wichtigste Strukturprojekt im nächsten Jahr
Das Nationalteam bleibt das Aushängeschild des deutschen Fußballs und folglich das der deutschen Vereine in der Bundesliga. Der am 10. Dezember gegründete eigene Ligaverband der 14 Bundesligaklubs, die Frauen-Bundesliga FBL e. V., markiert einen Meilenstein. Er soll den deutschen Frauenfußball im Hinblick auf Professionalisierung, Marketing und Talentförderung entscheidend voranbringen. Doch weil die Klubs das nach einem öffentlichen Streit mit dem DFB bislang noch ohne den Verband angehen werden, ist nicht sicher, ob die FBL tatsächlich schon zur Spielzeit 2026/27 an den Start gehen kann.
In Anbetracht der Entwicklung in anderen Nationen wie England oder den USA wäre ein starkes Gemeinschaftsprojekt der Vereine sowie des DFB wohl die vielversprechendste Lösung für den deutschen Frauenfußball. Nicht ohne Grund hatte Christian Wück nach der EM ein Umdenken auf Vereins- und Verbandsebene gefordert.
Es braucht Veränderung und Fortschritt. Nur so kann die Bundesliga für Top-Spielerinnen wie Jule Brand, Sydney Lohmann oder Sjoeke Nüsken attraktiver bleiben als das Ausland. Nur so kann die Professionalisierung konsequent vorangetrieben und Häufungen schwerer Verletzungen wie die Kreuzbandrisse im Herbst künftig vermieden werden. Nur so wird der deutsche Frauenfußball international wieder konkurrenzfähig.
Das Potenzial für all das ist schon lange da, es muss 2026 nur dringender denn je vollends ausgeschöpft werden.