Vor etlichen Jahren, da war Gerd Appenzeller nach Stationen als Chefredakteur, Redaktionsdirektor und Herausgeber inzwischen Berater der Chefredaktion geworden, hatte er eine Bitte an uns, seine Nach-Nachfolger: Wir möchten ihm doch, in aller Freundschaft, ehrlich sagen, wenn die Zeit gekommen sei, dass er unangenehme, womöglich alterstypische Verhaltensauffälligkeiten zeige, die er vielleicht selbst an sich gar nicht bemerke, und sich besser zurückziehen solle.
Ja, so war er: kein Lautsprecher oder unerschütterlicher Alleswisser, sondern einer, der zuhörte – den Menschen, den Themen, dem eigenen Zweifel. Und auf diese zumeist leise Weise war Gerd Appenzeller ein Geschenk: für uns, für den Tagesspiegel, für den Journalismus.
Wir hatten nie einen Anlass, mit ihm ein solches ehrliches, hartes Gespräch in aller Freundschaft zu führen, im Gegenteil. Denn nach seiner Zeit als Berater der Chefredaktion kehrte Gerd Appenzeller ganz bescheiden, aber leidenschaftlich engagiert und zeitgemäß an seine Wurzeln zurück: als twitternder und bloggender Lokalreporter in seinem Berliner Heimatort Hermsdorf. Hier wurde er 1943 geboren; hier gründete er 73 Jahre später den Tagesspiegel-Bezirksnewsletter für Reinickendorf.
Ihm wurde per Aushang für seine journalistische Arbeit gedankt
Bei allem, was er tat, ging Gerd Appenzeller den Dingen stets auf den Grund – auch wenn er dafür durch das überschwemmte Tegeler Fließ waten musste. Seine Leserinnen und Leser dankten es ihm dann auch schon mal öffentlich per Aushang an Bäumen im Wald. In einem seiner Newsletter-Editorials beschäftigte er sich nach einem angeblich von Polizei und Medien absichtlich verschwiegenen Kiosküberfall in der Titiseestraße mit seiner Arbeit, mit der Macht von Gerüchten, mit Informationen, Vorurteilen und gesellschaftlichen Verwerfungen. Es geriet ihm eher beiläufig zu einem lokaljournalistischen Manifest.
© Christine Arlt-Schümann
So richtig aufgehört, journalistisch zu denken und zu arbeiten, hat Gerd Appenzeller nie; noch im vergangenen Jahr, da war er bereits 82, besuchte und beschrieb er für einen Artikel über die besten Spielplätze Berlins den Dianaplatz in Waidmannslust; das Foto dazu hat er selbstverständlich auch gleich gemacht. Zum „Anwendungsbeginn der EU-Entwaldungsverordnung“ fragte er vor ein paar Monaten bei Facebook, „ob man jetzt aus schlechten Büchern wieder Bäume machen“ könne. Und bei „X“, vormals Twitter, begleitete er kritisch die Bundespolitik unter dem selbstironischen Namen @almhuette43. Ansonsten galt bei ihm: No jokes with names!
Ein Hauch von Abschied 2021
Aber als er 2021 den Reinickendorf-Newsletter in jüngere Hände übergab, lag doch ein Abschied in der Luft. Also machten wir uns daran, für ein ganz persönliches Zeitungsehrenexemplar Stimmen über Gerd Appenzeller einzusammeln – von Kolleginnen und Kollegen, von Ministerinnen, Generalsekretären, Parteivorsitzenden, Regierenden Bürgermeistern und Präsidenten; von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Gesellschaft und Sport; aus Stuttgart, Hamburg, Washington und Paris.
Er war so verlegen, als wir ihm das fertige Werk eines Abends nachhause brachten. So überrascht; und später – zurecht – so stolz.
© Kai-Uwe Heinrich TSP
Wolfgang Schäuble schrieb, Gerd Appenzeller habe sich „den Blick für die Wichtigtuer und die wirklich Wichtigen bewahrt“, Gesine Schwan beschrieb ihrer beider „professionelle Freundschaft“; Wolfgang Thierse hob Gerd Appenzellers „Fairness und Gründlichkeit“ hervor und John Kornblum seine „beeindruckenden Leitartikel“. Tagesspiegel-Kollege Bernd Matthies befand, er habe „allen berufstypischen Abwegen zum Trotz gleichermaßen Abstand gehalten zum Weltverbesserertum und dessen schwarzem Zwilling, dem Zynismus“. Monika Grütters erinnerte sich gerne an den „anregenden Schlagabtausch“, Giovanni di Lorenzo nannte ihn „ein wunderbares Vorbild“ und Frank-Walter Steinmeier fragte: „Der Tagesspiegel ohne Gerd Appenzeller – geht das eigentlich?“
Nein, das geht eigentlich nicht.
Zwischen Bodensee und Berlin
Gerd Appenzeller war am 8. Juli 1943 in Hermsdorf auf die kriegsverwüstete Welt gekommen. Seit Ostern 1949 besuchte er hier die Gustav-Dreyer-Schule, in einer Klasse mit 47 anderen Kindern. Vor anderthalb Jahren war er noch mal da, auf Einladung einer Lehrerin. Unauffällig suchte er nach der Stelle am Zaun, über die er damals heimlich aufs Grundstück seiner Großeltern geklettert ist. Sie war immer noch da.
