Uli Hoeneß ist nicht der Typ, der vorschnell aufgibt. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er nicht locker. Insofern müsste er im Moment ganz zufrieden sein mit sich und der Welt. Sein Traum vom FC Bayern Deutschland, von der weitgehenden Überschneidung der beiden wichtigsten Fußballmannschaften des Landes, scheint tatsächlich Wirklichkeit zu werden.
Um die Jahrtausendwende war es, dass der damalige Manager des FC Bayern München eine neue Transferstrategie für seinen Klub definierte. Es sei, so erklärte es Uli Hoeneß mit Blick auf die Heim-WM 2006, nun das Ziel, möglichst viele deutsche Nationalspieler für den FC Bayern unter Vertrag zu nehmen. Ganz uneigennützig, versteht sich. Denn gehe es den Bayern gut, dann gehe es auch dem deutschen Fußball gut.
Im Moment geht es den Bayern nicht nur gut, sondern sogar sehr gut. Im DFB-Pokal stehen sie zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder im Halbfinale, in der Champions League rechnen sie sich trotz des anstehenden Viertelfinales gegen Real Madrid gute Chancen auf den Titel aus, und in der Bundesliga sind die Münchner der nationalen Konkurrenz eh längst enteilt.
Auch Leweling fällt aus
Bundestrainer Julian Nagelsmann beklagt den nächsten Ausfall für die beiden anstehenden Test-Länderspiele. Nach Aleksandar Pavlovic (Bayern München) und Felix Nmecha (Borussia Dortmund) wird ihm auch der Stuttgarter Jamie Leweling gegen die Schweiz und Ghana nicht zur Verfügung stehen. Der Offensivspieler hat das Teamquartier in Herzogenaurach am Dienstag wegen muskulärer Probleme in der Wade verlassen.
Inwiefern sich diese Dominanz auch auf die deutsche Nationalmannschaft hochrechnen lässt, das wird sich dann im Sommer zeigen, bei der Weltmeisterschaft in Nordamerika. Julian Nagelsmann, der Bundestrainer, scheint in dieser Hinsicht zumindest nichts unversucht zu lassen.
Auch wenn Jamal Musiala für die beiden anstehenden Länderspiele am Freitag in Basel gegen die Schweiz und am Montag in Stuttgart gegen Ghana noch passen musste und sich Aleksandar Pavlovic kurzfristig mit einer Verletzung abgemeldet hat: Für die letzten Tests vor der Nominierung des WM-Kaders hat Nagelsmann insgesamt sechs Spieler der Bayern berufen, darunter mit Torhüter Jonas Urbig und dem Teenager Lennart Karl zwei Neulinge.
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Was vor zwei Jahren vor der EM im eigenen Land noch die Spieler des VfB Stuttgart waren, das sind jetzt wieder die Bayern. „Es hilft uns, und es erleichtert vieles, wenn man eine gewisse Anzahl von Spielern aus einem Verein hat“, sagt Joshua Kimmich, der Kapitän der Nationalelf aus München. „Weil die Jungs sich kennen, weil gewisse Abläufe da sind.“
6 aus 25
Ursprünglich hat Julian Nageslmann sieben Spieler des FC Bayern für die Länderspiele nominiert. Nachdem Aleksandar Pavlovic verletztungsbedingt absagen musste, sind es jetzt noch sechs:
- Jonas Urbig
- Joshua Kimmich
- Jonathan Tah
- Serge Gnabry
- Leon Goretzka
- Lennart Karl
Dass Nagelsmann selbst Urbig eingeladen hat, der zwar als überragendes Torhütertalent gilt, im Normalfall in seinem Klub aber nur die Nummer zwei hinter Manuel Neuer ist, das sagt fast alles über die derzeitige Ausnahmestellung der Bayern im deutschen Fußball. Man muss bei den Münchnern nicht mal Stammspieler sein, um für die Nationalmannschaft infrage zu kommen.
Urbig, 22, hat gute Aussichten, perspektivisch Deutschlands Nummer eins zu werden. Dass er bei den beiden anstehenden Länderspielen zum Einsatz kommt, ist jedoch so gut wie ausgeschlossen. Und trotzdem ist seine Nominierung exemplarisch. „Er kennt den großen Bayern-Block“, sagt Nagelsmann.
Das Phänomen ist nicht neu
Dass die Bayern auch in der Nationalmannschaft eine dominante Rolle einnehmen, liegt in der Natur der Sache – und ist zudem alles andere als ein neues Phänomen. Die jüngsten sechs Kapitäne des Teams, von Oliver Kahn bis Joshua Kimmich, waren und sind allesamt Münchner. Schon 1974 standen im WM-Finale gegen Holland sechs Bayern-Spieler in der Startelf, genauso wie 1996 im Endspiel der Europameisterschaft gegen Tschechien.
Auch beim vorerst letzten Titelgewinn, 2014 bei der Weltmeisterschaft in Brasilien, war die DFB-Elf nicht nur personell maßgeblich vom FC Bayern geprägt. Im Endspiel gegen Argentinien standen sechs Münchner in der Anfangsformation. Der siebte, der eingewechselte Mario Götze, war es schließlich, der das Finale mit seinem Tor zu Gunsten der Deutschen entschied.
Ähnlich, wie sie es aktuell sind, so waren die Bayern auch damals das Maß aller Dinge, nicht nur national, sondern auch international. Im Jahr vor der WM hatten sie – noch unter dem Trainer Jupp Heynckes – die Champions League gewonnen. Pep Guardiola, der zur WM-Saison in München angefangen hatte, hob das Spiel der Bayern dann noch einmal auf ein neues Niveau. Der Pep-Fußball war auch für den damaligen Bundestrainer Joachim Löw durchaus stilbildend.
Julian Nagelsmann hat als Trainer viel zu sehr seinen eigenen Kopf, um andere Kollegen zu plagiieren. Aber er ist eben auch klug genug, sich den Lauf und die Dominanz der Münchner für die eigenen Ziele zunutze zu machen. „Wenn man die Option hat, ist es generell immer ratsam, einen gewissen Block zusammenzustellen“, sagt er.
Die Spieler der Bayern stehen nicht nur für viel fußballerische Klasse, sie verkörpern laut dem Bundestrainer auch die Gier, jedes Spiel gewinnen zu wollen. „Deshalb greifen wir gern auf diesen Block zurück“, sagt Nagelsmann. „Weil die Bayern alle eine gute Form haben und uns diese Verbindung was bringt in der Nationalmannschaft.“