© Jörg-Peter Rau
Nach der Grundschule wechselte er auf die Internatsschule Gaienhofen am Bodensee. Es folgte ein Architekturstudium in Berlin – und 1964 die Rückkehr nach Konstanz, als Journalist beim „Südkurier“. Hier war er erst Volontär, dann Lokalredakteur; mit der Reiseschreibmaschine rumpelte er als politischer Reporter durch den Nahen Osten, seine Texte verschickte er mit der Luftpost, sie erschienen erst Tage später.
Von 1977 an und bis 2009 war Gerd Appenzeller im Fernsehen beim SWR zu sehen, unter anderem als „Lotse“ in der Ratesendung „Ich trage einen großen Namen“. Er arbeitete nebenbei für die Deutsche Welle und war auch später im Radio ein gern gehörter, kompetenter Gast.
© SWR/Peter A. Schmidt
1988 wurde Gerd Appenzeller beim „Südkurier“ zum Chefredakteur ernannt, 1994 wechselte er dann auf Bitten seines Verlegers Dieter von Holtzbrinck zum Tagesspiegel, als Nachfolger von Hermann Rudolph und Sprecher der Chefredaktion mit Monika Zimmermann und dem späteren Verteidigungsstaatssekretär Walther Stützle.
Den Grundstein für erfolgreiche Tagesspiegel-Jahre gelegt
Es war eine herausfordernde, ja schwierige Zeit – für den Tagesspiegel, und auch im Tagesspiegel. Aber es gelang Gerd Appenzeller mit seiner ausgleichenden, vernünftigen Art sowie seiner starken Persönlichkeit und publizistischen Kraft, den Grundstein zu legen für die erfolgreichen Jahre, die noch kommen sollten – und an denen er auch später noch entscheidenden Anteil hatte, unter anderem als Leitartikler und Herausgeber sowie als Gründer des Tagesspiegel-Wirtschaftsmagazins „Berlin Maximal“ und des Tagesspiegel-Wirtschaftsclubs.
© Thilo Rückeis TSP
Vor allem aber: als Mensch.
Wer auch immer eine Frage hatte, einen Rat oder Zuspruch brauchte, ob beruflich oder privat: Gerd Appenzeller war da, er hatte für alle einen Platz in seinem Terminkalender und an seinem Schreibtisch reserviert. Und er setzte sich erst, wenn auch der Gast saß. Und dann nahm er sich Zeit. Eine Vertrauensperson.
Der Tagesspiegel ohne ihn – wie soll das gehen?
Gerd Appenzeller – ein angenehmer Souverän
Gerd Appenzeller war zum Kompromiss begabt, Besserwisserei kein Wort, das zu ihm passte. Im Umgang wie in der täglichen Arbeit war er ein Segen. Er konnte gelassen bleiben. In Konferenzen, in denen andere die Stimme hoben, senkte er sie. In Debatten, die nach Zuspitzung zu verlangen schienen, beruhigte er mit Differenzierung. Sein Ethos war die Selbstbeherrschung. Ein angenehmer Souverän.
In diesem Sinne beschrieb er Macht – und verringerte damit den Abstand zu den Mächtigen. Er vertraute darauf, dass Leserinnen und Leser mehr verstehen wollen, als man ihnen oft zutraut. Das war seine ganz eigene Art von Nähe: durch die Vermittlung von Respekt. Und so erreicht man ihn auch.
Ja, er konnte auch anders sein, manchmal, eher selten. Aber das hat am meisten ihn selbst verlegen gemacht. Wie er dann mit einer Hand das silberne Haupthaar plättete; als wolle er sich kleiner machen.
© Thilo Rückeis TSP
Gerd Appenzeller verstand Journalismus nicht als Bühne, sondern als Handwerk mit Haltung. Wer mit ihm arbeitete, lernte schnell, dass er die Unterschiede von Grund auf kannte: präzise sein, nicht pedantisch, und skeptisch nicht als Pose. Er stellte Fragen, die nicht verletzen wollten, sondern klären. Und er schrieb so, wie er dachte: ohne Eitelkeit. Er war sich für nichts zu schade, schon gar nicht für die Pflicht. Sie zu erfüllen, voll und ganz, darin war er nie laut, immer verlässlich.
Weltbürger, Nachbar und Familienvater
Er hat dem Blatt, dem ganzen Haus, durch Zeiten geholfen, in denen Berlin sich neu erfand und Deutschland sich suchte. Und er hat uns geholfen, Mal um Mal. Als Kollege – als Freund. Ein Weltbürger, den die Beziehungen zu den USA und mit Frankreich prägten; ein Nachbar, auf den sich alle verlassen konnten; ein Familienvater, der mit seiner Tochter Nina barfuß im Garten den Walzer für den Abiball übt und sie im zugigen Olympiastadion beim Hertha-Spiel wärmt. Dem auch kein Weg zu weit war, um seine ältere Tochter Stephanie und seine Enkel Paul und Lukas regelmäßig in Rotterdam zu besuchen.
Am vergangenen Donnerstag ist Gerd Appenzeller im Reinickendorfer Caritas-Hospiz Katharinenhaus gestorben, seine Frau Lis an seiner Seite. Glaube, Liebe und Hoffnung begleiten ihn, dem die Kirche, vor allem die evangelische, immer wichtig war: der Glaube, dass einer wie er für sein Da-Sein, sein So-Sein belohnt werden wird; die Liebe, die er gab und die er erfuhr; und die Hoffnung, dass Menschen wie er wiedergeboren werden.